Berlin - Anna ist eigentlich Musiklehrerin. Doch sie stolpert immer wieder über grausige Geschichten, die sich vor Jahren rund um den Charlottenburger Lietzensee abspielten. Mit Hilfe ihres Mannes, ihrer Mutter und ihrer Freundin Carla klärt Anna Kriminalfälle auf, deren Fäden bis in die Gegenwart reichen – wie zum Beispiel jenen, der sich in den 1920er-Jahren rund um die Drachenburg ereignete. In der Wohnanlage zwischen Herbart- und Dernburgstraße lebten Frauen, die als Telefonistinnen arbeiteten und immer unverheiratet sein mussten – die Fräulein von der Post. Und weil die nicht immer ganz jung waren, wurde dem Klinkerbau der Name „Drachenburg“ verpasst.

„Charleston in der Drachenburg“, gerade erschienen im Text Verlag, ist bereits der vierte Krimi um die Hauptheldin Anna. Erfunden hat die Figur Irene Fritsch , die wie Anna seit ihrer Kindheit am Lietzensee lebt. Die frühere Lateinlehrerin verpackt auf durchaus unterhaltsame und spannende Weise Geschichte und Geschichten der gutbürgerlichen Wohngegend zwischen Mord und Totschlag. Dafür ist die 67-Jährige inzwischen kiezberühmt, in den Buchhandlungen zwischen Wilmersdorfer und Kantstraße sind ihre Krimis Bestseller, und bei ihren Lesungen drängt sich die Nachbarschaft.

Durchschnittlich 150 deutschsprachige Kriminalromane erscheinen jeden Monat, sagt Christian Koch, Inhaber der Krimi-Buchhandlung „Hammett“ in der Kreuzberger Friesenstraße. Darunter seien immer mehr Regional- und Kiez-Krimis. „Lokalkolorit ist Mode geworden“, sagt Koch. Lange Zeit hatte er in seinem Laden ganze drei Fächer für Kriminalromane aus und über Berlin reserviert. Jetzt braucht er das ganze Regal dafür. Die Nachfrage hat enorm zugenommen, sagt Koch. Das Angebot auch. In Kochs Berlin-Regal steht auch ein Roman der berühmten schottischen Crime-Lady Val McDermid. „Ein kalter Strom“ spielt zu einem großen Teil in Kreuzberg, sogar Kochs Buchladen wurde beschrieben. Der Isländer Viktor Arnar Ingólfsson lässt in „Späte Sühne“ in der Isländischen Botschaft in Tiergarten töten.

Man kann mitreden

Auch von Berliner Autoren gibt es immer mehr Bücher – über Leichen in Schöneberg, Ganoven in Wedding und Polizisten am Alexanderplatz. Das Verbrechen in der Großstadt lauert überall. Kaum eine Gegend wird ausgespart: Erschlagen, vergiftet und erpresst wird nicht nur in sogenannten Problembezirken wie Neukölln und Wedding oder im Plattenbau-Marzahn, sondern auch im feineren Friedenau. Viele Kriminalfälle, wie jene, die der junge Kommissar Gereon Rath von Volker Kutscher Anfang der 1930er-Jahre aufklärt, führen in die jüngere Historie der Stadt – Geschichtsvermittlung auf unterhaltsame und spannende Art.

Der Jaron Verlag hat mit „Es geschah in Berlin“ eine ganz spezielle Historienreihe aufgelegt. Ein Ketten-Krimi um Kommissar Hermann Kappe – jeder Autor entwickelt die Figur ein wenig weiter. „Das brachte einen Erfolg, den wir so am Anfang gar nicht erwartet hatten“, sagt Verleger Norbert Jaron. Begonnen hatte man vor reichlich vier Jahren mit dem Jahr 1910, in Zwei-Jahres-Schritten geht es vorwärts. Ziel ist das Jahr 1960. Längst sind einige Bände schon in dritter und vierter Auflage erschienen. „Unsere Autoren versuchen sehr viel Zeit- und Lokalkolorit einzubringen“, sagt Jaron. Das honorierten die Leser. Zudem gehörten nicht, wie bei vielen kleinen Verlagen üblich, vor allem Newcomer zum Autorenstamm, sondern auch bekannte Schriftsteller des Genres wie Horst Bosetzky (auch als -ky bekannt) und Jan Eik.

Klaus-Peter Rimpel, Inhaber der Dorotheenstädtischen Buchhandlung in der Moabiter Turmstraße, erzielt mit Kiez- und Regionalkrimis etwa zehn Prozent seines Umsatzes. „Richtig los ging es damit etwa vor zehn Jahren“, sagt der Buchhändler, der auch seit 14 Jahren die Moabiter Kriminale mit Autoren-Lesungen veranstaltet. Die Leute läsen generell gern Kriminalromane zur Entspannung, jene mit Berlin-Kolorit stünden besonders wegen des Wiedererkennungswertes hoch im Kurs, sagt Rimpel. „Man kennt die Ecken der Stadt, die beschrieben werden, und man kann mitreden.“

Rimpels Geschäft liegt genau gegenüber dem Strafgericht. Kein Wunder also, dass unter seinen Kunden auch Anwälte, Staatsanwälte und Richter sind. Einige wie der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach und der Staatsanwalt Michael Grunwald sind mittlerweile selbst zu Krimi-Autoren avanciert. Auch jene, die als Angeklagte vor dem Moabiter Gericht landen, kaufen manchmal bei Rimpel ein. Aber keine Romane. „Die verlangen meistens eine aktuelle Ausgabe des Strafgesetzbuches.“