Im Spiel muss der Spieler auch über den Todesstreifen flüchten.
Foto: K202

BerlinGanz Deutschland erinnerte sich in den vergangenen Wochen anlässlich des 30. Jahrestages an den Mauerfall – ganz Deutschland? Nein. Alle, die jünger als 35 Jahre sind, können sich an das größte Ereignis der jüngeren deutschen Geschichte nicht erinnern. Sie waren entweder zu jung oder noch gar nicht geboren. Wie bringt man jener Generation die Schrecken der deutschen Teilung näher? Die Antwort auf diese Frage kommt aus Polen: Hier entsteht derzeit ein Computerspiel namens „The Berlin Wall“, das 2020 auf den Markt kommen soll. Das die Flucht über den Todesstreifen für Spieler erlebbar macht – ein Projekt, das optisch beeindrucken wird, aber offenbar auch emotional herausfordern.

Die Idee: „Das Spiel erzählt die Geschichte der Fluchten aus Ostberlin in der Zeit des Kalten Krieges“, heißt es in einer Ankündigung. Demnach übernimmt der Spieler die Rolle des Chefs einer Untergrundorganisation und bereitet Fluchten über den Todesstreifen vor. Die Pläne müssen in die Tat umgesetzt, Leute bei ihrer Flucht unterstützt werden. Mit allen Konsequenzen. Hinter dem Titel stecken die 2014 gegründete Firma „K202“ – und die Entwickler Andrzej Pieniazek und Pawel Smyla, der das Unternehmen gründete.

Der Trailer zum Mauer-Spiel "The Berlin Wall".

Video: Youtube

„Im Jahr 2016 entstand die Idee, ein Mauer-Spiel zu entwickeln, gewidmet der Geschichte der Fluchten über die Mauer“, sagt Pieniazek der Berliner Zeitung. 2017 stieg der polnische Publisher Playway SA ein, die Entwicklung begann. Er selbst habe lange Zeit in Berlin gelebt und sich deshalb für die Geschichte der Stadt interessiert, sagt Pieniazek. Aber: Ist die Berliner Mauer ein gutes Thema für ein Videospiel? „Wir glauben, dass jedes Thema für ein Spiel geeignet ist, besonders dann, wenn es auf einer Story basiert, die Abenteuer-, Action- und Horrorelemente vereint. Das kann pure Fantasie sein, aber auch auf realen Ereignissen basieren.“

Beim Thema Mauern gehe es zudem nicht nur um historische Fakten. „Die Berliner Mauer war die berühmteste, aber Mauern existieren noch und entstehen neu – wie jene an der amerikanisch-mexikanischen Grenze.“ Den Entwicklern gehe es auch darum, jungen Menschen das Thema näherzubringen. Ein Spiel wie dieses könne nicht nur Spaß bringen, sondern auch weiterbilden und sensibilisieren.

Auch ein Fluchttunnel muss im Spielverlauf gegraben werden.
Foto: K202

Die beiden Entwickler erlebten die Mauer selbst aus unterschiedlichen Perspektiven. Smyla wurde in Polen geboren, besuchte Ost- und auch Westdeutschland. „Ich weiß noch, dass das polnische Fernsehen Flüchtlinge zeigten, die vor der deutschen Botschaft in Warschau campierten, bevor die Mauer fiel“, sagt er. Noch heute erinnert er sich an die Zeit. „Das hilft mir bei der Arbeit.“ Pieniazek, ebenfalls in Polen geboren, setzte sich nach dem Studium in den Westen ab. „Den Mauerfall erlebte ich von der anderen Seite.“

Zwar seien nicht alle Elemente historisch akkurat. Das Ziel des Spiels sei es vielmehr, den Spieler in die damalige Zeit zu ziehen. Die Figuren hätten keine Superkräfte, sondern müssten Einfallsreichtum und Mut beweisen, um in die Freiheit zu gelangen. Der Spieler klickt sich durch das Berlin der Vorwendezeit, muss mit Menschen sprechen, Pläne schmieden. Erschwert werde die Umsetzung durch die Überwachung durch die Geheimdienste und die Mangelwirtschaft, die es schwer macht, an manches Werkzeug zu gelangen. Kleine Betrügereien und Bestechung gehören zum Spielmechanismus – und Entscheidungen beeinflussen den Verlauf. Auch Filme seien eine Inspiration gewesen. Die Orte basieren auf realen Plätzen, Szenen zeigen den Alexanderplatz und den Checkpoint Charlie. „Dafür nutzten wir Material aus der Zeit und besuchten Originalschauplätze, um sie detailgetreu nachzubilden.“

Schauplätze wie der Alexanderplatz sind detailgetreu nachgebaut.
Foto: K202

Es ist nicht das erste Mal, das sich die Branche dem Mauer-Thema widmet. Für Aufsehen sorgte das Projekt „1 378(km)“, das im Jahr 2010 veröffentlicht wurde – hier kann der Spieler in die Rolle von Grenzflüchtlingen oder Soldaten schlüpfen, fliehen oder schießen. Opferverbände kritisierten das Spiel, nannten es geschmacklos, forderten ein Verbot. Eingeleitete Ermittlungen gegen den Entwickler wurden aber eingestellt.

Das Spiel ist nicht gewalttätig und glorifiziert auch keine Gewalt. Aber es sucht nicht nach Ausreden für das Regime oder seine Agenten.

Spiele-Entwickler Andrzej Pieniazek

Auch „The Berlin Wall“ geht nicht zimperlich mit dem Thema um. Ein Video-Trailer zeigt erste Sequenzen: Hier versucht ein Mann, gesteuert vom Spieler, den Weg in die Freiheit zu finden. Er klettert über die Mauer, rennt über den Todesstreifen. Plötzlich sind Schüsse zu hören, die Spielfigur bricht tot zusammen.   Wird hier eine Grenze überschritten? Nein, sagt Pieniazek. „Der Kommunismus ist mit seinen Gegnern brutal umgegangen – und das muss laut und klar gesagt werden. Alles andere wäre den Opfern gegenüber unfair.“ Spieler von „The Berlin Wall“ sollten auch lernen, was mit den Menschen passierte, deren Fluchten nicht klappten. „Das Spiel ist nicht gewalttätig und glorifiziert auch keine Gewalt. Aber es sucht nicht nach Ausreden für das Regime oder seine Agenten.“