Vor den Gropiuspassagen protestieren Beschäftigte und Unterstützer gegen die Schließung von Karstadt.
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Sabine Gudath

Berlin„Wir sind viele, wir sind laut. Weil ihr uns die Arbeit klaut.“ Tapfer stemmen sich am Donnerstag zur Mittagszeit ein paar Dutzend Demonstranten vor den Türen der Gropius-Passagen im Süden Neuköllns gegen den Regen und rufen Parolen ins Megafon. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat zum Protest gegen die angekündigte Schließung von Galeria Karstadt Kaufhof aufgerufen. Es sind vor allem Gewerkschafter und Kommunalpolitiker erschienen. Viele Mitarbeiter sind offenbar drinnen beschäftigt, der Kaufhaus-Betrieb geht währenddessen weiter.

Der Schulterschluss zwischen Gewerkschaften und Politik kennzeichnet den Kampf, den Berlin dieser Tage und Wochen führt, um vielleicht doch noch den GAU für die „Hauptstadt der Warenhäuser“ abzuwenden. Groß war der Schreck, als der in Essen in NRW sitzende Konzern Galeria Karstadt Kaufhof vor zwei Wochen ankündigte, bundesweit 62 Filialen schließen zu wollen. Die Corona-Pandemie sei schuld. Tatsächlich aber will der zur österreichischen Signa Holding gehörende Konzern wohl die Krise nutzen, um das durch den boomenden Online-Handel seit Jahren unter Druck stehende Warenhaus-Geschäft auszudünnen.

Inzwischen ist die Zahl reduziert worden – unter anderem gibt es doch eine Zukunft für die Filiale in Potsdam. Doch für Berlin bleibt es zunächst dabei: Sechs Filialen sollen schließen, die in Tegel geplante gar nicht erst entstehen. Nur fünf Kaufhäuser blieben demnach erhalten: Alexanderplatz, Hermannplatz, Schloßstraße in Steglitz, Kurfürstendamm und Spandauer Altstadt.

Seit der Schließungsankündigung agiert die Berliner Politik im dauerhaften Alarmzustand. Signa-Manager wurden kontaktiert, die Eigentümer der Kaufhaus-Immobilien, die Arbeitnehmervertreter. Ehrgeiziges Ziel: Alle Filialen sollen bleiben. Ein Warenhaus, so sagen alle, hat strategische Bedeutung. Wird es geschlossen, kann der ganze Kiez kippen.

Doch die Uhr tickt. Das Insolvenzverfahren wurde am 1. Juli eröffnet, innerhalb von 14 Tagen muss eine Lösung gefunden werden.

Tägliche Kundgebungen

Seitdem gehen Aktivisten fast jeden Tag irgendwo in der Stadt auf die Straße. Am Montag gab es eine Kundgebung am Ring-Center an der Frankfurter Allee, diesen Freitag ist das auch vor dem Aus stehende Karstadt Sports an der Joachimsthaler Straße an der Reihe, nächsten Dienstag wird vor dem Linden-Center in Hohenschönhausen demonstriert.

Tatsächlich lohnt ein genauerer Blick. Betroffen sind drei Single-Standorte sowie drei in Einkaufszentren: Zu den Single-Häusern zählen Karstadt am Leopoldplatz in Wedding, Karstadt an der Wilmersdorfer Straße und Karstadt am Tempelhofer Damm – alle mit langer Geschichte und tiefen Wurzeln in den Bezirken. Die Wilmersdorfer Straße ist der älteste Warenhausstandort der Stadt überhaupt. Außerdem soll die Fußgängerzone bis zur Bismarckstraße verlängert und damit attraktiver werden, wie Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) berichtet.

Das Haus am Tempelhofer Damm gilt bundesweit als Filiale mit der festesten Kundenbindung – mehr als 55 Prozent haben eine Kundenkarte. Das beweise, dass die Tempelhofer „ihr“ Karstadt lieben, sagt Bürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD). Und das Haus am Leopoldplatz ist nicht nur nach Ansicht von Mittes Bürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) unabdingbar für den Kiez. Das Bezirksamt sei etwa bereit, eine externe Café-Nutzung auf dem Dach des Hauses unkompliziert zu genehmigen.

Fragt sich, ob die Eigentümer der Immobilien – die Versicherungskammer Bayern (Wilmersdorfer Straße), die DC Values aus Hamburg (Tempelhofer Damm) und die Immobilienverwaltung des C&A-Konzerns Redevco (Leopoldplatz) – mitspielen. Deren Mieten sind nach Einschätzung vieler Beobachter zu hoch.

Das Problem ist hausgemacht. In der skandalumwitterten Ära von Karstadt-Vorstandschef Thomas Middelhoff (2004 bis 2009) wurden die Immobilien erst verkauft, dann angemietet. Zu den Profiteuren zählten Immobilienunternehmen, Banken und Fonds. Die Belegschaften sicher nicht, Städte und Kommunen sicher auch nicht.

Gesprächen mit den Vermietern

Folgerichtig waren die Vermieter vorige Woche erste Ansprechpartner des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD) und Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne). Beide Politiker sind damit auf Linie von Erika Ritter, Einzelhandelsexpertin von Verdi. „Wir brauchen ortsübliche Mieten, keine Mondpreise“, sagt sie. An diesem Freitag sind Müller und Pop zur Telefonkonferenz mit Signa-Eigner René Benko aus Wien verabredet.

Die Strategie in den Gesprächen mit den Vermietern geht in etwa so: Diese sollen mit ihren Raten heruntergehen, damit sie nicht später mit leeren Häusern dastehen. Schließlich sieht das Planungsrecht nur Warenhausbetrieb vor. Eine Mischung aus Gefühl und Härte also. Nicht nur Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes der Region, sieht deshalb „durchaus gute Chancen für die drei Single-Häuser“.

Doch was ist mit den Filialen in den Einkaufszentren? Neuköllns Bürgermeister Martin Hikel (SPD) verweist darauf, dass Karstadt in den Gropius-Passagen erst vor zwei Jahren öffnete. Er weiß, wie wichtig ein Kaufhaus ist. Als 2005 Hertie an der Karl-Marx-Straße schloss, ging es mit der Magistrale bergab.

Lichtenbergs Bürgermeister Michael Grunst (Linke) kämpft gleich um zwei Filialen, jeweils Galeria Kaufhof. Im Ring-Center an der Frankfurter Allee und im Linden-Center in Hohenschönhausen soll das Licht ausgehen. Nachvollziehen kann Grunst das nicht, schließlich schreiben beide nach seinen Informationen schwarze Zahlen. Auch Lichtenberg rührt die Werbetrommel. Das Ring-Center sei hochattraktiv, so Grunst. Um den Prerower Platz in Hohenschönhausen soll ein neues Quartier entstehen, ein „urbanes Zentrum“ mit Hunderten Wohnungen, einem kommunalen Kulturhaus und einem Bürgeramt.

Klingt alles gut, kann aber nur helfen, wenn die Konzernmanager dem Warenhaus überhaupt eine Zukunft zubilligen.