Dorina Hartmann und Maren Will sind zwar Modemacherinnen, aber in ihrem kleinen Atelier in der Friedrichshainer Richard-Sorge-Straße ist von der Aufregung rund um die gerade stattfindende Fashion Week Berlin nichts zu spüren. Die beiden jungen Frauen haben ihre Modemesse bereits hinter sich. Sie sind müde an diesem Vormittag.

Erst in der Nacht zuvor waren sie aus Paris zurückgekehrt, wo sie auf der Playtime, einer internationalen Modemesse für Kinder und werdende Mütter, ihre neueste Kollektion vorgestellt haben. Es war bereits der vierte Playtime-Auftritt für das Modelabel Mara Mea. Und wieder kamen sie mit gut gefüllten Orderbüchern zurück nach Berlin. „Es lief sehr gut“, sagt Dorina Hartmann.

600 Designer arbeiten in Berlin

Geht es um Berlin als Modestadt, kommt man in der Senatswirtschaftsverwaltung schnell ins Schwärmen. Berlin habe sich in der Top-Liga der wichtigen Modestandorte weltweit etabliert, heißt es dort. Und natürlich kann man durchaus beeindruckende Zahlen liefern: Mit 2700 Unternehmen weise Berlin die höchste Dichte an Modeunternehmen in Deutschland auf. Über 25.000 Jobs sichere die hiesige Modebranche. Jahresumsatz: 4,8 Milliarden Euro.

Nur ist die Bilanz dann doch etwas drapiert, weil eben auch der Handel und somit jede H&M-Filiale in der Stadt mitgezählt wurde. Dabei hat sich gerade der kreative Part der Modestadt wirklich entwickelt. Gut 600 Designer arbeiten in Berlin. Vor wenigen Jahren waren es noch deutlich weniger als 300.

Nicht ohne Praxiserfahrung

Das Friedrichshainer Label Mara Mea gehört zu den Neulingen. 2015 wurde es von Dorina Hartmann und Maren Will gegründet. Damals waren sie Mitte 20. Sie hatten sich beim Modedesignstudium in Berlin kennengelernt und danach zunächst einige Jahre in verschiedenen Firmen gearbeitet. Dorina Hartmann war in China und hat dort viel über Produktion gelernt. Maren Will konnte Erfahrungen mit Logistik, Zoll und Preisgestaltung sammeln. „Das alles lernt man nicht im Designstudium“, sagt sie. Ohne Berufspraxis sollte man keine Firma gründen.

Die beiden haben ihre Marktlücke gesucht und gefunden: Mode für Frauen, die ihren Stil nicht verändern wollen, weil sie Mütter werden. Warum müssen Wickeltaschen Bärchenmuster haben, wenn sie doch nicht von den Babys, sondern erwachsenen Frauen getragen werden, lautete die Frage. Als Antwort kreierten sie Taschen und Umstandsmode, die vor, während und nach der Schwangerschaft, Still- und Wickelzeit getragen werden kann.

Berliner Design, Produktion in Indien

Die Entwürfe und Designs dafür kommen aus Friedrichshain, produziert wird in Indien. „Wegen der aufwendigen Stickereien“, sagt Dorina Hartmann. Es seien zwei kleine Familienbetriebe, die alles selbst machen und ohne Sub-Unternehmen auskommen. „Wir kennen die Betriebe und sind regelmäßig dort“, sagt sie und dass Mara Mea mehr als den dortigen Mindestlohn zahle.

2016 haben sie mit ihrem Konzept den regionalen Businessplan-Wettbewerb gewonnen. Inzwischen beliefert das Berliner Label rund 120 Läden in 14 Ländern. Seit dem vergangenen Jahr schreibt ihr Unternehmen schwarze Zahlen. Eine Ausnahme in Berlin? „Ich schätze, dass höchstens jeder zehnte Berliner Designer allein von seiner Mode leben kann“, sagt Dorina Hartmann.

Horst Fetzer will sich dazu nicht festlegen, räumt aber ein, dass es in der Branche schon „viel Träumereien“ gebe. Der 53-Jährige ist Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft und lehrt im Fach Modedesign auf dem Campus Schöneweide. 70 bis 80 Absolventen hat der Studiengang jährlich. Eine von sechs Berliner Hochschulen, die Modeschöpfer ausbilden und längst feste Anlaufstellen für die Nachwuchs-Scouts internationaler Labels und Bekleidungshersteller geworden sind. Auch das macht eine Modestadt aus.

Viele Jahre ohne Gewinn

Aber kann man mit Entwürfen für Kleider und Hosen in Berlin nun Geld verdienen? „Absolut“, sagt Fetzer. Ihm fielen sofort zwei Dutzend Berliner Labels ein, die es auf Jahresumsätze von bis zu einer Million Euro brächten. Aber dafür brauche man einen langen Atem. „Man muss sich darauf einstellen, erst nach fünf, manchmal nach zehn Jahren den ersten Gewinn zu machen.“ Dennoch sei Berlin dafür ein guter Ausgangspunkt. Die Stadt sauge so viel Kreativität an, dass sie zugleich auch die größten Talente hervorbringen könne.

Dass Mode aus Berlin ein profitables Geschäft sein kann, beweist vor allem Zalando. Denn das Unternehmen verkauft Bekleidung nicht nur, sondern entwirft sie auch selbst – vor allem der höheren Marge wegen. Bei der Zalando-Tochter Zlabels in der Neuen Bahnhofstraße am Ostkreuz arbeiten insgesamt 45 Modedesigner, um Stücke für die insgesamt 16 Zalando-Eigenmarken von Anna Field bis Zign zu kreierten. Genäht werden die Entwürfe im Ausland. Rund 10.000 Artikel kommen mittlerweile pro Jahr aus den Ostkreuz-Ateliers. Zalando beziffert den Umsatzanteil auf zehn bis 15 Prozent.

Für das Jahr 2017 bedeutet das 450 bis 675 Millionen Euro. Und während an den Hochschulen noch immer das „Gespür für den Markt“ als wichtigstes Kriterium für Erfolg genannt wird, hat bei Zalando längst die Datenanalyse des Gespür ersetzt. „Mit dem Wissen, das wir über unsere Kunden heutzutage haben, sind wir keine klassischen Modeschöpfer mehr“, sagt Zlabels-Chef Jan Wilmking. Man nutze Datenpunkte, um das richtige Produkt zur richtigen Zeit für seine Kunden schaffen zu können. Malen nach Zahlen am Ostkreuz.