Der 2. Oktober 1967 war ein sonniger Tag. Viele Tausend Berliner feierten den Abschied von der Straßenbahn in West-Berlin. Fortan konnte die verfemte „Bimmelbahn“ den Autos im Westen keinen Platz mehr wegnehmen. Fast drei Jahrzehnte lang fuhren nur im Osten Berlins Straßenbahnen. Zwar wurden nach der Wende einige wenige Strecken wiederaufgebaut, andere verlängert.

Doch knapp 50 Jahre nach der letzten Fahrt in West-Berlin zieht der Fahrgastverband IGEB eine negative Bilanz des Ausbaus. „Er geht viel zu langsam voran“, sagt Sprecher Jens Wieseke. „Wir sind enttäuscht.“ Nun wurde auch noch bekannt, dass sich bei den nächsten Projekten der Beginn des Genehmigungsverfahrens weiter verzögert.

1953 war ein Schicksalsjahr für die Straßenbahn im Westen Berlins. Ein Beschluss, neue Züge anzuschaffen, wurde widerrufen, seitdem wurde nicht mehr investiert. Eine Stilllegungswelle setzte ein, der 14 Jahre später die letzte Linie zum Opfer fiel. In relativ kurzer Zeit war das Verkehrssystem zerstört. Seit der Wende ist die doppelte Zeit vergangen, doch das Berliner Straßenbahnnetz ist bisher nur um wenige Kilometer gewachsen.

EU hat Richtlinien geändert

Fünf Jahrzehnte nach dem Abschiedskorso auf der Linie 55 von Spandau-Hakenfelde nach Charlottenburg zeigt sich erneut, wie mühsam es heute ist, den Bau neuer Tramtrassen vorzubereiten. Bei den nächsten Projekten muss eine weitere Runde gedreht werden – die zusätzliche Zeit in Anspruch nimmt.

Es geht um drei Vorhaben. In Friedrichshain und Lichtenberg soll der Bahnhof Ostkreuz, wichtigster Knotenpunkt im Berliner S-Bahn-Netz, ans Straßenbahnnetz angeschlossen werden. In Tiergarten ist geplant, die Strecke zum Hauptbahnhof bis zum U-Bahnhof Turmstraße zu verlängern – auch dort werden viele Fahrgäste erwartet. Im Südosten soll die Lücke zwischen der Wissenschaftsstadt Adlershof und Schöneweide geschlossen werden. Die Strecke wird die Neubaugebiete links und rechts vom Groß-Berliner Damm erschließen. Es sind Neubauprojekte, die das Netz an entscheidenden Stellen ergänzen – und deren Wirtschaftlichkeit nachgewiesen worden ist.

Vorprüfung ist im Gang

Viele Monate lang wurde bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) gerechnet, gezeichnet, geschrieben. Im Sommer waren die Planfeststellungsunterlagen fertig und konnten der Senatsverwaltung übergeben werden. Doch anders als erwartet wurden sie nicht an die Behörde weitergeleitet, die im Herbst die Genehmigungsverfahren einleiten sollte. Stattdessen gingen einige Ordner an die BVG retour. „Der Senat hat uns Unterlagen zu allen drei Projekten wieder zurückgegeben“, sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz.

Das liege nicht daran, dass die Planer schlecht gearbeitet haben. „Der Grund ist, dass die Europäische Union Richtlinien geändert hat“, erklärte Reetz. Konkret gehe es darum, mit Hilfe welcher Kriterien Verkehrsprognosen zu erstellen sind. Die Änderung hat zur Folge, dass auch andere Dokumente anzupassen sind – zum Beispiel die Vorhersagen, welche Belastungen durch Lärm und Erschütterungen zu erwarten sind.

Die Vorprüfung der Unterlagen sei im Gang, sagte Matthias Tang, Sprecher der Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne). „Gemeinsam mit der BVG als Vorhabenträger werden Schlusskorrekturen im Interesse eines rechtssicheren Verfahrens durchgeführt.“

2019 sollte die erste Bahn rollen

Senat und BVG gehen davon aus, dass sich das nicht wesentlich auf die Tram-Projekte auswirkt. „Die formale Einleitung der Planfeststellungsverfahren ist für alle drei Strecken noch im Herbst beabsichtigt“, sagte Tang. An den geplanten Eröffnungsterminen soll sich nichts ändern. Je nachdem, wie die Genehmigungsprozeduren verlaufen, „wird nach derzeitigen Planungen eine Inbetriebnahme Ende 2020 angestrebt“, teilte der Sprecher mit.

Doch der SPD-Politiker Sven Heinemann bleibt misstrauisch. Im Fall des Ostkreuz-Projektes habe es schon mehrfach Verzögerungen gegeben, sagte er. So kündigte der Senat 2015 an, dass das Genehmigungsverfahren im selben Jahr beginnt und 2019 die erste Bahn rollt. Im vergangenen Januar hieß es, dass das Verfahren im Juli 2017 startet.

„Furchtbar“, klagte der Friedrichshainer Abgeordnete. „Das Schneckentempo bei der Straßenbahnplanung geht weiter. Es ist wirklich ärgerlich, dass offenbar wieder ein Jahr vergeht, ohne dass das Planfeststellungsverfahren für die Tram zum Ostkreuz eröffnet worden ist. Das werden unruhige Haushaltsberatungen für die BVG und die Verkehrsverwaltung.“