Die Politikwissenschaftlerin und Privatdozentin Gülistan Gürbey von der Freien Universität Berlin verfolgt seit Jahren die Entwicklung der Demokratie in der Türkei und die Situation der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland.

Frau Gürbey, wie empfinden Sie die Lage in der Türkei?

Die Welle der Verhaftungen, Suspendierungen und Entlassungen gibt Anlass zur Besorgnis. Man muss genau hinschauen, was wie in den nächsten Wochen passiert. Die Welle wirft demokratiepolitische und rechtsstaatliche Fragen auf. Gleichzeitig ist nachzuvollziehen, dass der Ausnahmezustand verhängt wurde. Staatspräsident Erdogan ist dem Tod entkommen. Dass er von der Maßnahme Gebrauch macht, ist verständlich, und diese Maßnahme ist verfassungsmäßig verankert.

Auch viele Menschen mit türkischem oder kurdischem Migrationshintergrund in Berlin machen sich Sorgen.

Die Menschen sind psychologisch und emotional von den Ereignissen betroffen, auch wenn sie seit Generationen hier leben. Das ist völlig natürlich und in Ordnung, denn sie haben nicht nur Verwandte in der Türkei, sondern auch viele andere Beziehungen. In Zeiten der Globalisierung und Transnationalisierung ist es normal, dass die Menschen auch emotional entgrenzt sein können und dass deshalb keine emotionalen Grenzen zwischen Deutschland und der Türkei gezogen werden können.

Gleichzeitig ist der große Teil der Migrantenbevölkerung aus der Türkei sehr gut integriert. Es ist problematisch, die Schlussfolgerung zu ziehen, dass die große Unterstützung für die AKP aus angeblich gescheiterten Integrationsbiografien resultiert. Fakt ist, dass die AKP in der Türkei, aber auch in Deutschland, über eine stabile soziale Basis verfügt: allen voran eine neue Mittelschicht, ein Unternehmertum, das religiös-islamisch ist und konservativ wählt. Diese soziale Schicht ist konsumfreudig und hat keine Probleme, konsumorientiertes Verhalten mit religiös-islamisch-konservativen Wertvorstellungen in Einklang zu bringen.

In der Türkei stehen sich Gegner und Befürworter des Putsches erbittert gegenüber. Finden sich diese Linien auch in Berlin?

Es gibt zurzeit eine polarisierte, teilweise auch aggressive Stimmung in der Türkei. Diese hat auch Auswirkungen auf die Stimmung hier. Wenn aber die Situation in der Türkei eskaliert, dann werden auch hier die Folgen der Eskalation zu spüren sein. Sollte es beispielsweise in der Türkei zu Gewaltaktionen zwischen AKP-Anhängern und Nicht-AKP-Anhängern kommen, sind ähnliche Aktionen auch hier nicht auszuschließen.

Besteht die Gefahr, dass es zu solchen Aktionen kommt?

Im Kern sind die Menschen nicht darauf ausgerichtet, sich zu bekriegen. Doch ist die Situation insgesamt sehr polarisiert, was mit dem Verlauf der Entwicklungen in der Türkei einhergeht. Jegliche Gewalteskalation in der Türkei würde auch Auswirkungen auf die Situation in Deutschland haben. Es wird viel davon abhängen, ob die politischen Verantwortlichen in der Türkei in der nächsten Zeit eskalierend oder deeskalierend wirken werden.

Wie sehen die Nicht-AKP-Anhänger in Berlin die Situation?

Vor allem sind Liberale, Kurden, Aleviten besorgt, denn die polarisierte Stimmung und die Massenverhaftungen schüren eine Atmosphäre der Angst. Viele spüren diese Angst, wenn es darum geht, sich öffentlich kritisch zu artikulieren. Wir sind an einem Scheideweg angekommen: Weitere Radikalisierung im Sinne von Autoritarismus oder Rückkehr zu demokratischen Werten, von denen man sich längst entfernt hat. Ein Blick auf die Entwicklungen im Zeitverlauf zeigt jedoch, dass die Anzeichen für letztere gar nicht gut stehen.

Reden die beiden Lager in Berlin miteinander?

Im Moment ist eine große Distanz zueinander zu beobachten. Angesichts der von Polarisierung und Angst gekennzeichneten Atmosphäre gibt es keine Gesprächs- oder Diskussionsräume, in denen das stattfinden könnte. Die Parteien der Türkei, darunter auch die AKP, sind in Deutschland gut organisiert. Ihre Unterorganisationen sind sehr aktiv und einflussreich. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Dinge in der Türkei in den nächsten Wochen und Monaten entwickeln werden.

Natürlich wird auch viel über den Putsch, über den autoritären Staats- und Regierungskurs diskutiert. Wenn über Politik gesprochen wird, dann finden diese Gespräche eher in zuverlässigen und vertraulichen Räumen statt. Die Anhänger einer Seite bleiben vielmehr unter sich.

Das Gespräch führte Mechthild Henneke.