Kunststoff hat seinen guten Ruf verloren – nicht nachhaltig, umweltschädlich, kann Schadstoffe enthalten. Doch muss man erst einmal ein Material finden, dass vergleichbare Vorteile aufweist. Schließlich ist Plastik auch nahezu unschlagbar was die flexible Formgebung angeht und die Beständigkeit.

So denkt man – doch Anastasiya Koshcheeva, eine Berliner Produkt-Designerin mit Wurzeln in Sibirien, ist da anderer Meinung. Sie entwirft Möbelstücke, Behälter, Leuchten und neuerdings auch Wandpaneele aus sibirischer Birkenrinde.
„Birkenrinde verfügt von Natur aus über faszinierende Eigenschaften“, sagt sie. Durch die natürlich enthaltenen ätherischen Öle sei sie antiseptisch, feuchtigkeitsabweisend sowie isolierend. „Das Material eignet sich deswegen besonders gut zur Aufbewahrung von Lebensmitteln“, so Koshcheeva.

Birkenrinde gilt auch als "Kunststoff des Mittelalters"

Die weiche Rinde sei außerdem so flexibel, dass es bei Möbelstücken als eine Art Lederersatz herhalten kann. Tatsächlich wird Birkenrinde auch als „Kunststoff des Mittelalters“ bezeichnet. Früher wurde die Rinde vielfältig eingesetzt – neben Vorratsdosen etwa auch als Isolierschicht im Dachbau. Verwendet werden kann die äußere Rindenschicht, die von lebenden Bäumen einmal im Jahr geerntet wird. Innerhalb von drei Jahren wächst die Rinde nach.

Koshcheeva stammt ursprünglich aus Krasnojarsk, einer Stadt im Osten Russlands. Ihre Familie hatte im Vorratsschrank immer eine Box aus Birkenrinde stehen und bewahrte dort Brot, Kekse oder Tee auf. Daran erinnerte sie sich während ihres Studiums zur Industrie- und Produktdesignerin und die Idee zu ihrem eigenen Unternehmen Moya entstand.
Sie begann Kontakt zu sibirischen Handwerksbetrieben aufzunehmen, jedoch wenig erfolgreich. Kaum jemand glaubte an ihre Vision, Birkenrinde wieder zum Leben zu erwecken. Denn die Jahrtausende alte Tradition, Birkenrinde als Handwerksmaterial zu verwenden, ist fast verschwunden. Das Naturmaterial wurde allmählich durch industrielle Werkstoffe ersetzt und ist abgesehen vom Souvenirgeschäft fast komplett vom Markt verschwunden.

Also baute Koshcheeva 2016 eine eigene Birkenrinden-Produktionsstätte in Iwanowo, in der Nähe von Moskau, auf. Auch einige kleine Familienbetriebe in Sibirien kooperieren mit Moya. Die zweite Produktionsstätte in Tomsk befindet sich gerade im Aufbau. In Berlin werden die Designs gestaltet, Prototypen erstellt und der Vertrieb organisiert. Die Produkte gibt es mittlerweile in mehreren Läden in Berlin zu kaufen, aber unter anderem auch in Hamburg, München, selbst in Italien, Japan, den USA und natürlich Russland gibt es Abnehmer.

Die Produktion aber soll weiterhin ausschließlich in Russland stattfinden. „Meine Vision ist es, die Tradition am Leben zu erhalten und das Material neu zu etablieren“, sagt die Designerin. Außerdem soll das Projekt dafür sorgen, dass die Berufsausbildung für das Birkenrinden-Handwerk erneut eingeführt wird. Sieben Arbeitsplätze in Sibirien hat sie bereits geschaffen, mit der neuen Produktionsstätte sollen weitere dazu kommen.