Wie viele Songs braucht man, um eine Bandkarriere zu starten? – Im Fall von „Il Civetto“ waren es genau zwei. Denn begonnen hat die Geschichte des Berliner Quintetts an einem Ort, wo für mehr Programm gar keine Zeit ist: in der U-Bahn.

„Am Anfang waren wir nur zu zweit mit Gitarren plus Gesang unterwegs“, erzählt Bandmitglied Leonard Schulz beim Kaffee in einer Dachwohnung unweit vom Kottbusser Tor. „Freitag- und Samstagabend ist in der U1 viel los, da haben wir erstaunlich gut verdient.“ So gut, dass sie auf einer WG-Party zwei weitere Musiker zur gemeinsamen U-Bahn-Session mit Saxofon und Percussion überreden konnten.

Bis der Waggon wackelt

„Wenn wir mit unseren Instrumenten in die volle Bahn reingekommen sind, waren manche Leute erstmal genervt. Aber als wir angefangen haben zu spielen, sind auf einmal alle rumgehüpft.“ Innerhalb von zwei Haltestellen coverten sie „Soulstorm“ von Patrice und „Nur ein Wort“ (Wir sind Helden), danach wurde der Waggon gewechselt und die Party ging von vorne los.

„Die Stimmung war immer unglaublich. Einmal musste der Zug anhalten, weil unser Waggon zu sehr wackelte.“ Schließlich engagierte sie ein Fahrgast aus der Bahn heraus für eine Party. „Dabei waren wir ja noch keine Band, sondern wir haben einfach drauf los gespielt.“

Doch jetzt, wo das erste Booking da war, musste Repertoire her – binnen einer Woche. Sänger und Gitarrist Tristan Böttger komplettierte die Gruppe, zu fünft wurden die ersten gemeinsamen Stücke geschrieben, um sich schließlich unter dem Kunstnamen „Il Civetto“ in das Berliner Nachtleben zu stürzen.

Im weitesten Sinne könnte man es als Folklore betiteln, was Il Civetto aus Akustik-Gitarre, Ukulele, Bass, Saxofon und Klarinette herausholen. Das ungewöhnliche Schlagzeug-Set aus Cajon, Djembe und Snare-Drum vereint afrikanische, südamerikanische und europäische Stile, Bossa-Rhythmen und Offbeat-Gitarre sorgen für jede Menge Groove.

Es ist auch eine Collage der verschiedenen Reisen und Einflüsse der Bandmitglieder, alle Mitte 20. Die stammen zwar aus Friedenau, Kreuzberg und Neukölln, verbrachten aber auch einige Zeit in Brasilien, der Türkei oder auch im Senegal. Und nicht nur musikalisch, auch sprachlich geht es bei Il Civetto recht vielseitig zu. Mal wird auf Französisch, mal auf Portugiesisch oder Italienisch gesungen, Saxofonist und Klarinettist Lars Löffler-Oppermann, der hier und da Klezmer einstreut, verfasste einen Text auf Jiddisch. Durch die Kombination verschiedener Sprachen entsteht mitunter eine Art Fantasie-Esperanto – doch selbst das können die Fans der Band inzwischen auswendig mitsingen.

Unterwegs in Berlins Partyszene

„Bei uns muss nicht jedes Wort 100 Prozent grammatikalisch korrekt sein, es geht viel mehr darum, dass die Leute das Gefühl und den Hintergedanken mitkriegen“, meint Lars. „In einem Song erzählen wir zum Beispiel von einem Mann, der durch die Straßen zieht, aber was genau er dabei sieht, das benennen wir nicht, das wäre zu viel. Das können die Leute sich einfach ausmalen.“ In den letzten vier Jahren haben sie sich durch die Berliner Partyszene geschwitzt und geackert, Klubs wie das Kaffee Burger meldeten jeden Monat volles Haus, die Popularität wuchs und damit die Zahl der Anfragen.

„Wir haben vor Anzugträgern gespielt, auf einem Kinderbauernhof, auf 60. Geburtstagen, auf der Fusion, dem Karneval der Kulturen, in der Türkei oder auch in den Alpen“, erzählt Leonard Schulz. Der Gitarrist hat für den Erfolg auch eine Erklärung: „Traditionelle, folkloristische Musik aus Deutschland gibt es ja kaum noch, denn durch den Zweiten Weltkrieg und die DDR hat ein absoluter Bruch mit der Heimatkultur stattgefunden. Es gibt deswegen auch kaum mehr gemeinsames Liedgut, das von jung und alt geteilt wird. Dagegen, wenn du in der Türkei junge Leute triffst und das Radio anmachst – die können die ganzen Lieder mitsingen. Oder in Frankreich, da kennt jeder die Chansons von Edith Piaf und Jacques Brel. Das gibt es in Deutschland so nicht mehr, deshalb feiern die Leute hier so sehr folkloristische Musik.“

Heute verläuft alles professioneller

Inzwischen hat die einstige U-Bahn-Combo auch eine Plattenfirma gefunden, noch dazu keine unbekannte: das Berliner Label Eastblok Music hat sich mit Bands wie Leningrad, Skazka Orchestra und „Balkan Beats“-Samplern einen Namen gemacht. Das Debütalbum stellen Il Civetto diesen Samstag im Ritter Butzke vor, produziert hat es Robert Kondorosi, Kopf der erfolgreichen Klezmer-Punk-Band Budzillus. Das Ergebnis dürfte den Fans gefallen, denn auf einmal werden da auch Klangfarben hörbar, die auf so manch improvisierter Clubanlage bisher nur als Grautöne rüberkamen.

Wobei die Band heute auch mit etwas Nostalgie auf Konzerte in chaotischen Underground-Locations zurückblickt. „In der Clubszene hieß es früher oft 'wir schmeißen jetzt eine Party, egal, was morgen ist'. Heute verläuft das alles professioneller: Es wird im Voraus geplant, man macht Business-Meetings – es ist nicht mehr diese überschwängliche Euphorie da. Denn es gibt äußeren Druck: Wenn alles teurer wird und die Mieten steigen, können auch die Clubs nicht mehr so spontan agieren. Es ist nicht mehr alles so yolo wie noch vor ein paar Jahren, aber zum Glück ist Berlin eine Stadt, die sich immer wieder neu erfindet.“

„Il Civetto“ Albumpräsentation, 05.12., Konzert mit anschließender Party und DJs. Ritter Butzke, Ritterstraße 26, 23.55 Uhr, Eintritt: 12 Euro.