Annika Klose hat am Wochenende auf dem SPD-Parteitag eine der besten Reden gehalten. Sie kam direkt nach Martin Schulz auf die Bühne, der Parteichef warb für die große Koalition, die Berliner Juso-Chefin sprach dagegen. Wenn man sich die Rede auf Youtube anschaut, sieht man, dass Annika Klose nervös ist, ihre Stimme klingt zittrig.

Mit jedem Satz wird sie selbstbewusster, mutiger. Sie redet nahezu frei. „Man hört, ein Nein zur großen Koalition würde Chaos bedeuten, aber ein Nein bedeutet nicht Chaos, sondern gelebte Demokratie“, ruft sie in den Saal und begeistert die Zuhörer. „Sehr aufgeregtes Mädchen von den Jusos bekommt mehr Applaus als Martin Schulz“, schrieb Peter Huth, der Chefredakteur der Welt am Sonntag dazu auf Twitter.

Mädchen klingt niedlich, süß, nicht ernst zu nehmen. Huth wird in den sozialen Medien für seine Wortwahl heftig kritisiert. „Sie haben massive Probleme damit, Frauen als Autoritäten anzuerkennen“, schreibt ein grüner Politiker aus Schleswig-Holstein.

Huth erwidert, er habe Klose doch gewürdigt, was man so sehen kann, aber sein Satz wird als Beleg dafür genommen, wie unterschiedlich Frauen und Männer in der Politik bewertet werden. Wie klischeebehaftet Sprache ist. Man ist Mädchen, wenn man Glück hat, wird man später Mutti.

„Es ist jetzt kein Fall von #MeToo“

Obwohl seit über zehn Jahren eine Frau regiert und Deutschland von außen betrachtet oft als fortschrittlich gilt, blieb die Politik ein Herrenklub. Schon junge Mädchen interessieren sich weniger für Politik als Jungs, treten seltener in Parteien ein, übernehmen weniger Funktionen. Heute sind knapp siebzig Prozent aller Bundestagsabgeordneten männlich.

Annika Klose schrieb zurück: „Mit dem Mädchen bin übrigens ich gemeint.“ Das Mädchen ist 25 Jahre alt, arbeitet als Gewerkschaftssekretärin und leitet seit zweieinhalb Jahren die größte politische Jugendorganisation in Berlin. Sie fühle sich durch die Bezeichnung nicht verletzt, sagt sie am Montag am Telefon. „Es ist jetzt kein Fall von #MeToo“, sagt sie.

Aber es ärgere sie schon, sagt Annika Klose, dass junge Frauen in der Politik oft nicht ernst genommen werden. „Wenn man nervös oder emotional ist, wird das Frauen oft als mangelnde Professionalität ausgelegt“, sagt sie. Sie findet den Hashtag #Canhesaythat treffender, eine Kampagne gegen Sexismus im Berufsleben.

Annika Klose ist nicht die erste Politikerin, die unterschätzt wurde. Die, die sie Kohls Mädchen nannten, wurde später Kanzlerin. Man sollte sich den Namen Annika Klose merken.