Berlin - In dem Brief an Berlins Polizeipräsidenten macht die wütende Ehefrau eines Polizisten ihrem Ärger Luft: Wegen der Personalmangels und des Arbeitszeitenmodells arbeite ihr Mann pausenlos durch.

„Unser fragwürdiger Rekord liegt bei sieben Wochen am Stück, ohne auch nur einen freien Tag!“ Zudem seien es durchweg Zehn- und Zwölf-Stunden-Schichten, Überstunden nicht mitgerechnet. In dem Brief, den die Gewerkschaft der Polizei dieser Tage verbreitete, schreibt die Frau: „Die Situation ist eine Zumutung für meine und tausende anderer Familien.“

Der Personalmangel, unter dem Berlins Polizisten und deren Familien leiden, wird sich in den kommenden drei Jahren weiter verschärfen. Mehr Mitarbeiter werden die Behörde verlassen als Neue hinzu kommen.

Hoher Krankenstand dezimiert die Truppenstärke

Ursache für die Personalabgänge sind unter anderem viele Pensionierungen. Das Durchschnittsalter liegt bei knapp 50 Jahren. Im vergangenen Jahr verließen 698 Mitarbeiter die Polizei. Nach einer Prognose der Senatsinnenverwaltung scheiden in den kommenden drei Jahren 2390 Mitarbeiter aus.

Allerdings sind nur 2167 künftige Mitarbeiter des mittleren und den gehobenen Dienstes in Ausbildung. Davon abgezogen werden müssen noch jene, die die Ausbildung vorzeitig beenden. Die Abbrecher- und Durchfaller-Quote lag in den vergangenen Jahren zwischen 15 und 23 Prozent. Also stehen der Behörde in den nächsten drei Jahren schlimmstenfalls nur 1617 Nachwuchs-Ordnungshüter zur Verfügung.

Am schlimmsten ist es in Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln

Zusätzlich dezimiert wird die Truppenstärke durch den hohen Krankenstand, der nach Angaben der Statistikstelle Personal bei 12,2 Prozent liegt. Zudem können laut Innenverwaltung 6,96 Prozent der Vollzugsbeamten aus gesundheitlichen Gründen nur eingeschränkt ihren Dienst versehen.

Wie desaströs sich die Personalsituation auswirkt, zeigt das Beispiel der für Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln zuständigen Direktion 5. Das ist die Direktion mit der höchsten Einsatzbelastung.

Erst in der Nacht zum Sonntag gab es dort wieder Randale – nicht von Linksautonomen wie sonst so oft, sondern von Fans des Fußballvereins Hannover 96.

Laut einem internen Controlling-Bericht liegt in der Direktion 5 der Krankenstand weit über dem Berlin-Durchschnitt. Ende Juni waren 14,62 Prozent der Mitarbeiter krank. In dieser Zeit verfügte die Direktion formal über 1773 Polizisten. Davon standen 107 wegen Elternzeit oder Mutterschutz, Dauererkrankungen oder aus anderen Gründen nicht zur Verfügung.

Minus 238 erkrankter Polizisten und abzüglich weiterer 119 Dienstkräfte, die nur eingeschränkt diensttauglich sind, hatte die Direktion 5 nur 1309 uneingeschränkt einsetzbare Dienstkräfte.

Gesamtaufklärungsquote sinkt seit 30 Monaten

In dem für Nord-Neukölln zuständigen Abschnitt und dem für Britz, Buckow, Gropiusstadt und Rudow zuständigen Abschnitt lag der Krankenstand jeweils bei 17,69 Prozent. Im Abschnitt, der für Friedrichshain zuständig ist, sind 15,55 Prozent der Mitarbeiter krank.

Einher geht dies alles mit einer seit 30 Monaten sinkenden Gesamtaufklärungsquote. Im zweiten Quartal lag sie in der Direktion 5 bei 40,38 Prozent und damit 3,8 Prozent unter dem vorgegebenen Ziel. Zurückgegangen ist in dieser Brennpunkt-Direktion in den meisten Abschnitten auch die Polizeipräsenz auf den Straßen.

„Wenn die Belastungen noch weiter steigen, werden sich noch mehr Kollegen krank melden, und noch mehr werden nur eingeschränkt Dienst machen können“, sagt ein älterer Streifenbeamter aus der für Charlottenburg-Wilmersdorf und Spandau zuständigen Direktion 2, wo die Lage nur ein wenig besser ist.

Mehr Einwohner

Die prekäre Personallage wird sich noch aus einem anderen Grund verschärfen: Immer mehr Menschen ziehen nach Berlin. Nach Schätzungen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung wächst die Stadt pro Jahr um 40.000 Einwohner.

Seit 2001 hatte der damalige rot-rote Senat die Zahl der Polizisten von 18.000 auf 16.160 abgebaut. Weil CDU-Innensenator Frank Henkel wieder für Neueinstellungen sorgte, gibt es derzeit rund 16.450 Polizisten. Weitere Stellen sind im Rahmen des Projekts „Wachsenden Stadt“ vorgesehen – knapp 17.000 bis zum Jahr 2019. Das aber sind immer noch 1000 Polizisten weniger als 2001.

Die Gewerkschaft der Polizei stellt nun eine ambitionierte Forderung: „Wir fordern 3000 zusätzliche Stellen, und zwar schnellstmöglich“, sagt deren Sprecher Benjamin Jendro. „Deshalb müssen auch die Ausbildungskapazitäten hochgefahren werden.“