Längere Grünphasen, damit Fußgänger an Ampeln nicht mehr rennen müssen. Mehr Kontrollen, damit sich Autofahrer nicht mehr trauen, auf Gehwegen zu parken. Sitzbänke in engem Abstand, damit sich alle, die nicht gut zu Fuß sind, ausruhen können.

Die Wunschliste der Fußgängerlobby für den nächsten Abschnitt des Berliner Mobilitätsgesetzes ist lang, und es ist ungewiss, wie viel sich am Ende in den Paragrafen wiederfinden wird. „Doch die Diskussion ist wichtig für die Stadt“, sagt Stefan Lieb vom Fachverband Fußverkehr Deutschland (FUSS). In der kommenden Woche geht die Arbeit am ersten Gesetz in Deutschland, das sich explizit um Interessen von Fußgängern kümmert, in die Vollen.

Sie fühlen sich bedrängt – von Radfahrern, die auf Gehwegen rasen. Sie fühlen sich gefährdet – von Kraftfahrern, die kein Auge für sie haben. Sie fühlen sich ignoriert – von Ampelplanern, die Grünphasen zu kurz konzipieren. Dabei geht es hier um die wichtigste Fortbewegungsart in dieser Stadt.

Fast ein Drittel aller Wege in Berlin werden zu Fuß zurückgelegt, kein anderes Verkehrsmittel kommt auf einen so hohen Anteil am innerstädtischen Verkehr. Auch nicht das Fahrrad (13 Prozent), das die verkehrspolitische Diskussion seit einigen Jahren beherrscht.

Schon fünf tödliche Unfälle 2018 

„Sicher, Berlin kann mit vielen Dingen punkten“, sagt Stefan Lieb, der Geschäftsführer des Fußgängerverbandes ist. „Zum Beispiel mit vielen breiten Gehwegen.“ Auch um die Fußverkehrsstrategie werde Berlin beneidet. Trotzdem zeigen sich immer wieder Defizite, wie zum Beispiel in der aktuellen Verkehrsunfallstatistik belegt. Danach waren von den elf Menschen, die seit Januar auf Berlins Straßen ums Leben kamen, fünf zu Fuß unterwegs. Ein Anteil, der klar über dem Anteil des Fußverkehrs am Berliner Verkehr liegt. 

„Fußverkehr soll sicherer, gesünder und möglichst barrierefrei werden“, versprach die Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne). Der neue Abschnitt des Gesetzes soll die Grundzüge festlegen. Im Anschluss wird ein Fußverkehrsplan erarbeitet, der die Standards präzisiert. Auf die Teilnehmer des Fußverkehrsdialogs, die am 24. Mai erstmals über Eckpunkte sprechen wollen, kommt viel Arbeit zu.

Komplexe Aufgabe

Zu ihnen gehören Verwaltungsleute aus dem Senat und den Bezirken, die verkehrspolitischen Sprecher der rot-rot-grünen Koalition, Verbandsvertreter. Stefan Lieb spricht für den FUSS, Peter Woltersdorf für den Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein (ABSV). Dabei sind auch der Landeselternausschuss und die Landesseniorenvertretung.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) ruft dazu auf, Vorschläge für einen bessere Fußverkehr zu mailen. Alle Akteure stehen vor einer komplexen Aufgabe, denn die Wünsche der Fußgänger sind mit den Interessen von Radfahrern, Nahverkehrsnutzern und anderen Verkehrsteilnehmer abzuwiegen.

„Alle 100 Meter sollte es eine Bank geben“

„Wir wollen, dass sich die Menschen freizügig, sicher und komfortabel zu Fuß und per Rollstuhl bewegen können“, sagte Lieb. Ihm und seinen Mitstreitern kommt es nicht nur darauf an, Verkehrsanlagen zu verbessern. Überall in Berlin soll es angenehm sein, sich auf Straßen und Plätzen aufzuhalten. Dazu gehören Elemente, die anderswo längst Teil der Verkehrsplanung sind: Sitzgelegenheiten erleichtern es Senioren, sich draußen zu bewegen.

„Alle 100 Meter sollte es eine Bank geben“, so der FUSS-Geschäftsführer. Die Nutzung von Gehwegen für Gastronomie oder Werbung sollte weitgehender reglementiert werden, damit Fußgänger künftig breitere Bereiche bekommen. Gehen mit Qualität: So soll der Paragraf 58 überschrieben werden.

Neue Ampelschaltungen

Darin müsse es auch darum gehen, Ein- und Ausfahrten so zu gestalten, dass sie leichter mit Rollator überquert werden können und wie Gehwegbereiche anmuten, so Lieb. Das Queren von Fahrbahnen, Radwegen und Radschnellwegen ist ein weiteres Thema. Hier seien fußgängerfreundliche Ampelschaltungen ein wichtiges Ziel, so Lieb. Heute seien Grünphasen in Berlin meist so berechnet, dass Fußgänger mit 1,2 Metern pro Sekunde über die Fahrbahn laufen.

Nicht nur für viele Senioren sei das zu schnell, sagte der Lobbyist: „Weil unsere Gesellschaft altert, sollte die Gehgeschwindigkeit aus demografischen Gründen auf höchstens ein Meter pro Sekunde festgelegt werden.“ Auch sollte Fußgängern eine Reaktionszeit von zwei Sekunden zugebilligt werden – bei Autofahrern ist das längst die Regel.

Immer wieder Stress mit Radlern 

Apropos Querungen: Zwar sind in Berlin seit 2001 mehr als 400 Zebrastreifen dazu gekommen. Ein Erfolg, wie Lieb sagte. Doch das reiche nicht aus. Auf Straßen, wo Autos Tempo 50 oder schneller fahren dürfen, müsse es alle 50 Meter eine Querungshilfe geben. Wo Tempo 20 oder 30 gefahren werden darf, reiche ein Abstand von 100 Metern aus.

Drei Aktionsprogramme stehen ebenfalls auf der Wunschliste von FUSS. Gehwege müssten saniert, Falschparker auf Gehwegen konsequenter verfolgt, Haltestellenbereiche analysiert werden – wo sollten Barrieren, die auf Umwege zwingen, verschwinden? Für längere Grünphasen setzt sich auch der ABSV ein. Doch er hat einen weiteren Schwerpunkt: Konflikte zwischen Radfahrern und Fußgängern.

Fußverkehrsteil im Parlament

„Gemeinsame Geh- und Radwege sind hochproblematisch“, sagte Peter Woltersdorf. „Ich kenne keinen Blinden, der nicht schon mal Unfälle mit Radfahrern hatte.“ Alle Planungen müssten auf mögliche Konflikte mit Radfahrern überprüft werden. Ob sich das Problem in Berlin wirklich lösen lässt – Stefan Lieb ist skeptisch. Die frühere Rücksicht-Kampagne des Senats habe wenig gebracht, „sie schläft jetzt ein“.

Vor der Sommerpause sollen die ersten Teile des Mobilitätsgesetzes, in denen es vor allem um Radfahrer geht, vom Abgeordnetenhaus verabschiedet werden. 2019 könnte der Fußverkehrsteil ins Parlament kommen. Es folgen zwei Jahre Arbeit am Fußverkehrsplan. Zum Ende steht in Berlin die nächste Wahl an. Besteht da nicht die Gefahr, dass ein neuer Senat viel wieder rückgängig macht? „Hoffentlich nicht“, sagt Stefan Lieb.