Berlins Krankenhäuser wollen den normalen OP-Betrieb bald wieder aufnehmen. 
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BerlinDie 60 Berliner Krankenhäuser haben sich auf die Pandemie vorbereitet. Die Zahl der Intensivbetten wurde von gut 1.000 auf mehr als 1.500 aufgestockt. Es gibt zusätzliche Beatmungsgeräte und mehr Personal auf den entsprechenden Stationen. Geregelt ist auch, welche Kliniken primär die Corona-Patienten versorgen.

Doch die große Welle blieb bisher aus. „Glücklicherweise“, sagt Marc Schreiner, Geschäftsführer der Berliner Krankenhausgesellschaft (BKG), „darum können wir nun in eine neue Phase eintreten.“ Denn zurzeit gebe es viel freie Kapazität in den Berliner Kliniken, die über insgesamt 22.000 Betten verfügen. „Momentan sind die Betten durchschnittlich nur zu 55 Prozent ausgelastet. Im Jahr 2019 waren es im Schnitt 85 Prozent“, berichtet Schreiner.

Dabei sind nicht nur viele Betten auf den für Corona-Patienten vorgesehenen Stationen frei, sondern auch in anderen Abteilungen. Mitte März hatte das Bundesgesundheitsministerium (BMG) die Kliniken hierzulande aufgefordert, alle medizinisch nicht zwingend notwendigen planbaren Aufnahmen und Operationen zu verschieben – um sich für einen starken Zustrom im Verlauf der Pandemie zu wappnen. So manche Operation an Hüft-, Knie- oder Fußgelenk wurde abgesagt, und auch bei schwerwiegenderen Eingriffen wurde geprüft, ob sie unmittelbar stattfinden müssen.

„Das sogenannte elektive Leistungsgeschehen wurde rasch und nahezu vollständig heruntergefahren“, sagt BKG-Chef Schreiner. Das sei wichtig gewesen in dieser ersten Phase zur Abbremsung der Pandemie. Nun sei es an der Zeit, eine neue Vorgehensweise zu etablieren. „Damit meinen wir keinesfalls die Rückkehr zum Regelbetrieb. Vielmehr müssen wir uns darauf einrichten, dass wir wohl noch bis Mitte 2021 ein Konzept brauchen, mit dem es gelingt, sowohl die Covid-Patienten gut zu versorgen, als auch unseren Versorgungsauftrag in den übrigen Bereichen zu erfüllen“, sagt Schreiner.

Covid-19-Behandlung in Berlin

Die Zahl: In Berlin gibt es bisher rund 6.000 bestätigte Fälle des neuartigen Coronavirus. Im Krankenhaus isoliert und behandelt werden 541 Personen, davon befinden sich 159 auf Intensivstationen. 

Die Kliniken: Um die Behandlung der Covid-19-Patienten zu organisieren, wurde für Berlin ein Konzept namens Save erstellt. Es teilt die 60 Berliner Krankenhäuser in verschiedene Level ein. 

Die Intensivfälle: 16 Kliniken sind zunächst für die intensivmedizinischen Fälle vorgesehen, besonders schwere Fälle übernimmt die Charité. Bei steigenden Zahlen ändert sich die Verteilung.

In dieser Lage befinden sich die Krankenhäuser in ganz Deutschland. Das Bundesgesundheitsministerium hat bereits darauf reagiert und am vergangenen Montag das Konzept „Neuer Klinikalltag“ vorgelegt. Darin empfiehlt das Ministerium, nicht mehr 50 Prozent der Intensivkapazitäten für Covid-19-Patienten freizuhalten, sondern - in Stufen - nur noch bis zu 25 Prozent. Darüber hinaus sollen die OP-Kapazitäten in einem ersten Schritt zu 70 Prozent für Elektiv-Eingriffe geöffnet werden. Je nach Pandemieverlauf müssten sich die Kliniken aber auch auf den Schritt zurück vorbereiten – und innerhalb von 72 Stunden weitere Intensiv- und Beatmungskapazitäten organisieren können, forderte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

Das alles soll nun rasch passieren. Am „Neuen Klinikalltag“ können sich die für Krankenhausplanung zuständigen Bundesländer ab Anfang Mai orientieren, lautet die Empfehlung. In Hamburg und Schleswig-Holstein zum Beispiel ist das schon geschehen. In Berlin ist man nicht ganz so flink. Die Berliner Krankenhausgesellschaft hat am vergangenen Dienstag ein Konzept für die „Einleitung einer Covid-Phase-II“ bei der Senatsgesundheitsverwaltung eingereicht.

Diesen Sonntagnachmittag fand zu dem Thema eine Videokonferenz mit Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) statt, bei der die Vorgehensweise besprochen wurde. Offenbar war man sich weitgehend einig über die Rahmenbedingungen. Nun müssen nur noch ein paar Details geklärt werden, dann könnte das Konzept in einer der nächsten Senatssitzungen beschlossen werden. Das ist wichtig, damit die Kliniken Rechtssicherheit haben.

Denn um die Krankenhäuser wieder für mehr Patienten öffnen zu können, muss eine Verordnung des Senats verändert werden: die Sars-CoV-2-Eindämmungsmaßnahmenverordnung. Sie trat am 18. März in Kraft und verpflichtet die Krankenhäuser zum Aussetzen aller planbaren Aufnahmen, Operationen und Eingriffe.

In dem Konzept für die Covid-Phase-II hat die BKG die Rahmenbedingungen formuliert, mit denen sich sicherstellen lässt, nun auch wieder Nicht-Covid-Patienten die notwendige medizinische Hilfe zu leisten. Geplant ist ein behutsamer Anstieg der elektiven Versorgung. Dabei strebt man keine festen Quoten an, wie sie das Bundesgesundheitsministerium nennt. Vielmehr soll die Steuerung der Kapazitäten dynamisch erfolgen und die Entwicklung der Corona-Fallzahlen im Blick haben.

„Daraus lässt sich der Bedarf auf den Intensiv- und Normalstationen für Covid-Patienten ableiten – und die Kapazität für andere Patienten“, sagt Schreiner. Den Kliniken bleibe stets eine gewisse Zeit, auf eventuelle Anstiege der Corona-Fälle zu reagieren. „Der Bedarf für die Behandlung in Krankenhäusern läuft dem Infektionsgeschehen etwa drei Wochen hinterher“, sagt Schreiner. Das hänge damit zusammen, dass sich die Erkrankung oft erst in der zweiten oder dritten Woche so sehr verschlimmere, dass die Betroffenen stationär aufgenommen werden müssen.

Die Erfahrungen der vergangenen Wochen hätten gezeigt, dass höchstens 20 Prozent der Erkrankungsfälle im Krankenhaus behandelt werden müssen und etwas weniger als vier Prozent eine Intensivtherapie benötigen. Da es unter den getesteten Personen in Berlin nun schon über einen längeren Zeitraum weniger als 100 neue Corona-Fälle pro Tag gibt, könnten in Berlin im schlimmsten Fall – etwa, wenn sich die Lockerungsmaßnahmen als falsch erweisen - Mitte Mai 100 zusätzliche Betten auf Normalstationen und 20 auf Intensivstationen benötigt werden, im Juni wären es jeweils doppelt so viele.

Doch die BKG warnt auch: „Wenn es wieder zum einem exponentiellen Anstieg kommt, wären im Juli/August unsere gesamten Kapazitäten erschöpft.“ Deshalb sei es wichtig, schnell reagieren zu können, sagt Marc Schreiner. Das sei jedoch möglich – das hätten die Berliner Kliniken schließlich seit März gezeigt.

Wenn sich die Krankenhäuser nun also bald für ein größeres Patientenspektrum öffnen dürfen, bleibt die Frage, wer zuerst drankommt. Die BKG schlägt zum Beispiel vor, Patienten Vorrang zu gewähren, bei denen auch im Verdachtsfall eine Verschiebung der Behandlung zu einer Verkürzung der Lebenserwartung führen würde. Ebenso hat sie Patienten im Blick, bei denen eine Verschiebung der Behandlung zu einer dauerhaften und unverhältnismäßigen Funktionseinschränkung führen würde, und solche, die Symptome aufweisen, die die Lebensqualität deutlich einschränken.

In den nächsten Wochen bleiben die Ärzte hierzulande von den gefürchteten Triage-Situationen verschont, in denen sie bei nicht ausreichenden Corona-Behandlungskapazitäten entscheiden müssen, welchen Patienten sie zuerst behandeln. Dafür gilt es nun aber medizinisch abzuwägen, welche elektiven Eingriffe in den kommenden Wochen besonders dringlich sind. Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fach­ge­sellschaft und die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie haben dazu eine Empfehlung erarbeitet. Sie raten, in den Kliniken Gremien für die Festlegung von Prioritäten einzurichten, in denen Führungskräfte aus den Bereichen Chirurgie, Anästhesiologie, Infektiologie und Pflege, eine den Patientenbedürfnissen entsprechende Strategie entwickeln.

Wie groß der wirtschaftliche Schaden ist, der in den Kliniken durch den Bettenleerstand und das Drosseln der Eingriffe entsteht, lässt sich Marc Schreiner zufolge noch nicht beziffern. Er ist sich jedoch sicher, dass es – wie in anderen wirtschaftlichen Bereichen auch – starke Erlöseinbußen geben wird. Zwar gibt es mit dem Covid-19-Krankenhausentlastungsgesetz eine Art Rettungsschirm. Demnach erhalten Kliniken zum Beispiel 560 Euro für jedes Bett, das sie durch die Verschiebung elektiver Leistungen nicht belegen. Und für zusätzlich zur Verfügung gestellte Intensivbetten mit Beatmungskapazitäten gibt es 50.000 Euro. Schreiner: „Ob diese Hilfen ausreichen, lässt sich jedoch noch nicht sagen.“