Berlin bekommt neue U-Bahnen. Die Prototypen nehmen Anfang Februar ihre Testfahrten auf, teilten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) mit. Damit kündigt sich nun endlich eine Verjüngung der Flotte an, nachdem viele Jahre lang keine Züge beschafft worden sind. Doch der Senat und die BVG haben erkannt, dass weitere Investitionen dringend nötig sind. Die ältesten Bahnen werden 51 Jahre alt, und fast die Hälfte des Wagenparks kann nicht mehr saniert werden. „Wir setzen uns dafür ein, dass die Entscheidung für weitere neue Züge 2015 fällt“, sagte Fahrzeugchef Christoph Boisserée der Berliner Zeitung. Bis 2033 braucht die BVG für insgesamt rund zwei Milliarden Euro neue U-Bahnen.

Wer befördert die meisten Fahrgäste in Berlin? Die S-Bahn? Die steht auf Platz drei - noch hinter dem Bus. Nein, es ist die U-Bahn. Sie wurde im vergangenen Jahr für rund eine halbe Milliarde Fahrten genutzt. Die Leistung hat ihren Preis: Die Züge werden stark belastet. Schäden treten auf.

„Bitte weiter so!“

„Sie sind beherrschbar, und die Züge lassen sich sicher betreiben“, stellte Boisserée klar. Doch damit das so bleibt, wird in den Werkstätten viel Aufwand betrieben – was die Wirtschaftlichkeit beeinträchtigt. „Alle Altbaufahrzeuge weisen zum jetzigen Zeitpunkt Risse im Drehgestell- und Wagenkastenbereich auf“, heißt es in einer internen Präsentation von U-Bahn-Direktor Hans-Christian Kaiser. Sie könnten nur mit einem „intensiven Prüfverfahren“ geortet werden. „Derzeit werden massiv Reparaturschweißungen zur Beseitigung der Risse durchgeführt.“

Bislang hat die BVG U-Bahnen saniert. Doch bei mehr als 500 der 1 238 Wagen gehen die Planer davon aus, dass das nicht mehr möglich ist. Die Entscheidung liegt beim Senat und dem Aufsichtsrat, aber das Problem ist klar. Ab den 1970er-Jahren wurde „deutlich weniger Material verbaut“, sagte Boisserée.„Schäden lassen sich nur schwer reparieren, und es gibt die Gefahr, dass ein Flickwerk entsteht.“ Für diese Züge gilt: „Nach 35 bis 40 Jahren können sie eigentlich nur noch ausgemustert werden. Eine Reihe von U-Bahn-Fahrzeugen wird nur bis zum kommenden Jahrzehnt durchhalten“ – und muss dann auf den Schrott.

Neue U-Bahnen müssen her, so die BVG. „Wenn wir nichts unternehmen, besteht die Gefahr, dass wir aus Sicherheitsgründen Wagen ausmustern müssen, ohne dass Ersatz zur Verfügung steht. Das könnte zu Fahrzeugengpässen und Verkehrseinschränkungen führen“, warnte Boisserée.

Museumsreife Wagen

Nachdem im Zeichen des Sparens an Investitionen kaum zu denken war, stehen der neue Regierende Bürgermeister Michael Müller und der Senat dem Thema aufgeschlossener gegenüber. Das gilt auch für die Haushälter im Parlament. „Mit bis zu 50 Jahren sind U-Bahn-Wagen museumsreif. Es ist höchste Eisenbahn, dass die BVG zukunftsfähig wird. Eine Instandhaltung solcher Züge macht betriebswirtschaftlich keinen Sinn“, so Sven Heinemann (SPD).

Ein Anfang ist in Sicht – in Gestalt der neuen Baureihe IK, die für die Linien U 1 bis U 4 ausgelegt ist. Die beiden Prototypen werden ab Februar drei Monate getestet und fahren dann auf der U 2. Ab 2017 folgen 24 weitere Vier-Wagen-Züge. „Gemeinsam mit dem Land konnte eine Beschaffung realisiert werden“, sagte die BVG-Chefin Sigrid Nikutta. „Bitte weiter so!“

Auch für die Linien U 5 bis U 9, die wegen ihrer breiteren Tunnel als Großprofil firmieren, werden neue U-Bahnen benötigt. „Dort ist unser Bedarf am dringendsten, die letzten Wagen wurden 2002 geliefert, das ist 13 Jahre her“, sagte Boissereé. „Wir sind optimistisch, dass wir mit dem Senat zu einer guten Lösung kommen.“ Wenn noch in diesem Jahr entschieden wird, würden die Prototypen 2020 fertig, und die Serienlieferung könnte zwei bis drei Jahre später starten. „Die neuen U-Bahnen werden keine Luxuszüge sein, auch dort bauen wir Schalensitze ein. Doch sie werden über eine bessere Fahrgastinformation verfügen, barrierefrei sein und einen angenehmen Aufenthalt bieten.“