Ein richtiges Bett, das war der größte Wunsch, den die 29-jährige Frau hatte. Sie nennt sich Kassandra, ihr echter Name ist ein anderer, doch den will sie nicht nennen. 5 Jahre war sie obdachlos, lebte in Unterkünften des betreuten Wohnens, in billigen Hotels und Notunterkünften. Seit Mitte März hat Kassandra eine eigene Wohnung. Ein Zimmer im neunten Stock eines Wohnhauses in Hellersdorf. Mit Couch, Kühlschrank, Waschmaschine und einem richtigen Bett.

Housing First vermittelt langfristige Wohnungen für Obdachlose

384 Euro kostet die Wohnung, die Miete zahlt das Jobcenter. „Ich kann es bis heute nicht fassen, dass alles so gut geklappt hat“, sagt Kassandra. Drei Monate hat die Wohnungssuche gedauert.

Die einst obdachlose Frau sitzt an diesem Mittwoch an einem Tisch mit Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) sowie mit Vertretern sozialer Einrichtungen, die seit etwa einem halben Jahr ein deutschlandweit einmaliges Modellprojekt durchführen: Obdachlosen eine Wohnung besorgen, in der sie für immer leben können. Sie müssen dafür keine Bedingungen erfüllen, wie es sonst üblich ist. Sie müssen nicht beweisen, dass sie mit Sozialarbeitern kooperieren oder dass sie eigenständig genug sind, um sich alleine zu versorgen. Erstmal weg von der Straße, alles andere kommt später, ist die Prämisse.

Die Betroffenen erhalten bedingungslos eine Wohnung – ohne Wenn und Aber. „Sie haben dort endlich Zeit und Ruhe, zur Besinnung zu kommen und darüber nachzudenken, wie es weitergeht in ihrem Leben“, sagt Senatorin Breitenbach. Das Projekt können allerdings nur Obdachlose nutzen, die Anspruch auf Sozialleistungen haben. So legt es Bundessozialgesetzbuch fest.

19 Männer und Frauen fanden durch Housing First eine Unterkunft

Im Oktober 2018 begannen der Sozialdienst katholischer Frauen, die Berliner Stadtmission und der gemeinnützige Träger Neue Chance ihre Modellprojekt. Dafür stellt das Land Berlin bis Ende 2019 insgesamt 723.000 Euro zur Verfügung. Drei Jahre soll die Testphase dauern. 1,7 Millionen Euro sind dafür vorgesehen, und es gibt gute Gründe, das Projekt fortzuführen. Denn die erste Bilanz am Mittwoch ist besser, als es die Beteiligten erwartet haben.

Bisher haben 19 obdachlose Männer und Frauen im Rahmen von „Housing First“ eine eigene Wohnung in Berlin gefunden. Ein Erfolg, aber nur ein kleiner angesichts der geschätzten Zahl von 4000 bis 6000 Menschen, die in Berlin auf der Straße leben.

Auch Berliner Wohnungsbaugesellschaften kooperieren mit Housing First

Laut Breitenbach sind etwa 37.000 Menschen in Notunterkünften und betreuten Einrichtungen ordnungsrechtlich untergebracht. Denn es fehlen Wohnungen, deren Miete so gering ist, dass das Jobcenter sie übernehmen kann. Dementsprechend gab es zum Projektstart jede Menge Interessenten – aber keine freie Wohnung. Das änderte sich, als das Projekt bekannter wurde. „Jetzt bieten uns Hausverwaltungen ihre Wohnungen an“, sagt Sebastian Böwe, Wohnungskoordinator bei „Housing First“. „Wir garantieren absolute Zuverlässigkeit.“ Mietkaution und Miete sind gesichert.

Mittlerweile kooperieren auch städtische Wohnungsbaugesellschaften wie Gewobag und Gesobau mit dem Obdachlosenprojekt. Selbst die für ihre Mietenpolitik kritisierte Deutsche Wohnen fünf Wohnungen zur Verfügung stellt.

Wobei der Sozialsenatorin das Engagement der städtischen Wohnungsbaugesellschaften jedoch nicht weit genug geht. Sie sollten ihrer sozialen Verantwortung noch stärker nachkommen, sagt Elke Breitenbach.

Housing First unterstützt Obdachlose auch bei Therapien

Wenn es die neuen Bewohner wollen, kümmern sich Sozialarbeiter und ehrenamtliche Helfer um Behördengänge, Arztbesuche, Therapien und Hilfe im Haushalt. Doch es gibt keine Vorgaben, wie die Menschen in ihren Wohnungen leben sollen. Das entscheiden sie allein.

Viele Obdachlose sind traumatisiert und nicht belastbar. Schon kleine Erledigungen überfordern sie. „Sie haben den Glauben an sich selbst verloren“, sagt Stefanie Albig vom Sozialdienst katholischer Frauen. Diese Einrichtung kümmert vor allem um Frauen, die ihre Obdachlosigkeit meist verstecken, in „ungesunden Beziehungen“ mit sexueller Gewalt und Ausbeutung leben, sagt Albig.

Einmal in der Woche besucht sie Kassandra in ihrer Wohnung. Dann sprechen die Frauen über die nächsten Schritte. Es geht um Schulden. Und um eine Therapie. Kassandra sagt: „Ohne diese Wohnung wäre das nicht möglich gewesen. Die schlimmen Jahre sind endlich vorbei.“