Berlin - Man stelle sich vor, es gibt einen Überfall oder man hat einen Einbrecher im Haus. Da zählt jede Sekunde, doch am Notruf 110 der Berliner Polizei nimmt niemand ab. So geschieht es seit einiger Zeit des Öfteren. Denn in der Leitstelle der Polizei gibt es nach Informationen der Berliner Zeitung – wieder mal – ein Problem.

In der Einsatzleitzentrale (ELZ) am Platz der Luftbrücke hat es durchgeregnet. Das marode Dach muss seit Juni saniert werden. Deshalb ist die ELZ, die nicht nur die Notrufannahmeplätze beherbergt sondern auch die Funkwagen schickt, ausgezogen.

Die Funkwagen werden derzeit von den örtlichen Polizeidirektionen koordiniert. Die Notrufe kommen in der Polizeidienststelle Friesenstraße in Kreuzberg an. Die moderne Telefonanlage der ELZ konnte nicht mitgenommen werden.

110-Anrufer in Berlin: Neun Minuten in der Warteschleife

Die Anlage in der Friesenstraße ist nach Angaben von Polizisten ziemlich nostalgisch. Gespräche könnten nicht aufgezeichnet werden. Auch sei nicht zu sehen, wer schon wie lange in der Warteschleife hänge. „Bei hohem Aufkommen kann es zu sehr langen Wartezeiten kommen“, sagt ein Beamter. „Da kann es auch passieren, dass man aus der Leitung fliegt.“

Genau das passierte Anatol Wiecki. Seine Erzählung geht so: Am 20. Juni parkte an der Friedrichstraße in Kreuzberg ein SUV lange Zeit an einem barrierefreien Übergang, direkt vor der Blindenmarkierung. Ein Mann mit Blindenstock lief gegen das Auto und stürzte fast. Nachdem Wiecki Beamte aus der gegenüberliegenden Polizeiwache ansprach, klemmten diese ein Knöllchen an die Windschutzscheibe des Autos und gingen wieder. „Doch der SUV war immer noch eine erhebliche Gefahr für behinderte Menschen, auch für Rollstuhlfahrer oder Rentner mit Rollator.“ Denn die Lücke, wo der Bürgersteig abgesenkt war, sei ungefähr 30 Zentimeter breit gewesen.

Um 16.21 Uhr wählte Wiecki den Notruf 110. „Doch dann landete ich in der längsten Warteschleife, die ich je erlebt habe“, sagt er. Am Ende, nach über neun Minuten, wurde seine Verbindung getrennt. Wiecki stellte einen Mitschnitt des Notrufs ins Internet: „Bitte legen Sie nicht auf – Please hold the line – Berlin Police Emercency Call Departement – Please do not ring off – Ihr Anruf wird gehalten. Bitte warten Sie einen Moment – Please hold the line – Bitte warten! Polizeinotruf Berlin. Zurzeit sind alle Notrufleitungen belegt. Bitte legen Sie nicht auf.“

Das tat dann die Polizei selbst. „Hier ging es ‚nur‘ um die Rechte von Behinderten und älteren Menschen mit Rollator“, sagt Wiecki. „Doch was wäre gewesen, wenn es ein lebensbedrohlicher Fall gewesen wäre?“

Berliner Polizei hat eine Milliarde Euro Sanierungsstau

Es ist nicht das erste Mal, dass der Polizeinotruf eine lange Leitung hat. Die ELZ musste von Juli bis November 2015 schon einmal renoviert werden. Bei Arbeiten an der Klimaanlage waren gesundheitsschädigende Mineralfasern entdeckt worden. Bei der Gelegenheit wurden auch Fenster, Heizung und Lüftung ausgetauscht. Während dieser Zeit gab es für Anrufer statt 60 nur 33 Telefonleitungen und statt 24 nur 13 Annahmeplätze. Damals berichteten Bürger von Wartezeiten bis zu 30 Minuten. Das Dach war 2015 nicht saniert worden, weshalb es jetzt durchregnete.

Nach Angaben einer Polizeisprecherin sollen die Räume am Platz der Luftbrücke Anfang September wiederbezogen werden. Sie räumt ein: „Seit der Auslagerung wird ein erhöhtes Beschwerdeaufkommen verzeichnet. Nach Analyse des technischen Prozesses erfolgt aktuell eine Feinjustierung zur Reduzierung erhöhter Wartezeiten.“

Die 14 Annahmeplätze für den Notruf „plus fünf weitere notruffähige Arbeitsplätze“ hält die Sprecherin für ausreichend.

„An der Situation sehen wir gerade deutlich, dass eine Milliarde Euro Sanierungsstau bei der Polizei direkte Auswirkungen auf die Bürger dieser Stadt hat“, sagt Benjamin Jendro von der Gewerkschaft der Polizei. „Die aktuelle Situation zeigt auch, dass wir in vielen Bereichen der Sicherheit ungenügende bis gar keine Rückfallebenen haben, auf die man bei besonderen Vorkommnissen zurückgreifen und so einen uneingeschränkten Betrieb gewährleisten kann.“