Berlin - Martin Herrmann ist Inhaber der traditionsreichen Papeterie „Utermarck Schreibkultur“ in Schmargendorf, die in diesen Tagen ihr 100-jähriges Bestehen feiert.

Als Martin Herrmann vor gut sechs Jahren Inhaber der Papeterie Utermarck wurde, hatte er zunächst nicht vor, viel zu verändern. Er war branchenfremd und wollte schauen, welche Waren gefragt waren und welche nicht. Zu letzteren, vermutete er, gehörten wohl die Adressbücher. Denn Adressen und Telefonnummern hat schließlich jeder in seinem Smartphone gespeichert. „Aber ich wurde eines Besseren belehrt“, sagt er.

Viele wollten aus der „Cloud“, der virtuellen Welt, wieder zurück auf die Erde, so erklärt sich Martin Herrmann diesen anhaltenden Trend. Sie wollen wieder etwas anfassen und in den Händen halten. „Unsere Kunden schätzen, wenn Funktionalität mit stimmigem Design verbunden ist.“ Das erklärt im Prinzip auch, warum der IT-Experte Herrmann im Januar 2013 seinen Job an den Nagel hängte und die Papeterie von den Nachfahren ihres Gründers Johannes Heinrich Karl Utermarck übernahm.

Buchabteilung hatte es Martin Herrmann direkt angetan 

„Utermarck Schreibkultur“ befindet sich in der Breiten Straße in Schmargendorf. Kleine Einzelhändler sowie Filialen großer Bäckereien und Optikerunternehmen sind die Nachbarn des Ladens mit dem besonderen Sortiment. Auf einem Tisch werden Blöcke und Briefkarten mit floralem Muster aus einer Manufaktur in Florenz präsentiert. In Regalen stehen edle Notizbücher. Geschenkpapierbögen in ausgefallenen Designs hängen auf einem Ständer. Es gibt Grußkarten sogar für Zwillingsgeburten.

Eine Treppe führt zu einer zweiten Ebene, wo eine Vitrine für edle Montblanc-Schreibgeräte steht. Noch weiter oben, auf einer Empore, findet sich die wohlsortierte Buchabteilung. Als sie in den 60er-Jahren eingerichtet wurde, war sie die erste Buchhandlung in Schmargendorf.

Diese Buchabteilung hat es Viel-Leser Martin Herrmann auf Anhieb angetan. Doch den Ausschlag für die Übernahme der Papeterie, sagt er, gab die Montblanc-Schauvitrine. Denn ein Füller dieser Firma hatte eine entscheidende Rolle gespielt bei seiner Suche nach einem neuen Sinn in seinem Leben.

Mit 16 kam er das erste Mal nach Berlin

Martin Herrmann, 1963 in der Oberpfalz geboren, hatte nach der Realschule erst einmal Bürokaufmann gelernt und auch eine Zeit lang in diesem Beruf gearbeitet. Mit etwa zwanzig Jahren jedoch, so erzählt er, habe ihn der Computervirus befallen. Er belegte einen Kurs an der Volkshochschule, wo ganz kurz auch das Programmieren erklärt wurde und war fasziniert.

„Ich habe eine leere Seite vor mir“, erklärt er. „Und ich erschaffe darauf eine eigene Welt nach meinen Regeln.“ Einige Zeit später kündigte er seinen Job, besuchte eine Fachschule für Informatik und startete eine neue Karriere.

Noch immer lebte er in der Oberpfalz, aber sein Traum war Berlin. Mit 16 kam er zum ersten Mal hierher. „Berlin hat mich umgehauen“, sagt Martin Herrmann. „Die U- und S-Bahnen, dieses Getriebe, diese interessanten Menschen, diese Vielfalt.“ Seine Mitschüler brachen in den Ferien auf nach Indien oder Marokko. Er fuhr jedes Jahr für einige Wochen nach Berlin. Als er dann als Software-Entwickler den Arbeitgeber wechseln wollte, hatte er eigentlich nur eine Bedingung: Er wollte nach Berlin.

Im Internet stieß Martin Herrmann auf das Angebot 

1997 hat es geklappt, und er landete mit seiner Familie in seiner Traumstadt. Hier arbeitete er für einen großen US-Softwareentwickler, war erfolgreich, aber zunehmend unglücklich: „Ich funktionierte wie eine Maschine und hatte kaum noch mit wirklichen Menschen zu tun“, erzählt Martin Herrmann.

Er dachte daran, die Firma zu wechseln, sich eine neue Arbeit zu suchen, ein Buch zu schreiben. Als er die Optionen zu Papier bringen wollte, erinnerte er sich eines Montblanc-Füllerhalters, den er mal als Präsent bekommen und in einer Schublade versenkt hatte. Er kramte ihn hervor und stellte fest, dass er erst wieder lernen musste, mit der Hand zu schreiben – es war höchste Zeit für eine Veränderung .

Die Lösung fand er während einer Autofahrt, als im Radio über eine Nachfolger-Börse berichtet wurde. Diese Börse hilft Firmenchefs, Nachfolger für ihren Handwerksbetrieb oder ihr Geschäft zu finden. Im Internet stieß Martin Herrmann schließlich auf das Angebot, die Papeterie in Schmargendorf zu übernehmen.

Hundertjähriges Gründungsjubiläum

Martin Herrmann hat seine Entscheidung nicht bereut. „Der Laden ist das Gegenteil von virtuell“, freut er sich. „Ich habe Kontakt mit den Kunden, den Herstellern, fahre zu Messen und entscheide, was ich in mein Sortiment aufnehme.“ Und er kann sich jeden Tag an den Papierwaren in seinem Laden freuen, die aus Manufakturen in Deutschland, Italien, Frankreich und der Schweiz stammen.

In den vergangenen Wochen haben sein Team und er nun das 100-jährige Gründungsjubiläum des traditionsreichen Geschäftes vorbereitet. Es wurde mit einem Empfang, Signierstunden und einem Workshop begangen und soll der Start in die nächsten 100 Jahre von „Utermarck Schreibkultur“ sein.