Berlin - Schon auf dem Buchumschlag steht Großes, nämlich dass sie Texte für Herbert Grönemeyer, Udo Lindenberg und die Toten Hosen dichtet. Es könnte eine Verpflichtung für Größeres sein, wenn so ein Satz auf dem Umschlag des eigenen Buches steht. So, wie die Latte für den Stabhochspringer nach einem erfolgreichen Sprung höher gelegt wird. Ist Arezu Weitholz nervös?

Jetzt gerade nicht, aber sie sitzt auch sehr entspannt in dem Kreuzberger Café „Drei Schwestern“ und trinkt Rhabarbersaftschorle. „Es ist ja nur ein dünnes Buch“, sagt Arezu Weitholz. Und Grönemeyer, den sie mal durch ein Interview kennengelernt hat und der ihre Texte schon lange liest, findet ihr Buch gut. Als beide in London lebten, gab sie ihm das zu lesen, was mal ihr erster Roman werden sollte. Der wurde zwar nie veröffentlicht, dafür aber „Wenn die Nacht am stillsten ist“, ihr wirklich erster Roman.

Er ist soeben erschienen und wird in den Feuilletons bereits hoch gelobt. Dabei hatte Weitholz doch Angst, dass die Geschichte von ihrer Heldin Anna zu dünn ist.

Viel Lob für ihren Roman

Anna ist aus Südafrika zurückgekehrt, wohin sie vor dem Leben mit einer psychisch kranken Mutter und der Erinnerung an den Selbstmord ihres Vaters geflüchtet war. Sie hat dort Platten aufgelegt, Drogen konsumiert und im Gefängnis gesessen. Nun ist sie Redakteurin bei einem in Hamburg erscheinenden Szenemagazin und mit ihrem Chefredakteur zusammen, heimlich, weil ein Verhältnis mit dem Chef immer kompliziert ist und vor allem weil Ludwig, ihr Chef, einen Mythos der Unerreichbarkeit pflegt. Natürlich ist das Leben in der Heimat auch weitergegangen, alles ist schicker und schneller geworden und Annas Mutter kranker als zuvor. Doch unverändert scheitert Anna daran, mit ihren Gefühlen umzugehen. Sie ist einsam bis auf zwei Freunde, Hannes und Dante, den Schleierschwanzfisch.

Annas Geschichte ist in weiten Teilen identisch mit der von Arezu Weitholz. Aber um die Unterschiede herauszuarbeiten, erzählt die Autorin nun aus ihrem Leben. Geboren 1968 in Rehren, Niedersachsen, von einer Iranerin, sie gab dem Baby den Namen Arezu. Adoptiert von dem deutschen Ehepaar Weitholz, das das Mädchen Britta nannte. Sie wuchs auf dem Dorf auf, auf der Tankstelle ihres Opas, wo sie für eine Mark Autos wusch und sich von dem Geld Yps-Hefte kaufte.

Eine deutsche Kindheit, die sich Weitholz heute vielleicht bunter wünschte. „Wenn ich sage, dass ich Arezu heiße, werde ich sofort gefragt, was das für ein Name ist“, sagt sie, „ich habe schon überlegt, ein Buch über meine persische Seite zu schreiben.“ Gibt es denn einen Migrationshintergrund in ihrem Leben? „Dazu möchte ich nichts sagen“, ist die Antwort.

Als DJ in Südafrika gearbeitet

Nach dem Abitur hat Weitholz eine Banklehre gemacht, und nun wird es schwierig mit den Unterschieden im Leben von Anna und Arezu. Weitholz wurde Popredakteurin bei „Max“, dem Szenemagazin der 90er Jahre und ging nach Südafrika, wo sie Platten auflegte. Und auch Drogen nahm und im Gefängnis saß? „Ich war in Südafrika so ziemlich überall, auch und vor allem da, wo man vielleicht nicht sein will“, sagt sie dazu. Dann lebte Weitholz jahrelang in London, wo sie anfing, für Musiker, die sie durch Interviews kennengelernt hatte, Texte zu bearbeiten und zu schreiben.

Dann war Arezu Weitholz pleite, zog nach Berlin und begann, wieder mehr eigene Texte zu schreiben. Gedichte über Fische zum Beispiel. Daraus sind zwei Bände geworden, und noch immer schreibt sie über die Fische. Vorgestern erst.

In Berlin ist Arezu Weitholz zum ersten Mal angekommen, weil es eine Stadt ist, „in der man nichts muss. Das ist fatal für Müßiggänger, weil die hier erst recht nichts gebacken kriegen“, sagt sie. „Und der Winter ist grau und der Flughafen ist auch nicht fertig. Aber die Berliner lassen die Kirche im Dorf. Das gefällt mir.“

Arezu Weitholz. Wenn die Nacht am stillsten ist.Kunstmann, 17,95 Euro.

Die Autorin liest am heutigen Donnerstag (13.09.2012) um 20 Uhr in der Buchhandlung Moby Dick, Stargarder Straße 67 in Prenzlauer Berg.