So einfach wie vor 20 Jahren lässt sich ein stundenlanger Straßenumzug durch Berlin mit Hunderttausenden Besuchern heute nicht mehr organisieren. Straßen werden weiträumig abgesperrt, hunderte Polizisten und Ordner sind im Einsatz, sie kontrollieren alle Zugänge. Mobile Straßensperren stehen auf der Fahrbahn. Die Gefahr vor einem terroristischen Anschlag ist groß – und auch beim Karneval der Kulturen nicht auszuschließen.

Das multikulturelle Fest zu Pfingsten (mit dem Straßenumzug am Pfingstsonntag als Höhepunkt) ist seit zwei Jahrzehnten ein politisches Statement dieser Stadt, es symbolisiert die Weltoffenheit Berlins und das friedliche Miteinander verschiedener Kulturen Bis zu 800.000 Menschen haben den Karneval in den vergangenen Jahren besucht, mehr als 4000 Mitwirkende aus 67 Gruppen beteiligen sich dieses Jahr am Umzug durch Kreuzberg. Das sind mehr als in den Jahren zuvor.

Eine Lösung hat niemand

Den Karneval der Kulturen wird es sicher noch einige Jahren geben. Es könnte aber der letzte Straßenumzug auf der traditionellen Strecke durch Kreuzberg gewesen sein. Die Veranstalter überlegen, ob es wegen der hohen Sicherheitsvorkehrungen nicht sinnvoller wäre, die kilometerlange Parade auf eine andere Strecke in der Stadt zu verlegen. „Wir müssen uns etwas Neues überlegen“, sagt die Leiterin des Karneval der Kulturen, Nadja Mau.

Es gehe um die grundsätzliche Frage, wie man den innerstädtischen Charakter des Karnevals mit den steigenden Kosten und dem strengen Sicherheitskonzept verbinden kann. Doch welche Orte wären für eine neue Umzugsstrecke gut geeignet? Das Tempelhofer Feld? Die Straße des 17. Juni? Vieles spricht dagegen. Eine Lösung hat zurzeit niemand. „Wir brauchen dafür eine umfassende Debatte mit allen Gruppen und Verantwortlichen“, sagt Nadja Mau. 

Kostspieliges Sichterheitskonzept

Wegen der Sicherheitsbestimmungen gab es bereits im vergangenen Jahr viel Ärger, aus Sicht der Veranstalter kümmerten sich die zuständigen Stellen viel zu spät darum. Auch in diesem Jahr brachte erst ein internes Krisentreffen das nötige Tempo in die Planung. 

Wegen des Sicherheitskonzeptes werden zu den vom Land Berlin finanzierten 830.000 Euro weitere 100.000 Euro hinzukommen, womöglich sind es noch mehr. Das Land Berlin wird diese Kosten übernehmen, versichert Kulturstaatssekretär Torsten Wöhlert. „Die Veranstalter bleiben nicht auf diesen Kosten sitzen.“

Besucher müssen mit Sperrungen rechnen

Auch Wöhlert hält eine Debatte über eine neue Streckenführung für sinnvoll. „Wir müssen uns fragen: Ist das heute noch der Karneval, den es vor 23 Jahren gab?“ Umfassende Veränderungen mussten die Veranstalter schon in diesem Jahr vornehmen. Um die Besucherströme zu entzerren, findet der Umzug in diesem Jahr erstmals in umgekehrter Richtung statt, er startet dort, wo er bisher aufgehört hat: an der Yorckstraße, Ecke Großbeerenstraße.

Der Umzug endet nun am Abend an der Hermannnstraße. Besucher müssen damit rechnen, dass Zugänge bei zu großem Andrang kurzzeitig gesperrt werden. Bei all den Sperrungen beschäftigt die Veranstalter auch die Frage, wie lange die Anwohner die umfassenden Einschränkungen in ihrem Kiez wohl noch tolerieren.