Ein Obdachloser aus Riga am Bahnhof Zoo. Auch die Zahl von Obdachlosen aus Osteuropa ist laut Experten stark gestiegen. Wie stark genau, weiß niemand.
Foto: blz/Markus wächter

BerlinAzad (Name geändert) sitzt mit einem Freund auf einer Bank am U-Bahnhof Kottbusser Tor. In der Hand hält der 27-Jährige Alufolie und ein Röhrchen. Er entschuldigt sich dafür, dass er hier Drogen nimmt. „Ich lebe nicht, ich bin schon tot“, sagt er. Azad ist Kurde, vor zwei Jahren ist er aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Erst hatte er eine kleine Wohnung und einen Job in einem Dönerladen, jetzt lebt er schon seit Monaten auf der Straße. Sein Bewegungsradius ist klein: Mal übernachte er am Kotti, mal am Hermannplatz, erzählt er.

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag sollen Menschen, die wie Azad auf der Straße leben, gezählt werden. Es ist die erste Zählung dieser Art in Berlin, in Deutschland insgesamt. Mit ihr will der Senat herausfinden, wie viele Obdachlose überhaupt in der Hauptstadt leben. Zurzeit schwanken die Schätzungen von 6 000 bis 10 000. Hilfsangebote, so das Versprechen, sollen danach besser auf sie zugeschnitten werden.

Mehr als 3700 freiwillige Helfer

Die Senatssozialverwaltung hat vier Monate lang auf den Termin hingearbeitet, mehr als 3700 Freiwillige haben sich gemeldet, um zu helfen. Sie werden ab 21 Uhr am Mittwochabend in Fünferteams von rund 60 Büros in der Stadt ausschwärmen, festgelegte Routen ablaufen und sichtbar Obdachlosen anonymisierte Fragen stellen: Wie alt sie ungefähr sind, wie lange und mit wem sie auf der Straße leben, ob sie aus Deutschland, der EU oder einem Nicht-EU-Land stammen. Weder Namen, Nationalitäten noch Süchte oder Schlafplätze werden erhoben – laut Senatssozialverwaltung eine Empfehlung der kooperierenden Sozialverbände. Die Abschreckung, so das Feedback, sei bei zu intimen Fragen zu groß.

Der Senat vermeidet das Wort „Obdachlosenzählung“. Er spricht mit Blick auf die hohe Zahl der Freiwilligen lieber von der großen „Nacht der Solidarität“. Doch kurz vor ihrem Start melden zwei Gruppen scharfe Kritik an der Aktion an: Die „Selbstvertretung wohnungsloser Menschen“ wird gemeinsam mit einer nach eigener Aussage „Handvoll“ linker, nicht wohnungsloser Aktivisten ab 18 Uhr eine Kundgebung vor dem Roten Rathaus abhalten. Ihre Kritik: Die Zählung wirke auf Wohnungslose rasch bedrohlich, sei würdelos – und sinnlos, weil die erhobenen Zahlen nicht valide seien. So würden zum Beispiel unauffällige Obdachlose gar nicht erkannt und somit nicht gezählt, ebenso wie Obdachlose, die in Parks, Kellern, Kleingärten oder im Wald übernachten.

"Menschen brauchen Wohnungen und keine Zählung"

Auch die Aktivisten kritisieren in einer eigenen Pressemitteilung die Wortwahl „Nacht der Solidarität“ als „PR-Spektakel“, mit dem niemandem geholfen sei. Die „Elendsverwaltung“ müsse ein Ende haben, statt einer Zählung bräuchten die Menschen Wohnungen. 8000 Flugblätter wollen die Aktivisten bis Mittwochnacht in U-Bahnen verteilen und aufhängen, „gerade dort, wo Obdachlose häufig von Securities vertrieben werden“.

Stefan Strauß, Sprecher der Sozialverwaltung, kennt die protestierenden Akteure, er kennt auch ihre Argumente. Auch in der Obdachlosenhilfe gebe es kritische Stimmen. Doch man erfülle eine jahrelange Forderung der Sozialverbände und sehe darin die einzige Chance, die Lage auf der Straße zu verstehen und zu verändern. „Wir brauchen eine konkrete Zahl, wie viele Menschen in Berlin auf der Straße leben“, sagt er. Nach Einschätzung von Experten ist die Zahl der Frauen gestiegen, ebenso wie die der Menschen mit Behinderungen. „Nur wenn wir wissen, wie viele es sind, können wir die Angebote der Unterbringung ihren Bedürfnissen anpassen.“

Azad freut sich auf Besuch in der Nacht zu Donnerstag. Er hat kein Problem damit, Angaben zu machen. Ob er glaubt, dass die Politik danach  helfen wird? Azad schüttelt den Kopf. „Normale Menschen helfen.“