Nichts erinnert an die blutige Tat, die sich hinter diesen weißen Mauern ereignete. Eine Gedenktafel hängt weder neben dem Portal, das bis unterhalb des zweiten Stockwerks aufragt, noch sonst wo an der Fassade, die sich aus einem halben Kellergeschoss, vier Obergeschossen und einem zweistufigen ziegellosen Dachgeschoss zusammensetzt. Zwei Videokameras, rechts und links außen angebracht, linsen auf den Hauseingang.

Aus dem öffentlichen Geschichtsbewusstsein gedrängt ist das Massaker im Innenhof dieses Hauses, verübt von Freikorpssoldaten an Matrosen der Volksmarinedivision vor hundert Jahren. Die Liste der Opfer nennt 30 Namen. An dritter Stelle steht: Bonczyk, Jakob.

Massaker in der Französischen Straße

Gerd Bonczyk legt einen Aktenordner auf den Tisch. Auf dessen Rücken ist zu lesen: „Morde in der Französisch. Str. 32“. Er klappt den Ordner auf, löst den Klemmbügel, entnimmt das erste Blatt und entfaltet es. In der Mitte des Papiers steht ein Artikel mit der Überschrift „Das Massaker in der Französischen Straße“, darunter eine Liste der Opfer. Der dritte Name ist mit einem grünen Textmarker angestrichen. 

Mit diesem Blatt Papier begann Gerd Bonczyk eine Recherche über das Schicksal seines Onkels Jakob. Es ist die Kopie einer Seite aus der Tageszeitung „Neues Deutschland“ vom 15. März 1969. Gefunden hat der 83-Jährige sie im Nachlass seines Bruders, im Stammbuch. „Mein Bruder hat mir gegenüber diesen Artikel nie erwähnt“, sagt er. „In unserer ganzen Familie war der Onkel nie ein Thema. Warum?“

Es ist nicht die einzige Frage, die Gerd Bonczyk zu beantworten sucht.

Die Volksmarinedivision – Matrosen der kaiserlichen Marine gründeten sie, nachdem sie die Novemberrevolution 1918 ausgelöst hatten. Die Division wurde nach den Weihnachtskämpfen verkleinert und in die Republikanische Soldatenwehr eingegliedert, weil sie wegen ausbleibender Löhnung gegen die Regierung rebelliert hatte.

Im Marinehaus an der Jannowitzbrücke nahmen die verbliebenen 800 Mann Station. Die Truppe blieb beim Januaraufstand („Spartakusaufstand“) neutral, obwohl viele Angehörige politisch links standen. Eingesetzt wurde sie zur Bewachung öffentlicher Gebäude.

Was sich am 11. März 1919 im Innenhof der Französischen Straße 32 ereignete, war die größte Gräueltat der Märzkämpfe, dem bis dahin blutigsten Akt im Revolutionsdrama 1918/19. Tagelang erschütterte ein auf Stadtviertel beschränkter Bürgerkrieg Berlin. In ihm zeigte sich, dass die junge Weimarer Republik eine Geisel der Kräfte war, deren Macht die Revolution hatte brechen wollen.

Februar 1919. Es gärt in weiten Teilen der Arbeiterschaft im Reichsgebiet. Viele Arbeiter sind enttäuscht vom Bündnis der sozialdemokratisch geprägten Regierung Ebert-Scheidemann mit kaiserlichen Militärs (Friedrich Ebert ist Reichspräsident, Philipp Scheidemann Ministerpräsident); nicht wenige sind verbittert durch die Niederschlagung des Januaraufstands.

In Industriegebieten in West- und Mitteldeutschland kommt es zu Generalstreiks. Den Streikenden geht es um Sozialisierung: um Mitbestimmung in den Betrieben und Verbesserung ihrer Lebenslage. Die Regierung verhängt den Belagerungszustand und lässt Freikorpsverbände marschieren, deren Soldaten, mehrheitlich Veteranen der kaiserlichen Armee, dazu junge Leute, politisch rechts stehen.

Nationalismus und Antibolschewismus

Die Freikorpsler glauben: Nicht im Felde ist der Krieg verloren gegangen, sondern an der Heimatfront. Von Sozialisten, allen voran den Unabhängigen (Unabhängige Sozialdemokratische Partei, USPD) und den Spartakisten (Spartakusbund, mitbegründete zur Jahreswende 1918/19 die Kommunistische Partei Deutschlands/KPD), sei die Armee hinterrücks gemeuchelt worden (Dolchstoßlegende).

Die Korps stehen unter dem Oberkommando von General Walther Freiherr von Lüttwitz – er wird 1920 eine Konterrevolution gegen die Republik anführen, den „Kapp-Putsch“ (auch „Kapp-Lüttwitz-Putsch“).

„In den Freikorps wurde jener Stil der modernen Soldateska kultiviert, der Gewalt zum Selbstzweck machte“, schreibt der Historiker Hans Mommsen („Die verspielte Freiheit“). „Männerkult und erotische Verklärung verschmolzen mit hybridem Nationalismus und fanatischem Antibolschewismus.“

Anfang März 1919 erreicht die Streikbewegung Berlin. Der Arbeiterrat ruft am 3. März zum Generalstreik auf. Nicht nur Delegierte der KPD und der USPD stimmen dafür, auch einige der Mehrheitssozialdemokraten (MSPD). Das Streikkomitee fordert: Anerkennung der Arbeiter- und Soldatenräte, Freilassung aller politischen Gefangenen, Auflösung aller Freikorps, Bildung einer Arbeiterwehr. Den Streikenden wird auf den Weg gegeben, sich nicht von Regierungstruppen provozieren zu lassen.  

Die Regierung fürchtet eine zweite Revolution; sie verhängt noch am selben Tag den Belagerungszustand über Berlin, den Stadtbezirk Spandau, die Landkreise Teltow und Niederbarnim. Die vollziehende Gewalt legt sie in die Hände von Reichwehrminister Gustav Noske (SPD), der sich beim Januaraufstand einen Namen gemacht hat – als „Bluthund“. Noske setzt Freikorps in Marsch.

Der Tag ist noch nicht um, da kommt es vor dem Polizeipräsidium auf dem Alexanderplatz zu Ausschreitungen: Polizisten werden angegriffen, Gefangene aus eintreffenden Transporten befreit. Im Verlauf der Nacht werden Geschäfte geplündert, gleichzeitig Polizeireviere überfallen und Waffen entwendet. Es gibt die ersten Toten.

Die Ausschreitungen hatten hauptsächlich zwei Urheber: Provokateure von rechts, die den Vorwand schaffen wollten, die Linke endgültig zu zerschlagen; und Radikale von links, die die Revolution vollenden und  auch Revanche nehmen wollten für den Januaraufstand, dem die Spartakisten und KPD-MitbegründerKarl Liebknecht und Rosa Luxemburg zum Mordopfer fielen.

Freikorpssoldaten nehmen Matrosen unter Feuer

Als die Berliner Stadtkommandantur am 5. März Angehörigen der Volksmarinedivision befiehlt, den Alexanderplatz und dessen Umgebung zu räumen und Plünderer festzunehmen, eskaliert die Lage. In der Magazinstraße geraten die Matrosen unter Maschinengewehrfeuer von Freikorpssoldaten. Dass sie irrtümlich beschossen werden, darf bezweifelt werden.

Klaus Gietinger beschäftigt sich seit über dreißig Jahren mit der Novemberrevolution; der Sozialwissenschaftler hat dazu mehrere Bücher veröffentlicht und auch Drehbücher verfasst. Sein neues Buch behandelt die Volksmarinedivision („Blaue Jungs mit roten Fahnen“). „Die Angehörigen der Volksmarinedivision waren das Hassobjekt der Militaristen, da sie gegen den Krieg gemeutert hatten, eine neue basisdemokratische Armee verkörperten und forderten“, erklärt er das Verhältnis zwischen Matrosen und Freikorpslern. „Auch ließen sie sich nicht für konterrevolutionäre Aktionen missbrauchen.“

Gerd Bonczyk weiß nicht, ob sein Onkel Jakob unter den Matrosen war, die am Alex unter Feuer gerieten. Vielleicht bewachte der mit Kameraden eines der öffentlichen Gebäude – das Preußische Abgeordnetenhaus oder die Reichsbank.

Tage des Grauens in Lichtenberg

Versuche, die Lage am Alexanderplatz zu befrieden, scheitern. Ein Anführer der Matrosen wird nach einem Vermittlungsgespräch im Polizeipräsidium hinterrücks erschossen. Am Abend des 5. März verteilen Matrosen und auch Angehörige der Republikanischen Soldatenwehr Waffen. Der Alex wird zum Schlachtfeld.

Die Garde-Kavallerie-Schützen-Division, ein Freikorps mit 40.000 Mann, entscheidet den Kampf für sich – mit Einsatz von Minen- und Flammenwerfern, Haubitzen und einem Panzer.

Die Arbeiterschaft beendet am 8. März den Generalstreik. Die Kämpfe aber gehen weiter, sie verlagern sich in die Stadtgemeinde Lichtenberg (zu ihr gehörten damals Teile von Friedrichsberg und Boxhagen-Rummelsburg, die heute in Friedrichshain liegen). Gerüchte von Gräueltaten auf beiden Seiten gehen um: von durchgeschnittenen Kehlen und spontanen Erschießungen.

Das Schlimmste steht noch bevor.

Eine Sonderausstellung des Museums Lichtenberg (bis 5. Mai) vermittelt eine Ahnung vom Schlimmsten: Wandhohe Fotos zeigen zerschossene und zerbombte Fassaden und Dachstühle von Mietshäusern; Vitrinen beinhalten oberschenkeldicke und ebenso lange Hülsen von Granaten; Gedenktafeln nennen die Namen derer, die an der Mauer des städtischen Friedhofs erschossen wurden; Filmaufnahmen flimmern über eine Leinwand.

„Furchtbares haben wir hier erlebt, Tage des Schreckens u. des Grauens“, steht am  Rand einer Ausgabe des „Berliner Tageblatts“ vom 9. März 1919. „Mit 2 Ctr. schweren Minen auf die harmlose Bevölkerung vorzugehen, ist das nicht unerhört! Bötzowstr., Hufelandstr., & s.w. überall Tote. Palisadenstr. Ein ganzes Haus eingeäschert, alle Bewohner tot.“

Zeitungen verbreiten folgenschwere Fake News

Auch die Schlagzeile einer Zeitung ist zu sehen, die der „B.Z. am Mittag“ vom Sonntag, dem 9. März 1919: „Furchtbarer Massenmord durch Spartakisten in der Warschauer Straße. Sechzig Kriminalbeamte und andere Gefangene erschossen.“

Diesen „Massenmord“ wird Reichswehrminister Noske zum Anlass nehmen, noch am selben Tag einen folgenschweren Befehl zu erteilen.

Allerdings: Es gab keinen „Massenmord durch Spartakisten“.

Der Reihe nach. An die 400 Aufständische stürmen am 8. März das Lichtenberger Postamt, das noch nicht mal 40 Freikorpssoldaten besetzt halten. Es folgt der Sturm auf das Lichtenberger Polizeipräsidium. Ein Teil der Personen, die sich dort aufhalten, kann entkommen, der andere Teil wird festgesetzt, in der Nacht aber freigelassen. Polizeipräsident Arthur Freiherr von Salmuth gehört zu denen, die fliehen; er berichtet, es sei davon auszugehen, dass alle Beamten tot sind.

Eine Pressemitteilung ergeht am Morgen des 9. März: „Sämtliche Beamten des Lichtenberger Polizeipräsidiums sind ermordet werden.“ Die „B.Z.“, die ihre sonntägliche Mittagsausgabe vorbereitet, will die Mitteilung überprüfen. Regierungsrat Georg Doyé aus dem Staatsministerium drängt telefonisch, sie sofort zu veröffentlichen; das Wolff’sche Telegraphenbüro verbreitet gleichzeitig eine ähnliche Meldung. Die B.Z.-Redaktion gibt nach.

Tags darauf verbreiten alle bürgerlichen Zeitungen und auch der „Vorwärts“, die Zeitung der MSPD, diese Mitteilung. Die angegebene Zahl von anfänglich 60 getöteten Polizeibeamten erhöht sich auf 200.

Reichwehrminister Noske hat noch am 9. März wegen der „Grausamkeit und Bestialität der gegen uns kämpfenden Spartakisten“ folgenden Befehl erlassen: „Jede Person, die mit den Waffen in der Hand gegen Regierungstruppen kämpfend angetroffen wird, ist sofort zu erschießen.“  

Dieser rechtswidrige Schießbefehl – der Belagerungszustand deckte ihn nicht – lag Noske schon vor Beginn der Kämpfe am Alexanderplatz vor; er hatte sich gescheut, ihn zu unterzeichnen. Verfasser war Hauptmann Waldemar Pabst, Generalstabschef der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, jener Pabst, der Liebknecht und Luxemburg erschießen ließ.

Erst am 13. März berichten die Zeitungen unter Berufung auf Lichtenbergs Bürgermeisters Oskar Ziethen, „dass sich alle Nachrichten über die Massenerschießungen von Schutzleuten und Kriminalbeamten bei der Eroberung des Lichtenberger Polizeipräsidiums als unwahr erwiesen haben“. Zehn Todesopfer forderte der Kampf ums Polizeipräsidium, zwei davon waren Polizisten.

Die „Vossische Zeitung“ äußert in ihrer Abendausgabe das „lebhafte Bedauern“, dass die Berliner Presse „Opfer einer unsachgemäßen Berichterstattung“ geworden ist und die „Gefahr unabsehbarer politischer Wirrnisse heraufbeschworen“ hat.

Geheimbefehl zum Morden

Zu spät, die Wirrnisse hatten sich Bahn gebrochen. Waldemar Pabst von der Garde-Kavallerie-Schützen-Division hatte am 10. März einen Geheimbefehl an seine Truppenführer erlassen: „Wer sich mit Waffen widersetzt oder plündert, gehört sofort an die Mauer ...“ Ferner seien Häuser nach Waffen zu durchsuchen und „verdächtige Personen“ zu erschießen. Es gehe darum, „ein erneutes Aufflammen des Spartakistenkrieges für alle Zeiten zunichte zu machen“. Im Text ist „alle Zeiten zunichte“ unterstrichen.

Jeder Aufständische galt als „Spartakist“. Aber nicht nur Mitglieder der KPD gingen auf die Straße oder griffen zur Waffe, sondern auch der USPD und selbst der MSPD, ferner Sympathisanten und Parteilose. Selbst Bürger, die Aufständische mit Essen und Trinken versorgten, galten als „Spartakisten“.

Nicht nur die Anwendung einer Waffe, allein der Besitz eines Waffenteils, von Kriegsveteranen oder Rüstungsarbeitern als Andenken aufbewahrt, konnte den Tod bringen. Andere wurden erschossen wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer Partei oder Arbeiterorganisation, wegen einer Denunziation oder einer Verwechslung, aus Mordlust oder Habgier, durch Zufall.     

Der Tod von Alfred Döblins Schwester

Richard Borchard, Tischler, wird hingerichtet, nachdem eine Patrouille in seiner Wohnung einen russischen Patronenrahmen ohne Munition gefunden hatte.

Leo Jogiches, Mitbegründer der KPD, wird im Berliner Kriminalgericht erschossen, offiziell „auf der Flucht“. Der Mann, der ihm in den Hinterkopf schoss, ein Kriminalwachtmeister, wird befördert.

Kurt Friedrich, 16 Jahre alt, wird in der elterlichen Wohnung festgenommen, mit ihm zwei zufällig anwesende Freunde. Alle drei haben sich noch nie politisch betätigt, alle drei sind zwei Tage später tot – erschossen und ausgeraubt.

Meta Goldberg, die Schwester des Arztes und Schriftstellers Alfred Döblin, erhält beim Milchholen für ihre beiden Kinder einen plötzlichen Schlag, schleppt sich, ohne zu wissen, was ihr widerfahren ist, in ihre Wohnung und stirbt einen Tag später – ein Granatsplitter hatte sich in ihren Leib gebohrt.  

Gerd Bonczyk erzählt mit ruhiger Stimme, was seine Recherche über seinen Onkel bisher ergeben hat: 22 Jahre alt war er, wuchs auf mit sieben Geschwistern, ein Arbeiter, unverheiratet, wohnte in der Stromstraße in Moabit. Ein Foto von ihm hat er bislang nicht finden können. „Er dürfte einer der Matrosen gewesen sein“, sagt Bonczyk, „die an der Revolution stramm beteiligt waren.“

Ein Buch lässt Bonczyk das vermuten, es kam ihm im vorigen Jahr unter die Augen: „Der Kaiser ging, die Generäle blieben“ von Theodor Plievier, 1932 erstmals veröffentlicht, 2018 neu aufgelegt. „Da taucht mein Onkel auf. Es ist ein Roman, enthält aber viel Biographisches – und mein Onkel und Plievier kannten sich.“

11. März 1919, Französische Straße 32. Die Matrosen haben Befehl erhalten, sich bei der dortigen Kassenverwaltung einzufinden, sie sollen ihre Entlassungspapiere und ihren Restsold erhalten. Was sie nicht wissen: Eine Kompanie des Freikorps Reinhard hat das Gebäude frühmorgens besetzt. Dessen Soldaten, etwa 50 Mann, setzen die Matrosen im Innenhof gefangen.

Die Mörder fleddern die Leichen

Mehr und mehr Matrosen treffen ein, schnell sind es über 200. Der verunsicherte kommandierende Oberleutnant Otto Marloh bittet bei Oberst Wilhelm Reinhard um Verstärkung. Ein Hauptmann gibt daraufhin einem Leutnant den Auftrag: „Bestellen Sie dem Oberleutnant Marloh, daß Oberst Reinhard sehr wütend sei, weil er gegen die 300 Matrosen zu schlapp vorgehe. Er solle in ausgiebigstem Maße von der Waffe Gebrauch machen, und wenn er 150 Mann erschösse.“

Nach Intervention eines Hauptmanns, der die Reichbankwache befehligt und den vermutlich Angehörige von Matrosen herbeigerufen haben, lässt Marloh davon ab. Stattdessen wählt er 32 Matrosen aus, die Anzüge und Wertsachen wie Uhren und Ringe tragen – und lässt mit einem Maschinengewehr auf sie schießen.

„Die Erschießung selbst war das Schrecklichste, was ich je erlebt habe“, berichtet ein Augenzeuge. „Die Gefangenen wurden im Hof in eine Ecke gestellt. Es wurde minutenlang auf sie gefeuert, und das Schreien und Jammern, das zu uns heraufdrang, war entsetzlich.“

Freikorpssoldaten fleddern die Toten.

Zwei Matrosen überleben das Massaker, sie stellen sich tot im Haufen der Leichen.

Gerd Bonczyk hat den Totenschein seines Onkels gefunden, im Landesarchiv Berlin. Er hat eine Kopie davon mitgebracht. Der linke Teil des Papiers, datiert auf den 25. März 1919, bestätigt den Tod eines unbekannten, etwa 24 Jahre alten  Mannes; der rechte Teil vom 26. Juni nennt die Identität des Toten: Lorenz Jakob Bonczyk.

Einen Tag nach dem Massaker in der Französischen Straße, am 12. März, fällt in der Frankfurter Allee/Ecke Möllendorfstraße die letzte Barrikade der Aufständischen. In einem gegenüberliegenden Gasthof macht ein „Militärgericht“ mit tatsächlichen und vermeintlichen Aufrührern kurzen Prozess: Bis zum 13. März werden mindestens elf Personen an der Mauer des städtischen Friedhofs an der Möllendorfstraße erschossen.

„Bluthund“ Gustav Noske in Weimar

Reichswehrminister Noske verkündet am 13. März vor der Nationalversammlung in Weimar: Der Aufstand sei niedergeschlagen. (Beifall.) Dass es zu Mord und Plünderung kam, gehe auf „das Schuldkonto einiger Blätter“, allen voran „Die Rote Fahne“ und „Die Freiheit“, den Zeitungen der KPD und der USPD (Lärm und Zwischenruf: „Unverschämte Lüge!“) „Getan habe ich, was ich gegenüber dem Reiche und dem Volke für meine Pflicht hielt. Ich scheue das Urteil unserer Nation nicht.“

Drei Tage darauf endet der Belagerungszustand. Nach Angaben von Noske haben die Kämpfe 1200 Menschenleben gefordert, davon sind 75 der Regierungsseite zuzurechnen. Andere vermuten bis zu 2000 Todesopfer.

Schätzungsweise 4500 Menschen, darunter um die 250 Matrosen aus der Französischen Straße, kommen in Haft. Das Verfahren gegen die Matrosen endet nach wenigen Tagen; es gibt keine Beweise für eine strafrechtliche Handlung.

Nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags und Missbrauchs der Dienstgewalt muss sich Oberleutnant Otto Marloh vor Gericht verantworten. Er beruft sich auf den Noske-Schießerlass und wird freigesprochen.

Täter machen Karriere unter den Nazis

In der Urteilsbegründung heißt es, „daß die Erschießungen objektiv unberechtigt waren, daß die Matrosen, die mit Waffen kamen, gültige Waffenscheine besaßen, daß keine Plünderer dabei waren, daß die Lage Marlohs nicht so bedrohlich war, daß er zum Waffengebrauch berechtigt war, daß er jedoch glaubte, einen Dienstbefehl vor sich zu haben“.

Otto Marloh leitet später zwei Zuchthäuser und bemüht sich als kommissarischer Landrat um die Deportation von „Zigeunern“.

Wilhelm Reinhard macht Karriere in SA und SS. 

Waldemar Pabst beteiligt sich am „Kapp-Putsch“.

Gustav Noske wird nach dem Putsch zum Rücktritt gezwungen, wegen „Begünstigung der Konterrevolution“.  

Gerd Bonczyk fragt sich, warum niemand für den Tod seines Onkels und dessen Kameraden bestraft wurde. „Die sind einfach abgeknallt worden!“ Das erste Mal im Gespräch ist er nicht mehr ganz so ruhig. „Wie da mit Menschen umgegangen wurde! Da kocht mir das Blut hoch!“

Der Mathematiker und Publizist Emil Julius Gumbel belegte Anfang der 20er-Jahre die Einäugigkeit der Justiz in der Weimarer Republik. Von 1919 bis 1922 zählte Gumbel 376 politisch motivierte Mordfälle; davon 354 von rechts, die eine einzige lebenslange Haftstrafe zur Folge hatten, und 22 von links, die zu zehn Todesstrafen führten.

Der letzte Akt im Revolutionsdrama spielt in München. Dort beendet die Reichsregierung Anfang Mai mit militärischer Gewalt den vier Wochen währenden Versuch, aus dem im November gegründeten Freistaat Bayern eine sozialistische Republik nach rätedemokratischem Muster zu machen. Hunderte kommen um.

„Verfehlte Gesamtpolitik“

Die Saat der Gewalt war der Weimarer Republik in die Wiege gelegt. Um die Sicherung der nationalstaatlichen Kontinuität habe sich die von den Mehrheitssozialisten geführte Regierung unbestritten verdient gemacht, schreibt der Historiker Hans Mommsen. Aber „um einer doktrinär demokratischen Ordnungspolitik und einer neurotisch anmutenden Furcht vor kommunistischer Anarchie willen“ hätte sie letztlich eine „grundsätzlich verfehlte Gesamtpolitik“ betrieben.

Es war eine Politik, die zur Brutalisierung der politischen Auseinandersetzung führte und die den Nationalsozialismus mit zu verantworten hat.

Nichts erinnert an das Massaker im Haus Französische Straße 32. Das war nicht immer so. Zwei Gedenktafeln gedachten einst der Toten. Eine Tafel, im April 1949 enthüllt, befand sich in der Durchfahrt rechts vor dem Hof, die zweite, im März 1954 angebracht, an der Fassade. Beide sind seit Anfang der 90er-Jahre verschwunden.

Bedauerlich findet Gerd Bonczyk das. Was ihn allerdings am meisten betrübt: noch immer nicht zu wissen, wo sein Onkel die letzte Ruhe fand.