Berliner Nahverkehr in Not: Nun sucht die BVG neue Busfahrer in der Türkei 

Der Krankenstand ist hoch, schon auf mehr als 30 Buslinien musste der Fahrplan ausgedünnt werden. Um weitere Ausfälle zu verhindern, geht die BVG neue Wege.

Einer von fast 1600 Bussen der Berliner Verkehrsbetriebe, kurz BVG. Im vergangenen Jahr wurden die Linienbusse des Landesunternehmens für mehr als 300 Millionen Fahrten genutzt.
Einer von fast 1600 Bussen der Berliner Verkehrsbetriebe, kurz BVG. Im vergangenen Jahr wurden die Linienbusse des Landesunternehmens für mehr als 300 Millionen Fahrten genutzt.dpa/Jörg Carstensen

Weil Personal fehlt, haben die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ihren Busfahrplan ausgedünnt. Trotzdem fallen weiterhin Fahrten aus. Jetzt hat das Landesunternehmen seine Anstrengungen, neue Busfahrerinnen und Busfahrer zu finden, verstärkt. „Um langfristig genügend Fachkräfte zu gewinnen, bereitet die BVG inzwischen auch Rekrutierungsmaßnahmen im Ausland vor“, berichtete Berlins Mobilitätssenatorin Bettina Jarasch (Grüne) am Mittwoch im Mobilitätsausschuss des Abgeordnetenhauses. Ihren Angaben zufolge werde auch außerhalb der Europäischen Union (EU) gesucht. BVG-Betriebsvorstand Rolf Erfurt sprach am Freitag von der Türkei und den Staaten im ehemaligen Jugoslawien. „In unserer Leitstelle gibt es Mitarbeiter, die mit Menschen aus diesen Bereichen kommunizieren könnten“, sagte er.

„Wir haben es im Moment mit einer misslichen Situation bei der BVG zu tun, die aber keineswegs singulär ist“, sagte Jarasch, die auf eine Anfrage der SPD antwortete. Wie in vielen anderen Branchen und Bereichen sei der Krankenstand bei den Verkehrsbetrieben hoch. „Das hat auch mit dem Erschöpfungszustand, der sich nach Corona bemerkbar macht, zu tun“, erklärte die Landespolitikerin. Gleichzeitig verschärft nach ihren Worten der  Fachkräftemangel die Lage. „Auch das ist nicht singulär für die BVG“, hieß es.

Subunternehmer springt ein und übernimmt zahlreiche Busfahrten

Die BVG habe darauf reagiert, in dem sie einen Ausnahmefahrplan in Kraft gesetzt habe. Zum 22. August wurde auf 32 der 160 tagsüber befahrenen Buslinien das Angebot gekürzt. Zwei weitere Linien folgten. Insgesamt wurde die Leistung im Busverkehr um drei Prozent verringert. „So sollen ungeplante Ausfälle, die für die Fahrgäste immer besonders ärgerlich sind, vermieden werden“, so die Senatorin. Die Ausdünnungen sollen durch den Einsatz möglichst großer Busse kompensiert werden. Trotzdem gebe es weiterhin Probleme, stellen der Berliner Fahrgastverband IGEB und Busnutzer fest.

Jetzt gebe es weitere aktuelle Gegenmaßnahmen, um den Linienbusverkehr bei der BVG zu stabilisieren, kündigte die Senatorin im Ausschuss an. So übernehme ein Subunternehmen, die Firma Schröder Reisen, von der kommenden Woche an 26 Buseinsätze – Umläufe genannt. Außerdem habe die BVG ihre Bemühungen, weiteres Personal zu rekrutieren, „noch einmal deutlich verstärkt“, stellte Bettina Jarasch fest. Das werde sich nach  dem Jahreswechsel 2023 positiv auf den Betrieb auswirken.

Es bleibt bei der dreiprozentigen Ausdünnung des Berliner Busverkehrs

Die BVG halte auch im „EU-nahen Ausland“ Ausschau nach neuem Busfahrpersonal, sagte die Senatorin. Das sei aber durchaus arbeitsintensiv: „Da hat man mit Aufenthaltsgenehmigungen, deutschen Konten, Wohnungssuche zu tun. Wenn wir genötigt sind, auch in Nicht-EU-Drittstaaten nach Fahrerinnen und Fahrern zu suchen, wie es derzeit der Fall ist, ist das aufwendig.“

Der Senat hoffe, dass sich die Lage verbessere, wenn das neue Vorstandsmitglied für Personal und Soziales, Jenny Zeller, im ersten Quartal 2023 ihre Arbeit in der BVG aufnehme. Zum 20. November soll das landeseigene Unternehmen erneut über die Situation berichten. Allerdings geht Jarasch davon aus, dass es bei der dreiprozentigen Kürzung des Angebots im Busverkehr erst einmal bleibt.

Anderswo fallen 25 Prozent der Fahrten aus

Im Vergleich zu anderen Städten seien die Kürzungen in Berlin noch sehr gering, sagte BVG-Betriebsvorstand Erfurt. „Vielerorts wird auch an Wochentagen nach dem Sonnabend-Fahrplan gefahren. So fallen in Wiesbaden nach unseren Informationen rund 25 Prozent der Fahrten aus.“

Im U-Bahnhof Klosterstraße fährt ein Pendelzug ein. Weil im U-Bahnhof Alexanderplatz ein Gleis gesperrt werden musste, kann der Abschnitt bis Senefelderplatz nur alle 15 Minuten befahren werden.
Im U-Bahnhof Klosterstraße fährt ein Pendelzug ein. Weil im U-Bahnhof Alexanderplatz ein Gleis gesperrt werden musste, kann der Abschnitt bis Senefelderplatz nur alle 15 Minuten befahren werden.Berliner Zeitung/Peter Neumann

Bei einem anderen BVG-Thema zeichnet sich ein Zeitplan ab. Wie berichtet wurde auf einem Tunnelabschnitt der U-Bahn-Linie U2 unter dem Alexanderplatz in Mitte eines der beiden Gleise gesperrt. Das unterirdische Bauwerk hatte sich bewegt und war um 3,1 bis 3,6 Zentimeter abgesackt. Nebenan hat das Immobilienunternehmen Covivio eine Baugrube ausgehoben, in der ein Hochhaus entstehen soll. Seit dem 7. Oktober müssen die Fahrgäste in den U-Bahnhöfen Senefelderplatz sowie Klosterstraße umsteigen und dazwischen einen Pendelverkehr nutzen, der nur alle 15 Minuten verkehren kann. Dadurch verlängert sich die Reisezeit zum Teil erheblich.

BVG und Covivio diskutieren: Wer ist schuld an der Setzung des Tunnels?

Im Mobilitätsausschuss machte Bettina Jarasch auf Anfrage der AfD deutlich, dass auch sie derzeit nicht abschätzen kann, wann die Schäden behoben werden und die U-Bahn wieder beide Gleise befahren kann. „Wir können zum heutigen Zeitpunkt noch nicht sagen, wann das tatsächlich der Fall ist“, teilte sie mit. Am Freitag teilte die BVG mit, dass es im Februar 2023 so weit sein könnte.

Die Grünen-Politikerin deutete an, dass es offenbar Differenzen darüber gibt, ob die Bauarbeiten der Covivio tatsächlich die Setzung des unterirdischen Bauwerks verursacht haben. Die Analyse der Ursachen sei noch nicht abgeschlossen, die „Frage, was eigentlich ursächlich war“, noch nicht beantwortet, erklärte die Senatorin. Nach Informationen der Berliner Zeitung wird auch darüber diskutiert, wer die Kosten trägt.

Covivio äußert sich zum Stand der Dinge am Alexanderplatz

Was den weiteren Ablauf angehe, müssten zunächst die Sicherungsmaßnahmen in der Covivio-Baugrube und im Tunnel der U2 festgelegt werden. „Wenn das passiert ist, werden die Fachexperten der BVG unterstützt vom unabhängigen Prüfingenieur und der Technischen Aufsichtsbehörde entscheiden, ob wir den Betrieb wieder aufnehmen können“, sagte die Senatorin. Dann könne auch abgeschätzt werden, welche Reparaturmaßnahmen am U-Bahn-Tunnel zu erledigen seien.

Am Mittwoch gab das Immobilienunternehmen auf Anfrage der Berliner Zeitung ein Update. „Covivio und die BVG sind in engem Austausch“, sagte Covivio-Sprecherin Barbara Lipka. „Gemeinsam arbeiten unsere Fachleute mit den Experten der beteiligten Unternehmen und den zuständigen Behörden an der Analyse der Ursache sowie verschiedenen Lösungsansätzen. Die bisherigen Untersuchungen und Auswertungen werden fortgesetzt.“ Die genauen Ursachen seien noch nicht geklärt, so Lipka. „In Abstimmung mit allen Beteiligten wurde der BVG ein erstes Konzept vorgestellt, um den Tunneluntergrund zu verdichten und den Gleisabschnitt, der sich gesetzt hat, wieder anzuheben.“ Für weitere Detailfragen sei es „noch zu früh“.

Linke-Politikerin: „Das Thema muss raus aus den Hinterzimmern“

Wie berichtet hat die Covivio die Bauarbeiten neben dem U-Bahnhof eingestellt. Dem Vernehmen nach möchte das Unternehmen sie bald wieder aufnehmen. Die Linke-Abgeordnete Katalin Gennburg forderte am Mittwoch das Bezirksamt Mitte auf, die behördliche Anordnung eines Baustopps folgen zu lassen. Zugleich müsse damit begonnen werden, die rechtlichen und finanziellen Risiken einzuschätzen. Sowohl das Bau- als auch das Verkehrsunternehmen ließen die Öffentlichkeit im Unklaren. Dabei sei ein wichtiger Teil der Infrastruktur betroffen. Wie berichtet werden auch die U5 und U8 überwacht. Gennburg: „Das Thema muss raus aus den Hinterzimmern.“