Berlin - Dieser Ort mitten in Berlin erschließt sich nicht auf die Schnelle. Das Areal unweit des Roten Rathauses hatte schon viele Gesichter. Es zählt zu den ältesten Gegenden in der Hauptstadt. Doch von der Geschichte ist kaum etwas zu sehen. Breite Straßenzüge und Parkplätze bestimmen das Bild - der Bereich rund um den Molkenmarkt im Bezirk Mitte ist seit Jahrzehnten ein Verkehrskorridor. Das ändert sich: Berlin baut sich ein neues Viertel mit Wohnungen, Läden und Büros an der historischen Stelle. Nicht allen gefällt das gleichermaßen.

Zehntausende Autos rauschen über den Asphalt 

Auf der mehrspurigen Straße im Bereich des Mühlendamms stehen Baucontainer. Normalerweise rauscht hier der Verkehr über den Asphalt - pro Tag sind es Zehntausende Fahrzeuge. Nun schlängeln sich die vielen Lastwagen, Autos und Fahrräder um die Container herum, wenn sie in Richtung Potsdamer Platz fahren. Ein Archäologen-Team gräbt hier. Das Nikolaiviertel, das viele Touristen wegen seiner langen Geschichte anzieht, ist nicht weit. Bevor bestimmte Straßenabschnitte auf dem Areal umverlegt werden und danach gebaut werden kann, suchen die Experten zunächst nach historischen Spuren. Autofahrer bekommen von den eingezäunten Arbeiten so gut wie nichts zu sehen - aber etwas zu spüren. Vom Automobilclub ADAC heißt es: „Die Einschränkungen durch die Baustelle am Mühlendamm sorgen für Staus.“

Michael Malliaris, der die Leitung von Großgrabungen beim Landesdenkmalamt Berlin innehat, stellt in Aussicht, dass die Arbeiten auf dem Mühlendamm bis Anfang Juni abgeschlossen sein werden. Später geht es an anderer Stelle weiter. Insgesamt müssen sich die Archäologen in den nächsten Jahren eine Fläche von 25 000 Quadratmetern vornehmen - es ist ein gewaltiges Projekt. „Wenn wir Glück haben, finden wir Spuren von Marktbuden.“ In dem Bereich habe es vor Jahrhunderten ein reges Marktgeschehen gegeben. „Wir hoffen, am Ende die Entwicklung des Stadtviertels nachzeichnen zu können“, sagt Malliaris. Zu den Funden zählen bereits Nachweise aus vielen Jahrhunderten: unter anderem Gebrauchskeramik, Steigbügel und Wilhelminische Fußbodenplatten.

Ein gewaltiges Projekt für Archäologen

Der Ort hat eine lange Geschichte. Nach Angaben des Stadtmuseums Berlin entstanden im 13. Jahrhundert im Umfeld des Mühlendamms an Handelsstraßen Marktplätze. Bereits vor der Ersterwähnung Berlins (1244) und Cöllns (1237) sei dort Handel getrieben worden.

Klosterviertel soll das Areal einmal heißen. Die Leiterin des Referats Innere Stadt und Hauptstadtangelegenheiten bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Anina Böhme, sagt: „Unser Ziel ist, wegzukommen von dieser Brache, die wir heute haben.“ Derzeit durchschneide eine Verkehrsschneise Quartiere. Böhme spricht von einer „überdimensionierten Trassenführung“. Es sei einer der ältesten Orte der Stadt, der Geschichte in sich birgt, von der man aber nichts spüre. „Und er ist im Moment einer der leblosesten Orte in diesem zentralen Bereich“, sagt Böhme. Ziel sei es, „ein Stück Stadt zurückzugewinnen“.

Von der Geschichte des Ortes war bisher nichts zu spüren

Nach Angaben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen entstand die Grunerstraße zu DDR-Zeiten in den 1960er Jahren zur Anbindung des Leipziger Platzes an den Alexanderplatz. Der Bereich wurde zu einem Verwaltungsstandort und Verkehrsraum. Im Zweiten Weltkrieg war vieles zerstört worden.

Wie das neue Viertel genau aussehen wird, ist noch nicht in Stein gemeißelt. Das Verfahren, wie die Flächen bebaut werden, wird noch verschiedene Stufen durchlaufen. „Wir haben jetzt Baurecht geschaffen“, sagt Böhme. Nun sollen nach und nach mit mehreren Akteuren Baufelder entwickelt werden. Es soll ein baulicher Wettbewerb folgen.

180 Menschen leben auf dem Areal - 1000 sollen es werden

Etwa 80 Prozent der Bauflächen gehören dem Land Berlin, wie Projektleiter Arne Siegler sagt. Derzeit leben auf dem Areal etwa 180 Menschen. Es sollen einmal rund 1000 werden. 450 Wohneinheiten sollen demnach entstehen, aber auch Büro- und Gewerbeflächen. Im Jahre 2024 soll den Angaben zufolge mit dem Bau des Viertels begonnen worden sein. Mit der Baufeldentwicklung kann laut Siegler erst gestartet werden, wenn die an den Mühlendamm anschließende Grunerstraße umverlegt ist.

Neben dem ADAC gibt es auch von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin Kritikpunkte zu dem Projekt - wieder geht es um die Verkehrsführung. Der IHK-Bereichsleiter Stadtentwicklung, Jochen Brückmann, betont: Weil der begonnene Umbau den Verkehrsfluss auch dauerhaft sehr deutlich einschränken werde, hatte die IHK Berlin die Politik gewarnt und schon vor zehn Jahren eine alternative Verkehrsführung vorgeschlagen. Sie sei aber abgelehnt worden.

Zugleich sagt er aber auch: „Die Rückgewinnung von nicht oder schlecht genutztem Stadtraum ist in Berlin ein Gebot der Stunde. Der Stadt fehlen Wohnungen, Büros und Gewerbeflächen. Brachen können wir uns nicht leisten, schon gar nicht mitten im Stadtzentrum.“ (dpa)