In Berlins Schulen rumort es. Ende vergangener Woche wurden die Lehrerinnen und Lehrer von einem Rundschreiben der Bildungsverwaltung erreicht: Angesichts des Lehrermangels wird ihnen nun die Möglichkeit gegeben, freiwillig Überstunden zu leisten. Jede zusätzliche Stunde soll mit einem Betrag von 22,50 Euro vergütet werden beziehungsweise an den weiterführenden Schulen mit einem Betrag von 30,37 oder 35,49 Euro.

Die Mehrarbeit soll direkt im Unterricht oder im Programm „Stark trotz Corona“ geleistet werden. „Wir freuen uns dabei über jede einzelne Stunde, die angesichts unserer Lehrkräftemangelsituation mehr an die Schule kommt,“ heißt es in dem Schreiben. „Jede Stunde zählt,“ sagte die Senatorin Astrid-Sabine Busse am Rande des SPD-Parteitages am Wochenende.

In den Lehrerkollegien ist der Ärger nun groß. Ein Lehrer, der nicht genannt werden will, sagte, der Betrag sei eine Frechheit. Außerdem seien viele schon an der Belastungsgrenze, haben also gar keine Kapazität für Mehrarbeit – und fürchten, falls sie doch Mehrarbeit leisten, der Argumentation Vorschub zu leisten: Aha, da ist ja überall noch Kapazität, dann ist es ja gar kein Problem, insgesamt die Richtstundenzahl hochzusetzen.

Nur wenige werden dem Aufruf folgen, vermutet ein Schulleiter

Der Schulleiter Jens Zimmerschied hält das für einen legitimen Versuch der Bildungsverwaltung, die Auswirkungen des Lehrermangels für die Schüler zu lindern. Er glaubt jedoch, dass nur sehr wenige Lehrkräfte diesem Aufruf folgen werden, weil von dem versprochenen Geld nach Steuern nur sehr wenig übrig bleibe.

Er selbst habe früher, als er noch ausschließlich als Mathematiklehrer an Berlins Schulen tätig war, in einem Schuljahr statt der üblichen 26 Stunden 29 Stunden unterrichtet. Damals habe er dann netto pro Stunde nur etwa 15 Euro verdient, und außerdem sei er am Ende der Zeit doch ziemlich erschöpft gewesen.

Für realistischer hält er das Szenario, dass einige Teilzeitkräfte ihre Stundenkontingente spontan aufstocken werden. Obwohl man auch hier bedenken muss, dass die meisten „gute Gründe haben, warum sie in Teilzeit arbeiten“.

Noch mehr Sorgen macht Zimmerschied allerdings eine andere Ankündigung der Bildungsverwaltung. Am vergangenen Dienstag sind die Schulleiterverbände mit Holger Schmidt zusammengekommen, der in der Bildungsverwaltung für das Thema Lehrkräfteversorgung zuständig ist.

Bei diesem Treffen sollten die Schulleiter darauf eingeschworen werden, dass die Lehrkräfte jetzt gerechter auf die Berliner Schulen verteilt werden und deshalb für bestimmte Regionen die Einstellungskontingente festgelegt werden.

Schulen sollen nur noch 97 Prozent ihrer Stellenzumessung erhalten

Im Laufe des Gesprächs habe sich jedoch herauskristallisiert, dass das de facto eine Verknappung auf 97 Prozent der Stellenzumessung an allen Schulen bedeutet. „Wenn die gewünschte Schule aufgrund der Absenkung um drei Prozent nicht mehr einstellen kann, bewerben sie diese Personen an den unbeliebteren Schulen,“ sagte Holger Schmidt bei dem Treffen.

Sven Zimmerschied hat jedoch große Zweifel, dass das wirklich passieren wird. „Ich glaube nicht, dass sich die Lehrkräfte so einfach umlenken lassen. Die wollen nun mal in der Regel an eine ganz bestimmte Schule. Und wenn das in Berlin nicht mehr geht, dann gehen sie vielleicht in ein anderes Bundesland. Also meine Prognose wäre, dass vielleicht ein Prozent der Lehrkräfte sich wird umlenken lassen und zwei Prozent den Berliner Schulen verloren gehen.“

Zimmerschied, der die Friedensburg-Oberschule in Charlottenburg leitet, ist selbst von der neuen Regelung betroffen. Durch das gute Renommee seiner Schule – einer staatlichen Europa-Schule mit der Partnersprache Spanisch – hat er eigentlich fast nie Probleme, Stellen nachzubesetzen.

Nun hatte er aber in der letzten Zeit nur 96 Prozent seiner Stellen besetzt, um Raum zu lassen für die drei Referendare, die sich im Moment an seiner Schule in Ausbildung befinden. „Nun werde ich diese drei vermutlich nicht einstellen können. Aber zwei stammen aus dem spanischsprachigen Raum und werden sicher nicht an eine Schule gehen wollen, wo das Spanische keine große Rolle spielt,“ so Zimmerschied.

Ob also die Rechnung der Bildungsverwaltung aufgehen wird, bleibt offen.