Wirtin Monique M. will die Kneipe, die sie an ihren verstorbenen Mann erinnert, retten.
Foto: Berliner Zeitung/Andreas Klug

Berlin-Prenzlauer BergSie sind nicht nur Gastronomen, sondern bieten Gespräche, Beratung, Rückzug für viele Berliner: Die Kneipenwirte der Stadt. Doch nun macht die Corona-Krise vielen zu schaffen. Auch Monique M. (32) steht mit ihrem Laden „Attenzione“ vor dem Ruin. Doch sie kämpft. Denn der Laden erinnert sie auch an ihren Freund Dirk, der 2015 ermordet wurde.

Verlassen liegt die kleine Kneipe in der Oderbruchstraße, die Tür ist verriegelt, das Licht ist aus. Dann kommt Monique M. um die Ecke. Berliner Göre, sympatisch, die Haare pink, auf dem Rücken ihrer Lederjacke steht „Hard to Break“ – „Schwer zu brechen“. Das sei ihr Motto, wird sie später erzählen, „denn ich gebe nicht kampflos auf“. Ihre Kneipe Attenzione ist eine von vielen, die durch die Corona-Krise vorm Ruin stehen. Während andere – Restaurants, Geschäfte, Friseure – wieder öffnen dürfen, gibt es für Berlins Kneipiers keine Perspektive. „Wir sitzen in unseren Lokalen und wissen weder ein noch aus“, sagt sie. „Ich arbeite nebenher in einem Restaurant, um mich über Wasser zu halten. Die Nebenkosten laufen weiter. Ich weiß nicht, wie lange ich durchhalte.“

Wir sitzen in unseren Lokalen und wissen weder ein noch aus. Ich arbeite nebenher in einem Restaurant, um mich über Wasser zu halten. Die Nebenkosten laufen weiter. Ich weiß nicht, wie lange ich durchhalte.“

Kneipen-Wirtin Monique M.

Monique M. ging im Alter von 19 Jahren in die Gastronomie, arbeitete in Bars, lernte den Job, den Umgang mit den Gästen lieben. Später begann sie eine Ausbildung zur Bankkauffrau, „um noch etwas Zivilisiertes zu lernen“, sagt sie und lächelt. Doch danach zog es sie in die Kneipe zurück. „Ich wollte immer einen eigenen Laden, mein Mann half mir dabei. Er wollte, dass ich mir den Wunsch erfülle.“ Ihr Lebensgefährte, Dirk K., arbeitete als Aufsteller für Spielautomaten, die beiden hatten sich in der Bar kennengelernt, in der Monique zuerst arbeitete. „Er kam für die Wartung der Kisten vorbei, wenn er wusste, dass ich Nachtschicht habe“, sagt sie. Es war Liebe. 2011 kam der gemeinsame Sohn zur Welt – und auch M.s Tochter aus einer früheren Beziehung, damals vier Jahre alt, akzeptierte Dirk als Papa.

2015 wurde Dirk Opfer eines Mannes, der in der Presse der „Kopfschuss-Killer von Basdorf“ genannt wurde: Özil A., Mitarbeiter eines Döner-Imbiss in Basdorf. Bei einem Treffen kam es, so die spätere Anklage, zu einem Streit um 600 Euro, die der Täter K. schuldete. Unter einem Vorwand lockte er den damals 46-jährigen Familienvater in eine Gasse, streckte ihn mit zwei Kopfschüssen nieder. Monique erinnert sich an den Tag. Kripo-Beamte kamen vorbei, befragten sie zu ihrem Mann – was geschehen war, erfuhr sie erst später. „Es gab keinen Seelsorger und als sie gingen, war ich allein.“ Sie erlitt einen Nervenzusammenbruch, ein Kollege brachte sie zum Arzt. „Was man in so einer Situation empfindet, kann man nicht in Worte fassen.“

Die Stühle in der Kneipe sind hochgestellt – und das schon seit Mitte März.
Foto: Berliner Zeitung/Andreas Klug

Monate später der Prozess. Acht Jahre für den Täter. Strafmildernd wurde das Geständnis gewertet – und die Tatsache, dass Özil A. vor der Tat Kokain konsumiert hatte. Der Täter bat auf der Anklagebank um Vergebung, „aber die wird er von mir nicht bekommen“, sagt sie. „Mein Sohn hat am Tag seiner Einschulung geweint, weil sein Papa nicht bei ihm sein konnte.“ Der Mord selbst bleibt nebulös. „Ich glaube nicht, dass es um 600 Euro ging. Mein Dirk hatte ständig mit Schuldnern zu tun – er hat sich selbst bei höheren Summen umgedreht und ist gegangen.“

Nach dem Prozess fasste Monique M. erneut den Plan der Kneipe ins Auge – den Weg hatte ihr Dirk vorbereitet, bei der Suche nach dem Lokal geholfen. Sie öffnete 2016. Stammkunden sind es, die heute vor allem kommen. Die Wirtin sagt es so: „Es gibt viele Menschen, die in unserem System vergessen werden. Sie sind allein zu Hause, haben keine Familien, brauchen jemanden zum Reden. Kneipen sind wichtige Orte für die Menschen.“ Das beste Beispiel sei ein Stammkunde, der in der Nacht des 14. März – der Nacht nach der Schließung – an einem Herzinfarkt starb, allein. Erst Tage später wurde er entdeckt. „Wenn wir offen gehabt hätten, hätten wir früher gemerkt, dass etwas nicht stimmt“, sagt sie.

Von meinem verstorbenen Mann sind mir zwei Dinge geblieben: unser gemeinsamer Sohn und der Laden.

Kneipen-Wirtin Monique M.

Auch deshalb protestierte sie am Montag vor dem Laden, so wie viele andere Wirte vor ihren Kneipen demonstrieren. Sie will nun jeden Montag vor dem Attenzione stehen, mit ihren Stammgästen. Auf dem Handy zeigt sie ein Video von Kurti (84), der auf dem Stuhl vor ihrer Kneipe sitzt und mit Trillerpfeife Lärm macht. Sie lächelt dabei – wie eine Mama, die Bilder ihres Kindes präsentiert.

Das Wohlergehen der Gäste und die eigene Existenz – es sind zwei verdammt gute Gründe, für eine Kneipe zu kämpfen. Für Monique M. sind es nur zwei von drei. Der dritte: „Von meinem verstorbenen Mann sind mir zwei Dinge geblieben: unser gemeinsamer Sohn und der Laden.“ M. hat sich dem Kneipensterben widersetzt, mehrere Überfälle überstanden, sie kann heute gefasst die eigene Geschichte erzählen. Auch, weil ihr neuer Lebensgefährte half, die düsteren Zeiten zu überstehen – und, wie so oft, gestärkt daraus hervorzugehen. „Wenn man das erlebt hat, was ich erlebt habe, kann einen nichts mehr umhauen“, sagt sie. Sie ist heute „hard to break“. Ihr Motto hat sie auch auf der eigenen Haut verewigt, ihren Rücken ziert ein Tattoo: Die Augen ihres verstorbenen Mannes, ein Phoenix – und der Schriftzug „Destiny“, „Schicksal“.