Berlin - Die Berliner sehen sich ja als die Avantgarde der Republik, als diejenigen, die der Zeit mindestens einen Schritt voraus sind. So verhält es sich sogar mit dem in Berlin wenig populären Karneval. Dieser findet eigentlich erst nächste Woche statt. Doch während man sich in den närrischen Hochburgen Köln, Mainz und Düsseldorf noch auf das Treiben vorbereitet, startet der Berliner Karnevalszug an diesem Sonntag auf dem Kurfürstendamm.

Karnevalsresistente Berliner

Schon zum 12. Mal versuchen die Organisatoren, die karnevalsresistenten Berliner auf die Straße zu locken, im besten Fall sogar kostümiert. Das Motto „Berlin ist keck ... und wir sind jeck!“ soll dabei helfen. Für Stimmung sorgen 35 sogenannte Mottowagen sowie 45 Tanzgruppen und Kapellen. Im Gegensatz zum Rheinland, wo während des Karnevals amtlich sanktionierter Ausnahmezustand herrscht, auch was den Festlärm betrifft, darf der Umzug in Berlin allerdings nicht lauter als 70 Dezibel sein. Der Senat befand, dass nur Veranstaltungen von besonderem Wert für die Stadt diese Lärmgrenze überschreiten dürfen. Der Karneval zählt ganz offenbar nicht dazu. Doch wer weiß, wozu es gut ist, wenn Liedgut wie Wolfgang Petris „Hölle, Hölle, Hölle“ weniger laut erklingt...

Dass wegen der gedrosselten Lautstärke weniger Menschen kommen, muss nicht befürchtet werden: „Zum Zug kommen Menschen, die sich für Karneval interessieren, die stehen zu uns, auch wenn es leiser wird“, sagt Eddi Braun, Präsident des Festkomitees. 1,2 Millionen Schaulustige wollen die Organisatoren beim Umzug im Vorjahr gezählt haben. Das wäre ein Drittel der Berliner, wie die Oberjecken nicht müde werden zu betonen.

Traditionell wird Karneval am Wochenende vor Beginn der 40-tägigen Fastenzeit vor Ostern gefeiert. Der Name leitet sich aus dem lateinischen „carne levare“ – Fleisch wegnehmen – ab. Vor der Fastenzeit will man noch mal genießen, die Sau rauslassen. Trotz der geschichtlichen Verwurzelung auch in Preußen (siehe Interview) konnte sich der Brauch in Berlin nicht durchsetzen. Viele Hauptstädter fremdeln mit dem Karneval, der hier so etwas ist wie der Stiefbruder des Karnevals der Kulturen, zu dem regelmäßig die Massen strömen. Karneval-affine Menschen werden dennoch auf ihre Kosten kommen. Immerhin hat Berlin auch ein richtiges Prinzenpaar. Majestäten ohne Allüren und Affären – das sollte verbinden.