Seit September 2019 lebten die Mieter in der Torstraße 39 hinter wechselnden Werbeplanen. Nun wurde das PLakat entfernt.
Foto: Volkmar Otto

Berlin - Als erstes gingen die Pflanzen ein. Das Licht fehlte und die Luft. Im Sommer verirrte sich kein Hauch hinter die stickige Plane an Haus Nummer 39 in der Torstraße. Im Winter war es tags zu dunkel, abends, und wenn es ganz schlimm kam die ganze Nacht hindurch, taghell, weil grelle Scheinwerfer – sieben oben, sieben unten – das Werbebanner von oben und von unten anstrahlten.

Gigantische Werbungen an Baugerüsten lassen nicht nur in der Torstraße 39, sondern in der ganzen Stadt die Kassen der Hauseigentümer klingeln. Oft genehmigen die Bezirke das Aufhängen nicht einmal, doch Hausbesitzer nehmen Bußgelder in Kauf.

Ungenehmigt in der Grauzone „Werbebanner an Mietshäusern sind ein häufiges Phänomen, das über die letzten Jahre zugenommen hat“, sagt Sebastian Bartels, stellvertretender Geschäftsführer des Berliner Mietervereins. Gerüste stünden wegen Bauverzögerungen oft lange. Ein bis zwei Jahre seien keine Seltenheit.

Leben hinter Werbebanner begann bereits im September 2019

„Das hat zur Folge, dass die Eigentümer einen gewissen Verwertungsdruck haben. Man kann davon ausgehen, dass etwaige Bußgelder wegen einer Ordnungswidrigkeit deutlich niedriger liegen als die Einnahmen durch Werbetransparente.“ Doch wie lebt es sich monatelang hinter einem milchigen Schleier?

Die Menschen, die uns bei einem Besuch in dem verhängten Haus von ihren Erfahrungen berichteten, wollen ihre Namen nicht in der Zeitung lesen. Sie wollen in ihren Wohnungen wohnen bleiben, keinen weiteren Krach mit dem Vermieter.

So sah das Wohnhaus sechs Monate lang aus. Die Wohnungen versteckt hinter einem riesengroßen Werbebanner. 
Foto: Bernd Friedel

Doch sie spüren auch: Wenn wir weiter still ausharren, macht uns das Leben hinter der Mauer aus Mesh-Gewebe krank. „Wir bekommen tags zu wenig Licht, und abends zu viel. Das ist wie Folter“, sagt eine Mieterin. Monatelang hing das Fassadenbanner mit Lichtanlage, wie es offiziell heißt, an der Torstraße, doch nur selten ließen sich Bauarbeiter blicken.

15 Einsätze haben die Anwohner gezählt, in fünf Monaten. Es heißt, ein Hauseigentümer könne bis zu 30.000 Euro pro Monat mit Werbung einnehmen, kein Wunder, wenn sich Arbeiten hinziehen. Das Leben hinter Louis Vuitton und Co. begann im September 2019.

Mieter litten unter Schlafstörungen 

Übers Wochenende wurde ohne vorherige Information das Plakat aufgehängt. 22 mal 22 Meter. „Eine Nacht-und-Nebel-Aktion“, sagt eine Mieterin. Normalerweise muss das Straßen- und Grünflächenamt für das Aufstellen eine Genehmigung zur Sondernutzung von Straßenland erteilen, es kassiert dann eine Gebühr vom Antragsteller.

Doch auch wenn, wie in diesem Fall die Genehmigung fehlt, lassen Vermieter oft Werbeplanen hängen: „Im Moment werden Strafen in Kauf genommen, weil sie im Vergleich zu den Einnahmen nicht ins Gewicht fallen“, sagte schon im vergangenen Jahr der Baustadtrat von Charlottenburg Oliver Schruoffeneger (Grüne).

In Berlin herrsche Wildwuchs. Die Mieter fürchten, Hausbesitzer könnten  verstärkt nach neuen Einnahmequellen suchen seit der Mietendeckel greift. Denn mit den Großplakaten machen es sich die Hauseigentümer in einer rechtlichen Nische gemütlich: Die einzige gesetzliche Einschränkung: Die Werbebanner dürfen „nur“ sechs Monate hängen bleiben.

Sechs Monate in denen Mieter unter Schlafstörungen leiden, unter Übelkeit, ihr Immunsystem hat Stress. Erkrankungen brechen aus, die der Körper zubor abwehrte: Herpes, Nervenentzündungen, Hauterkrankungen, Atembeschwerden.

„Es fühlt sich nicht an wie ein Sieg“

Ein großer Missstand sei es, dass das Baurecht nicht drittschützend sei, sagt Sebastian Bartels. Eine Formulierung zum Schutz von Menschen fehlt. „Sie sollte dringend eingebaut werden“, so Bartels. Werbung besser prüfen In der Torstraße  haben Mieter und Bezirk Anfang der Woche nach über 160 Tagen das Entfernen der Plane erwirkt. „Es fühlt sich nicht an wie ein Sieg“, sagt eine Bewohnerin, alle seien nur erleichtert.

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Zwei Gerichtsbeschlüsse habe der Hauseigentümer ausgesessen, bis er einlenkte. Mieterproteste bei der Sitzung der Bezirksverordneten in Mitte, unzählige Briefe, eine Anfrage der Grünen und ein Antrag der Linke, das Zulassungsverfahren für solcherart Werbung künftig deutlich besser zu prüfen haben das Thema in den Fokus der Bezirkspolitik gerückt, hoffen die Mieter. Für alle ihre Leidensgenossen.