Berlin - Auch Lothar Semmel, ein Mann mit inzwischen weißem Stoppelbart , ist gekommen. Der Vize-Schulleiter der Rudower Clay-Oberschule will hier gemeinsam mit der Bildungsgewerkschaft GEW dafür demonstriereb, dass ältere Lehrer künftig drei Stunden weniger unterrichten sollen. Er rechnet vor, dass die Berliner Lehrer im bundesweiten Vergleich am meisten arbeiten müssen und mittlerweile fast am schlechtesten dafür bezahlt werden. „Das muss man doch mal klar sagen.“

Aus seiner Sicht hat sich die Situation, seitdem er im Schuldienst ist, immer weiter verschlechtert. Tatsächlich hat die Berliner Lehrerschaft mit gut 55 Jahren den höchsten Altersdurchschnitt aller Bundesländer, mehr als 1 600 hauptstädtische Pädagogen sind dauerkrank gemeldet, oft mit Burn-out-Phänomenen.

Bisher allerdings hielt sich der Zorn der Lehrer in Grenzen, ein geplanter Lehrerstreik in dieser Sache kam im vergangenen Jahr nicht zustande. Auch dieses Mal ist die Teilnehmerzahl geringer als erwartet, die GEW hatte auf 1 000 Pädagogen gehofft. Schließlich wollte man doch für diesen Herbst wieder mit Streik drohen. Naja, es sind ja gerade noch Zeugniskonferenzen, murmeln einige Demonstranten.

„Heiße Kiste“ im Internet

Doch neben den älteren Demonstranten fallen einige jüngere Lehrer auf, die schwarze T-Shirts tragen, auf denen „Bildet Berlin“ steht. So nennt sich eine Junglehrer-Initiative, die sich gegründet hat, weil Berlin seit 2004 Lehrer nicht mehr verbeamtet. Gymnasiallehrer Florian Bublys, ein Mann mit modischem Haarschnitt, ist ihr Kopf. Er möchte, dass auch die angestellten Junglehrer die Vergünstigungen erhalten, die Beamte wie Lothar Semmel bekommen. Bublys und andere Junglehrer fordern deshalb mehr Nettogehalt, eine bessere Altersversorgung und eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle. Oder aber die Rückkehr zur Verbeamtung. Dabei setzen die Junglehrer auf die Gesetze des Marktes, denn in den nächsten zehn Jahren wird nahezu ein Drittel der knapp 27 000 Berliner Lehrer pensioniert, so dass der Bedarf nach frisch ausgebildeten Pädagogen sehr groß ist.

Die Initiative „Bildet Berlin“ hat auf ihrer Internetseite bereits eine „Heiße Kiste“ eingerichtet, in der Lehrer anonym Missstände an den Schulen anprangern können. Meist geht es darum, dass schon jetzt Vertretungskräfte ohne pädagogische Ausbildung alleine auf die Schüler losgelassen werden. An einem Gymnasium in Adlershof unterrichtete demnach ein Student eine 8. Klasse in Mathe. An einer Grundschule in Reinickendorf unterrichtet jemand, der zuvor zweimal durch die Lehramtsprüfung gefallen ist. Und an der Rütli-Schule sollten zwei Kollegen zeitlich Vertretungsunterricht in drei Klassen übernehmen, was sie nur schafften, indem sie alle Türen offenließen.

Einige jüngere Lehrer werfen der GEW vor, nicht genug für die angestellten Lehrer zu tun. Zumal die Schulverwaltung weiter Lehrer aus anderen Bundesländern als Beamte übernimmt und ihnen dann sogar noch Zulagen zahlt, die in Bayern oder Hamburg üblich sind. Gerade ist diese Regelung generell auf Mangelfachlehrer ausgeweitet worden.