Berliner Mauerradweg zwischen Spandau und Pankow: Hochzeitsbäume im Berliner Grenzstreifen

Berlin - „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“. Urplötzlich hängt die Fistelstimme von Walter Ulbricht im Raum. Was der DDR-Staatsratsvorsitzende am 15. Juni 1961 auf einer Pressekonferenz von sich gab, war eine der größten Lügen der Geschichte. Denn zwei Monate später wurde die Mauer gebaut. Mit Grenztürmen wie dem in Nieder Neuendorf, in dessen zweitem Obergeschoss wir jetzt stehen.

Hinter uns liegen bereits zwei Stunden Radfahren, ein bisschen spüren wir das auch schon in den Beinen. Auf dem Finkenkruger Weg in Spandau, der früher die Grenze zwischen West- und Ost-Berlin bildete, beginnt unser Abenteuer Mauerradweg. Schon bald gibt es den ersten Stopp. Auf dem Mauerstreifen zwischen Spandau und Falkensee hält uns eine Open-Air-Ausstellung auf. Auf 13 Stelen werden Geschichten vom Bau und Fall der Mauer erzählt, wie sie das Leben der Menschen in Spandau und Falkensee veränderten. Wir überqueren die Falkenseer Chaussee und passieren die Skulptur „Bär und Adler“. Auf West-Berliner Gebiet weist der Weg einige Steigungen auf und wir müssen manchmal sogar absteigen und unsere Räder schieben.

Erst gemütlich, dann etwas holpriger

Es geht durch den Spandauer Forst, vorbei am Eiskeller, zu Mauerzeiten eine West-Berliner Exklave. Wir umrunden den Laßzinsee. Schade, an das Ufer kommt man nicht, aber es gibt ja hölzerne Ausgucke, von denen man auf das Gewässer schauen kann. Seltene Vogelarten, die hier brüten sollen, kriegen wir allerdings nicht zu sehen.

Zunächst geht es gemütlich weiter, dann wird der Weg holpriger. Wir erreichen die Bürgerablage. Vorm Jagdhaus Spandau ein handgeschriebenes Schild. Der Wirt preist frischen Spargel an. Wir rollen hinunter zur Havel. Am Steg Papenberge schaukeln Segel- und Motorschiffe auf den Wellen. Herrlich, diese Ruhe! Nur ein Entenpärchen und ein einsamer Schwan watscheln uns vor die Füße. Sie erwarten wohl einen Happen.

Die Uferpromenade, die wir jetzt befahren, ist Teil des Fernradweges Berlin-Kopenhagen. Und endlich finden wir auch Sitzbänke, wo wir unsere mitgebrachten Wurstbrote essen, bevor wir den ehemaligen Grenzturm besuchen. Er steht unter Denkmalschutz und ist seit 1999 öffentlich zugänglich. Für die Erhaltung des Turms als regionales Dokumentationszentrum sorgt die Stadt Hennigsdorf. Im vergangenen Jahr kamen 10 000 Besucher, studierten die Dokumente und Zeitzeugnisse und hörten Ulbrichts Lüge. Bedrückend finden wir die alten Aufnahmen, der Turm drohend auf einem aufgeschütteten Hügel, davor der Postenweg in einem scheinbaren Nichts. Ganz vorn am Seeufer stand die Mauer. Heute genießen die Spaziergänger auf der Havelpromenade den freien Blick übers Wasser hinüber nach Heiligensee. Wir sind uns einig: Dies ist bis jetzt der schönste Abschnitt unserer Tour. Gern würden wir noch bleiben, das Gesicht in die Sonne halten. Nichts da, wir müssen weiter.

Wir queren die Straßenbrücke über den Havelkanal. Parallel zum Wasser geht es weiter, vorbei am Werksgelände von Bombardier. Ein funkelnagelneuer Zug steht auf dem Gleis: der knallrote Franken-Thüringen-Express. Die Sitze sind noch mit Plastik umhüllt. Plötzlich reizt ein starker Geruch unsere Nasen: Rindenmulch. Er kommt vom Biomassekraftwerk, in dem Holzhackschnitzel verbrannt werden.

Kleine Geschichtsstunde auf dem Fahrrad

An der Ruppiner Chaussee stehen Bauern aus Brandenburg, die Spargel, Erdbeeren und den ersten Rhabarber verkaufen. Fast verpassen wir den Abzweig nach links auf den Radweg. Luftballons flattern an Leinen, auf Tischen stehen Getränke bereit. Leider nicht für uns. Der TSV Wittenau veranstaltet seine jährliche Familien-Fahrradrallye. Aber wir haben ja Wasser dabei. Ein ordentlicher Schluck aus der Flasche tut jetzt gut. Wir radeln entlang der Stolper Heide und genießen den weiten Blick über die Ebene. An der Invalidensiedlung könnte man eine Pause einlegen, doch mit unserer Kluft fühlen wir uns unter den sonntäglich gekleideten Kaffeegästen im feinen Landhaus Hubertus irgendwie fehl am Platze. Also weiter, auch wenn unsere Oberschenkel langsam „sauer“ werden.

Die Fahrt durch die hübsche Siedlung wird zur kleinen Geschichtsstunde. Die 51 Backsteinbauten sind 1938 für die Insassen des Invalidenhauses Berlin entstanden, dass seinen Sitz an der Scharnhorststraße in Mitte verlassen musste. Während der deutschen Teilung war die Invalidensiedlung an drei Seiten von Stacheldraht umzogen. Heute geht man nur wenige Schritte und ist schon in Hohen Neuendorf. Eine Tafel erinnert an eine der wenigen Frauen, die die Flucht über die Berliner Mauer gewagt haben. Marinetta Jirkowsky bezahlte dies mit ihrem Leben. Sie wurde von DDR-Grenzsoldaten erschossen. Viele solcher Stelen am Rande des Weges erzählen von Schicksalen wie dem der 18-jährigen Marinetta.

Es geht über Kopfsteinpflaster, später auf dem asphaltierten Zollweg entlang dem Mauerstreifen, dann durch aufgeforstetes Gelände. Am Berliner Nordrand passieren wir einen weiteren Wachturm. Die einstige Führungsstelle Bergfelde wird heute von der Deutschen Waldjugend genutzt. Daneben recken 78 Bäumchen ihre zarten Äste in die Höhe. Es ist ein besonderer Wald, der hier wächst. Die Silberlinden, Buchen oder Wildkirschen wurden von Brautpaaren gepflanzt. Ein Hochzeitsbaumwald auf dem ehemaligen Todesstreifen. Ein wunderbares Symbol für das Leben, finden wir.

Wir umrunden den Hubertussee, durchfahren die Bieselheide. Und dann in Hermsdorf verfransen wir uns doch noch. Wir sind zu weit gefahren. Aber zum Glück gibt es Bushaltestellen mit großen Stadtplänen. Also orientieren, wenden und zurück. Das Tegeler Fließ entschädigt uns für unsere Mühen. Wunderschöne Natur, ein zauberhafter See, weite Weiden und Wiesen. Wir verzichten auf einen Abstecher nach Lübars und radeln weiter, auf die Stadt zu. Unser Weg verläuft jetzt neben der Heidekrautbahn. Am Wilhelmsruher Damm steht der Berlin Bird, eine vier Meter hohe Metallskulptur. Jetzt ist es nicht mehr weit. Entlang der S-Bahngleise radeln wir bis zum Bahnhof Wollankstraße. Nach gefühlten 100 Kilometern erreichen wir ihn. Müde und zufrieden.