Der Berliner Marvin Mouroum hat selbst Erfahrungen mit Rassismus gemacht. 
Foto:  Benjamin Pritzkuleit

BerlinMarvin Mouroum hat die Debatte um die Mohrenstraße aufmerksam verfolgt, der 30-jährige Berliner weiß, was es bedeutet, wegen seiner Hautfarbe diskriminiert zu werden. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung bleibt er gelassen, wenn das Thema auf den Rassismus kommt, doch er hat eine klare Haltung dazu: Es muss endlich etwas passieren. 

Herr Mouroum, die Mohrenstraße in Mitte soll nach langem Hin und Her nun endlich umbenannt werden. Was hätten Sie für einen Vorschlag?

Passend wäre etwas Neutrales wie „The Mall“ oder „Bundesrat“. Wenn es ein Name mit Bezug zu Schwarzen sein soll, dann sollte es jemand sein, der schwarz und deutsch ist. Oder vielleicht ein Name, der auf die deutsche Kolonialgeschichte hinweist, Herero-Platz oder etwas in der Art mit einem Aufklärungscharakter. Ein Name, der belegt, dass man sich mit der eigenen Geschichte und den Fehlern auseinandersetzt.

Was empfinden Sie, wenn Sie als Schwarzer das Schild „Mohrenstraße“ sehen?

Ich war schon als Kind und Teenager oft in der Ecke, ich bin in Berlin geboren und in Mitte groß geworden und ich kannte den Begriff schon als Kind und wusste, dass er einen abwertenden Charakter hat. Seltsamerweise habe ich nie gedacht, dass ich als Schwarzer persönlich gemeint bin, aber ich hatte schon immer so ein dumpfes und unangenehmes Gefühl, wenn ich das Wort „Mohrenstraße“ gelesen habe, Herzrasen habe ich bei dem Anblick allerdings auch nicht bekommen.

Liegt das vielleicht auch daran, dass der Begriff des „Mohren“ so altbacken ist?

Sicher, der hat ja nicht denselben Schimpfwortcharakter wie „Neger“. Es gibt für einen Schwarzen sicherlich schlimmere Bezeichnungen als „Mohr“. Nichtsdestotrotz befürworte ich die Umbenennung.

Was denken Sie, warum das so lange dauert? Warum tut man sich damit hier so schwer?

Ich denke, das hat viel mit Trotz zu tun, mit der Erkenntnis, einen Fehler gemacht zu haben, mit dem man sich nach so langer Zeit nicht mehr auseinandersetzen will. Der Begriff verweist ja auch auf einen nicht besonders rühmlichen Aspekt deutscher Geschichte. Es gibt zudem in Deutschland wenig Unterstützung für solche Initiativen, es gibt im Allgemeinen wenig Solidarität mit den Schwarzen hier. Es gibt bei solchen Initiativen, wie der Umbenennung der Mohrenstraße, also nicht nur kaum Unterstützung. Im Gegenteil, es gibt sogar Gegenwehr. Die Leute wollen nicht mit solch unangenehmen Dingen konfrontiert werden, schon gar nicht durch eine Minderheit. Da muss man sich nur die Kommentare zu solchen Themen in den sozialen Medien durchlesen. Die Leute haben immer den Drang gegenzusteuern und fühlen sich gerade beim Thema Rassismus schnell persönlich angegriffen.

Hat sich das verstärkt in den vergangenen Jahren?

Nein, ich denke, das war schon immer so. Was neu ist, ist, dass es mehr Support gibt seit einiger Zeit. Das sieht man ja auch im Falle der Black-Lives-Matter-Bewegung.

Ist das nicht komisch, dass es riesige Demonstrationen nach dem Tod von George Floyd gegeben hat und nach den Attentaten von Halle und Hanau nicht annähernd so viele Menschen auf die Straße gegangen sind?

Ja, das habe ich mich auch gefragt. Es hat vielleicht auch etwas damit zu tun, dass Amerika weit weg ist und man aber trotzdem durch das Video von der Ermordung sehr stark damit konfrontiert wurde und amerikanische Polizeigewalt schon recht lange ein Thema ist, das ist ja nicht der erste Mord weißer Polizisten an einem unschuldigen schwarzen Amerikaner. Ich weiß es nicht wirklich, aber grundsätzlich finde ich es gut, dass so viele Menschen, weiße Menschen, hier für die Rechte der Schwarzen demonstriert haben. Das hat mich überrascht, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich war bei der Demo auf dem Alex, es hat mich gefreut, wie viele Menschen trotz Corona gekommen sind, gleichzeitig habe ich die ganze Zeit gedacht, wie schade es ist, dass man wegen solcher Dinge auf die Straße gehen muss.

Was halten Sie von dem Vorwurf, dass die Berliner Polizei ein Rassismus-Problem hat. Ist das Ihrer Erfahrung nach richtig?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine Straftat begangen, hatte aber schon regelmäßig Kontakt mit der Polizei. Ich wurde nach einem Clubbesuch verhaftet, weil ein anderer Schwarzer in einer S-Bahn in der Nähe des Clubs ein Handy gestohlen hatte. Da wird man als Schwarzer unter Generalverdacht gestellt und gleich mitgenommen, ich kenne mehrere Leute, denen solche Dinge passiert sind. Natürlich gibt es hier Racial Profiling, auch wenn der Innenminister etwas anderes behauptet. Andere Menschen werden nach ihrer Herkunft beurteilt, ein Weißer kommt aus Italien oder Holland, ein Schwarzer hat keine nationale Identität, da reicht die Hautfarbe zur Beurteilung, zur Identitätsbenennung. Es ist nicht so, dass ich in Berlin ständig von der Polizei angehalten werde, aber natürlich ist das in bestimmten Kiezen sehr wahrscheinlich. Ein Schwarzer in der Nähe des Görlis ist ja automatisch ein Dealer. In den Club damals bin ich übrigens nicht reingekommen – „Keine Schwarzen heute Abend“, lautete die Begründung.

Rassismus beginnt ja aber oft viel früher, viel subtiler. Wie sind Ihre Erfahrungen damit?

Leute sind oft unbedacht, und ich würde gar nicht jedem, der einen dummen Spruch macht, sofort unterstellen, dass er ein bewusster Rassist ist. Da spielen viele angelernte Vorurteile eine Rolle, den Leute ist oft nicht bewusst, dass sie etwas Rassistisches gesagt haben, etwas wie: Na, du kannst bestimmt toll laufen oder tanzen, Sprüche dieser Art. Oft wird man für sein gutes Deutsch gelobt und gefragt, woher man kommt. Wenn man sie dann darauf hinweist, dann sind sie meist sehr peinlich berührt und entschuldigen sich. Man muss da als Schwarzer oft verzeihen, das fällt mir nicht leicht, aber man stumpft auch ab. Es ist nun aber nicht so, dass es in meinem Feld viel Rassismus dieser Art gibt. Das hängt vielleicht auch von dem Grad der Hautfarbe ab, wie man sich kleidet. Ich werde zum Beispiel oft gefragt, ob ich Moslem bin, und dann werde ich darauf aufmerksam gemacht, dass in meinem bestellten Essen Schwein sei.

Warum?

Keine Ahnung (lacht).

Hat Berlin, hat Deutschland ein Rassismus-Problem?

Definitiv. Es mangelt einfach an Aufmerksamkeit für dieses Thema, dass es aber Interesse daran gibt, hat sich in den letzten Monaten gezeigt. Es wäre schön, wenn das so bleiben würde.