Koolhaas’ Projekt ist wieder ein Riesenbau, 52.000 Quadratmeter Nutzfläche – also mehr als das Berliner Humboldt-Forum! – entstand auf einem fast quadratischen Grundstück von nur 10.000 Quadratmetern.
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BerlinEines kann als sicher gelten: Die große Halle des von Rem Koolhaas seit 2013 entworfenen und am Dienstag nach nur vier Jahren Bauzeit übergebenen „Axel Springer Neubaus“ ist einer der großartigsten neueren Innenräume Berlins. Superschlanke Pfeiler tragen 45 Meter hoch das Dach, weit hängen Terrassen und Balkongänge über den Köpfen. Alles ist hell, weit und licht. Seit dem Entstehen der grandiosen „Leselandschaft“ in der 1979 eingeweihten Neuen Staatsbibliothek Hans Scharouns am Kulturforum hat es in Berlin keine solche Raumkomposition gegeben. Und ständig wird der Blick auf jene vielfach geknickten Riesenfenster gezogen, hinter denen der goldene Bau des ersten Verlagshauses von Axel Springer schimmert. Nur die schmale Zimmerstraße, die einst vom Mauerstreifen überdeckt war, trennt die beiden Häuser.

Der Axel-Springer-Verlag ist in der deutschen Geschichte eine Legende, angegriffen, gefürchtet und bewundert seit der Gründung 1946 in Hamburg. Auch deswegen war am Dienstag viel Prominenz zur Eröffnung des Neubaus gekommen, saß auf der obersten Terrasse der großen Halle mit weitem Ausblick, Abstand und Maske. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier betonte in seiner Rede die Bedeutung des freien Qualitätsjournalismus gerade im Digitalzeitalter, Verlagschef Mathias Döpfner interpretierte den von ihm initiierten und bis ins Toilettenpapierhalter-Detail mit Rem Koolhaas abgesprochenen Bau als ein Versprechen einer neuen, alle technischen Möglichkeiten zugleich nutzenden Medienzukunft.

Von Beginn an hat der Verlag seinen politischen Anspruch auch architektonisch gezeigt: Das 1950 mitten in der Hamburger Altstadt begonnene, 1956 eingeweihte erste Springer-Hochhaus ist mit seinem weißen Modernismus demonstrativ amerikanisierend, der zehn Jahre später übergebene, direkt an der Mauer errichtete goldene Berliner Turm zeigte bis weit nach Ost-Berlin hinein, dass der Verleger Axel Caesar Springer trotz der Dauerkrise West-Berlins eisern festhielt am Ideal einer freiheitlichen Gesellschaft. Um ihn zu verdecken, sollen angeblich – eine der vielen Berliner Städtebaulegenden – die Hochhäuser an der Südseite der Leipziger Straße errichtet worden sein.

Koolhaas’ Projekt nun ist wieder ein Riesenbau, 52.000 Quadratmeter Nutzfläche – also mehr als das Berliner Humboldt-Forum! – entstand auf einem fast quadratischen Grundstück von nur 10.000 Quadratmetern. Bis zu 13 Geschosse wurden aufgestapelt, hoch reckt sich die Anlage über die klassische Berliner Traufkante der nördlich angrenzenden Bauten. Doch was hierhin städtebaulich vermittelt, wirkt zur anderen Seite hin als Deklassierung des noblen Springer-Hochhauses: Der Koolhaas-Bau erscheint nämlich bis auf den riesigen Keil mit den ausgebeulten Südwestfenstern und einen schmalen Lichtstreifen nach außen maximal geschlossen, schimmert Kometengleich metallisch schwarz. Dass vor dem Haus ein kleiner Park eingerichtet wird, auch das Dach als Grünfläche dienen soll und der Verleger forderte, die Zimmerstraße vom Autoverkehr zu befreien, ist da kein Ausgleich. Mehr ästhetischer Kontrast, mehr städtische Dominanzgebärde sind kaum denkbar.

Nach innen dagegen ist dieser Bau die Architektur gewordene Aufforderung zu ständiger Flexibilität und Neuorientierung der Mitarbeiter und das umfassende Versprechen, Technik könne alle Probleme lösen. Anders gesagt: Neoliberalismus pur, auch wenn Rem Koolhaas betonte, er sei doch der Architekt der Mitarbeiter und nicht der Investoren. Verlagschef Döpfner dagegen konstatierte, das feste Büro sei passé. Man kommuniziere nun in Arbeitszellen oder Konferenzzimmern, Lounges oder in der neuen Rem-Bar auf dem begrünten Dach, vor allem aber in der einer grandiosen Treppe gleichenden Halle. Ein Motiv übrigens, das sich oft in neueren öffentlichen Bibliotheken der Niederlande oder Skandinaviens findet. Aber wie steht es mit Raum für leises Überlegen, fragte sich wohl nicht nur Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier angesichts all dieser Offenheit.

Döpfner hat schon 2016 das einstige Hauptquartier in Hamburg, 2019 auch diesen Berliner Neubau verkauft, nutzt ihn also nur noch als Mieter. Das entspricht einerseits neoliberalen Thesen, nach denen Unternehmer sich nicht mit Immobilien belasten sollen, andererseits auch dem Versprechen der Digitalfans, das Materielle auch im Journalismus überwinden zu können. Eine höchst umstrittene Zukunftsthese: Nur wenige Hundert Meter von Koolhaas’ Überwältigungsarchitektur hat sich die eher kapitalismuskritische Tageszeitung „taz“ einen in Konstruktion und Moderne-Pathos durchaus vergleichbar sensationellen Neubau errichtet. Doch ihre Architekten, das Züricher Büro E2A, planten einen durchsichtigen, zur Stadt hin offenen und eingepassten Bau in enger Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern. Und gerade der Besitz des eigenen Hauses auf eigenem Grundstück gilt hier als Garantie der journalistischen Unabhängigkeit. Entstanden ist so ein wohl weltweit einzigartiges Fast-Nebeneinander radikal gegensätzlicher Auffassungen von Medienzukunft und Medienarchitektur im Zeitalter des digitalen Kapitalismus.