Sie können ganz schön laut und fordernd werden, die Fahrrad-Aktivisten in Berlin. Die Fußgängerlobby hielt sich bislang zurück. Aber das ändert sich jetzt. Der Fachverband Fußverkehr Deutschland, kurz FUSS, hat für den neuen Senat einen langen Forderungskatalog zusammengestellt. Auf der Liste stehen Hunderte neue Zebrastreifen, der Abbau aller Grünpfeile, bessere Ampelschaltungen, ein verkehrsberuhigter Hackescher Markt – und die Bestrafung von Radlern, die auf Gehwegen fahren. „Ende der Woche gibt es ein Gespräch in der Senatsverwaltung“, so Bundesgeschäftsführer Stefan Lieb am Montag.

Lieb hat nachgezählt: Im Koalitionsvertrag von Rot-Rot-Grün werden dem Radverkehr 72 Zeilen gewidmet, dem Fußverkehr nur zwölf. „Verkehrspolitisch war 2016 in Berlin durch die Initiative zum Fahrrad Volksentscheid geprägt. Das schlug sich auch entsprechend im Koalitionsvertrag nieder.“ Die Fußgänger seien unterrepräsentiert, so Lieb.

Dabei wurden 2013, so die neuesten Zahlen, 31 Prozent aller Wege in Berlin zu Fuß zurückgelegt – mit dem Fahrrad 13 Prozent. Auch wenn Berlin breitere Gehwege biete und attraktiver zum Flanieren sei als andere Städte: Viele Fußgänger fühlen sich unsicher. Radfahrer auf dem Bürgersteig versetzen vor allem Senioren in Angst und Schrecken. Eltern verlangen sicherere Schulwege.

Bei den Verkehrstoten sind Fußgänger überrepräsentiert. 2016 starben 56 Menschen auf Berlins Straßen, 21 waren per pedes unterwegs.

Ruhe am Hackeschen Markt

Die FUSS-Leute wollen nicht falsch verstanden werden: Sie finden es gut, was im Koalitionsvertrag steht. Lieb: „Die zwölf Zeilen sind inhaltsreich“ – dort geht es unter anderem um die Sanierung von Gehwegen, mehr Querungshilfen, hellere Beleuchtung. „Doch das muss man mit konkreten Planungsschritten unterlegen und mit Leben füllen“, verlangt Lieb. Deshalb habe der Verband acht Maßnahmenpakete geschnürt, die in das angekündigte Berliner Mobilitätsgesetz einfließen sollen.

Damit Fußgänger in Berlin bequemer und sicherer vorankommen, müsse kräftig investiert werden. Beispiel: In ganz Berlin müsse es alle 50 oder 100 Meter, je nach Höchstgeschwindigkeit der betreffenden Straße, eine Querungsanlage geben – einen Zebrastreifen, eine Mittelinsel, eine Vorstreckung am Gehweg oder anderes. Konkret sollen bis 2020 in Berlin 300 neue Zebrastreifen markiert werden, zusätzlich zu den über 400 Überwegen, die es schon gibt.

An den rund 2100 Berliner Ampelanlagen müssten Fußgänger länger grünes Licht bekommen – damit es Senioren ohne Angst von einer Seite zur anderen schaffen. „Aus demografischen Gründen sollte die Gehgeschwindigkeit auf maximal ein Meter pro Sekunde festgelegt werden“, heißt es. Das gilt heute nur für Ampeln vor Seniorenheimen, sonst gehen die Ampelplaner von 1,2 Meter pro Sekunde aus. Grünpfeile, die bei Rot das Abbiegen erlauben, dürfe es in Berlin nirgendwo nicht mehr geben. Sie gefährden Fußgänger, so FUSS.

Gehwege seien zum Gehen da, nicht für Auto- oder Fahrrad-Parkplätze. Anträge, Tische, Stühle oder Verkaufsstände auf dem Bürgersteig aufzustellen, dürften nur unter „strengen Auflagen“ genehmigt werden. Und: „Gegen Radfahren auf Gehwegen wird mit Kommunikationsmitteln und später Sanktionen vorgegangen.“ Auch anderswo müssten Fußgänger mehr Platz erhalten. Es müsse mehr Begegnungszonen, Schonräume für Fußgänger, geben. Besondere Orte wie der Hackesche Markt oder die Friedrichstraße müssten weiterentwickelt werden, damit sich Fußgänger dort gern aufhalten, so der Verband.

Studie zu Unter den Linden

Für die Straße Unter den Linden fordert der Verband eine fußgängerfreundliche Gestaltung. „Dafür lassen wir jetzt eine Machbarkeitsstudie erarbeiten“, teilte die neue Senatorin für Verkehr, Umwelt und Klimaschutz, Regine Günther (parteilos, für Grüne), jüngst mit. „Der Fußverkehr hat in der Mobilitätspolitik der neuen Koalition einen großen Stellenwert“, heißt es in ihrer Verwaltung. Lieb hofft, dass es im kommenden Jahr Fortschritte gibt: „2018 sollte es richtig losgehen.“