Für die 49-jährige Katharina Rostock ist es bereits die zweite Eigenbedarfskündigung. „Ich habe schon 2015 meine Wohnung wegen Eigenbedarfs verloren“, sagt sie. Jetzt hat sie auch im Kampf um die Wohnung ihres Vaters Jürgen Rostock eine Niederlage erlitten. Das Berliner Landgericht bestätigte am Dienstag in einer Berufungsverhandlung die Entscheidung des Amtsgerichts Mitte, das die Eigenbedarfskündigung gegen den Vater von Katharina Rostock als rechtens eingestuft hatte.

„Ich muss die Wohnung jetzt räumen“, sagt Katharina Rostock nach dem Urteil. „Ich hoffe, dass ich genug Zeit bekomme.“ Ihr Vater, der 81-jährige Wissenschaftler und Publizist Jürgen Rostock, lebte seit 1990 in dem Wohnhaus in Mitte. Dort hatte der Gründer und langjährige Leiter des Dokumentationszentrums Prora auf Rügen eine große private Bibliothek. 1999 hatte Rostock seine Dreizimmerwohnung nach einem Umzug im selben Haus bezogen. Die Mietwohnungen waren im selben Jahr in Eigentumswohnungen umgewandelt worden.

Kuriose Begründung

Die neue Eigentümerin, die den Eigenbedarf geltend machte, erwarb die vermietete Wohnung erst im Jahr 2013. Sie bewohnt selbst eine Wohnung ganz in der Nähe. Mit Schreiben vom September 2015 kündigte sie dem Mieter. Sie führte laut erstinstanzlichem Urteil des Amtsgerichts Mitte zur Begründung aus, dass sie bei Erwerb der Wohnung noch alleinstehend gewesen sei. Nachdem sie ihren Lebensgefährten kennengelernt habe, mit dem sie eine Familie gründen wolle, sei ihre bisherige Wohnung zu klein. Die Wohnung verfügt zwar ebenfalls über drei Zimmer, hat aber den Angaben nach 23 Quadratmeter weniger.

Mit Urteil vom 13. Dezember 2017 entschied das Amtsgericht Mitte, dass die Kündigung rechtens sei. Die Begründung liest sich aber kurios: Unzweifelhaft stelle die Beendigung des Mietverhältnisses „eine schwerwiegende Beeinträchtigung“ für den Mieter dar, „die über die üblicherweise entstehenden Unannehmlichkeiten eines zwangsweisen Auszuges“ aus der Wohnung hinausgehe, stellte das Amtsgericht fest. Nach einer „sorgfältigen und zeitintensiven Abwägung der beiderseitigen Interessen“ habe sich das Gericht aber letztlich dafür entschieden, dass den Interessen der Vermieterin „der Vorzug zu geben“ sei.

Landgericht stufte Jürgen Rostock als "fähig" ein

Zwar erkannte das Amtsgericht, dass eine tiefe Verwurzelung des 81-Jährigen in seiner vertrauten Umgebung anzunehmen sei und dass ein Auszug in Anbetracht des Alters „nicht ohne nachteilige Folgen“ bleiben werde. Ja, das Gericht führte sogar noch aus, dass laut einem Sachverständigen die Beendigung des Mietverhältnisses „zu einer depressiven Symptomatik“ führen könnte. Doch dann kommt das Amtsgericht zum Schluss, dem Mieter sei zuzumuten, sich gegebenenfalls in ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung zu begeben.

Im Gegensatz zur Kündigung eines 82-jährigen Mieters, die vom Landgericht in einem anderen Fall als unzumutbare Härte abgelehnt worden sei, verfüge Jürgen Rostock über „kognitive Fähigkeiten, die eine Krisenbewältigung möglich erscheinen“ ließen. Es kam jedoch ganz anders. Kurz nach der Entscheidung des Amtsgerichts bekam der Rentner, der nach Angaben der Tochter unter einer Herzschwäche litt, einen fiebrigen Infekt und ein paar Wochen später eine schwere Lungenentzündung.

Rechtsstreit war eine große Belastung

Davon erholte er sich nicht mehr und starb am 25. März im Krankenhaus. „Wir können nicht behaupten, dass sein plötzlicher Tod im März die Folge des Rechtsstreites war, wir können aber mit Sicherheit sagen, dass der Rechtsstreit eine große Belastung für ihn war“, stellt Katharina Rostock fest. Ihr Vater habe es als eine große Ungerechtigkeit angesehen, in hohem Alter seine Wohnung verlassen zu müssen. „Wir haben es so empfunden, dass es ihm schwergefallen wäre, sich in einer neuen Wohnung einzuleben und mit neuen Abläufen in seinem Wohnumfeld umzugehen. Er fühlte sich nicht so gesund und kräftig, dass er sich den Umzug zugetraut hätte“, so Katharina Rostock.

Der Rechtsanwalt der Vermieterin sagte in der Gerichtsverhandlung am Dienstag, dass sich seine Mandantin bemüht habe, eine neue Unterkunft für den 81-Jährigen zu suchen – etwa über die städtischen Wohnungsbaugesellschaften. Sie sei auch bereit gewesen, beim Umzug der 3000 Bücher zu helfen. Das Angebot sei leider nicht angenommen worden. Als sei das das Problem gewesen. „Mein Vater war in seiner Wohnung verwurzelt“, sagt Katharina Rostock. „Er wollte dort bleiben.“ Und Rechtsanwalt Christoph Müller hat nur ein Wort für die Ausführungen: „Empathielosigkeit“.