Berlin - Entführt, missbraucht, vielleicht getötet. Niemand weiß, was mit ihnen geschah: 41 Kinder und 46 Jugendliche gelten in Berlin derzeit als vermisst. Allein 53 von ihnen verschwanden in diesem Jahr. Mit jedem weiteren Tag sinkt die Wahrscheinlichkeit, die Kinder noch lebend zu finden, ist die Erfahrung beim Berliner Landeskriminalamt (LKA). Meist tauchen die Verschwundenen kurze Zeit später wieder auf. Es sind also Ausreißer, Zuspätkommer, Zeitvergesser. Nur wenige bleiben jahrelang weg.

Bundesweit sind derzeit 1886 Kinder bis 13 Jahre und 7688 Jugendliche als vermisst erfasst. Davon verschwanden 175 Kinder und 1349 Jugendliche alleine im ersten Quartal dieses Jahres. Die Mehrzahl der Vermissten sind unbegleitete Flüchtlinge – 939 Kinder und 6091 Jugendliche. Mehr als 1000 Vermisste gehören zu den sogenannten entzogenen Minderjährigen. Das sind Kinder, die ein Elternteil oder ein Angehöriger ohne Erlaubnis zu sich genommen hat.

Am 25. Mai ist Tag der Vermissten Kinder 

Um an die Kinder zu erinnern, die schon lange Zeit verschwunden sind und womöglich nie wieder auftauchen, findet jährlich am 25. Mai der Tag der Vermissten Kinder statt. Er wurde 1983 vom damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan ausgerufen – im Gedenken an einen sechsjährigen amerikanischen Jungen, der auf dem Schulweg spurlos verschwand. Seit 2003 wird der Gedenktag auch in Deutschland begangen. Wenn die Verschwundenen in der Zwischenzeit rein rechnerisch volljährig werden, tauchen sie in der Kriminalstatistik vermisster Kinder nicht mehr auf.

So gibt es in Berlin neun Fälle, in denen Kinder oder Jugendliche verschwanden, die inzwischen volljährig sind. 1993 verschwand der damals zwölfjährige Manuel Schadwald. Seit 2006 wird Georgine Krüger aus Moabit vermisst, sie war damals 14 Jahre alt. Im Jahr 2000 verschwand die damals zwölfjährige Sandra Wißmann aus Kreuzberg. Alle drei zählen heute offiziell zwar nicht mehr zu den vermissten Minderjährigen, sagte ein LKA-Sprecher. Dennoch wird nach ihnen immer noch öffentlich gefahndet.

Abteilung für ungeklärte Fälle 

Ein Vermisstenfall bleibt zudem 30 Jahre in den Akten der Kriminalämter und wird dann von einer speziellen Abteilung der Polizei für ungeklärte Fälle bearbeitet. Die Zeit ist dabei der größte und gnadenloseste Gegner der Ermittler. Zeugen oder mögliche Tatverdächtige können im Laufe der Jahre sterben, versteckte Leichen unbemerkt verwesen. Und so besteht nach mehreren Jahren kaum noch Hoffnung, vermisste Kinder zu finden. Egal ob tot oder lebendig.