Berliner Polizeipräsident muss gehen: Der Abschiedsbrief von Klaus Kandt und Margarete Koppers

Berlins Polizeipräsident Klaus Kandt ist mit sofortiger Wirkung abgelöst worden. „Ich möchte eine Polizei, die von ihren Bürgern anerkannt und wertgeschätzt wird“, formulierte Innensenator Andreas Geisel (SPD) seine Begründung für die Abberufung des 57-Jährigen.

Wenige Minuten vor Geisels Erklärung verschickte die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Berliner Polizei eine Email an alle Mitarbeiter. Der Betreff: „Gemeinsame Abschiedsworte von Herrn Kandt und Frau Koppers“. Darin schildern die beiden scheidenden Führungskräfte ihre Sicht der Dinge. Hier ist ihr Schreiben im Wortlaut:

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„Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir haben die Behörde gemeinsam, partnerschaftlich, Seite an Seite geführt. Und nun will es das Leben so, dass wir uns beide zum selben Zeitpunkt von Ihnen verabschieden. Das fällt uns sehr schwer, weil wir gerne, mit ganzer Kraft und mit Herzblut für diese Behörde gearbeitet haben.

So plötzlich, so unerwartet gemeinsam Abschied zu nehmen ist auch deshalb schwer, weil zum Abschiednehmen das Schwelgen in Erinnerungen gehört. Mit so vielen Menschen in dieser Behörde verbinden wir mal kleine, mal ganz große Geschichten, berührende Erlebnisse, die uns geprägt haben und die es wert sind, erinnert und erzählt zu werden.

Und dann der Zeitpunkt. Die Behörde befindet sich zwar objektiv schon eine ganze Weile im Aufbruch in bessere Zeiten. Viele Themen, für die wir jahrelang gekämpft haben, sind auf einem guten Weg. Der Stellenaufwuchs ist deutlich, wir bilden aus wie die Weltmeister, konnten den Stellenkegel anpassen und die ersten großen Beförderungsveranstaltungen durchführen, wir haben die finanziellen Möglichkeiten, die Ausstattung deutlich zu verbessern und mit der Umsetzung längst begonnen.

Aber dieser Aufbruch, diese positiven Signale, dieses Licht am Ende des Tunnels werden öffentlich zerredet. Die über die Jahre des Sparens aufgestaute Unzufriedenheit vor allem an der Basis bricht sich in anonymen Statements, die öffentlich nur allzu gern aufgegriffen werden, Bahn. Kritik findet selten auf der Sachebene und faktenbasiert statt, sondern es geht um Stimmungen. Die „Behördenleitung“ ist die jeder Menschlichkeit beraubte Adresse für allen Unbill der Welt und alle subjektiv empfundene Ungerechtigkeit. 

Vielleicht gibt es den richtigen Zeitpunkt, zu gehen, auch nicht. Diese Behörde wird immer in Bewegung sein, nie fertig, immer im Wandel, oft der gesellschaftlichen Entwicklung hinterherlaufend - das haben wir mit der PG EES in Teilen geändert, um uns so aufzustellen, dass wir zukunfts- und handlungsfähig sind. Und wir haben andere Instrumente geschaffen, mit denen wir der öffentlichen Stimmungsmache faktenorientiert entgegenwirken können: Social Media, Fakten und Hintergründe, offensive Pressearbeit. Das wird eine Herausforderung bleiben.

Sie alle können stolz sein auf diese großartige Behörde. Wir sind es jedenfalls. In unserer Polizeiarbeit sind wir bundes-, wenn nicht gar europaweit führend. Kein anderes Bundesland hat nur annähernd diese Vielzahl und Qualität an herausragenden Einsatzanlässen zu bewältigen. Und Sie leisten das tagtäglich, immer wieder neu und immer wieder beeindruckend souverän. Die herausragenden Leistungen in der kriminalpolizeilichen Arbeit zeigen sich aktuell in der Trendumkehr bei der Kriminalitätsbelastung und der Aufklärungsquote.

Trotz der schmerzenden Einsparungen verfügen wir über eine leistungsstarke, moderne und innovative Polizeiverwaltung in allen vier Bereichen Personal, Finanzen, Technik/Logistik und IKT. Wir haben ein Justitiariat mit hoch qualifizierten Fachleuten, die für unser Miteinander so unverzichtbare Konfliktkommission, die Interne Revision, den Psychologischen Dienst, der uns sowohl im Einstellungsbereich, aber auch bei der Personalentwicklung innovativ nach vorne bringt. Wir haben starke Führungskräfte auf allen Ebenen und viele, großartige Talente, die nachwachsen. Und wir sind stolz auf die unendliche große Zahl aufrechter Polizisten und Polizistinnen, die tagtäglich auf den Straßen Berlins ihren herausfordernden Dienst für die Menschen in dieser Stadt leisten.

Es war uns eine Ehre, in dieser Polizei über einen so langen Zeitraum Führungsverantwortung tragen zu dürfen. Das war immer anspruchsvoll und spannend, oft anstrengend und fordernd, aber auch sehr lehrreich. Und es hat Spaß gemacht. Wir beide sind zutiefst dankbar für diese Zeit.

Dankbar sind wir all den Menschen, die sich getraut haben, uns offen und ehrlich, selbstverständlich auch kritisch zu beraten. Unser Dank gilt allen Mitstreiterinnen und Mitstreitern auf den verschiedensten Ebenen für ihren unglaublichen Einsatz, ihren Fachverstand und den Zusammenhalt, der uns über die lange Zeit der gemeinsamen Arbeit in den verschiedensten Themen zusammengeschweißt hat. Danke allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für Fleiß, Loyalität und Kollegialität – all das ist nicht selbstverständlich.

Bleiben Sie aufrecht, bleiben Sie kritisch, bleiben Sie mit Herz und Seele Teil dieser großartigen Behörde.

Herzlichst

Ihr Klaus Kandt und Ihre Margarete Koppers“