Kinder aus armen Familien würden viel seltener Privatschulen besuchen, heißt es oft. Nun liegen aktuelle Zahlen vor. Demnach liegt der Anteil der lernmittelbefreiten Schüler an staatlichen Schulen im aktuellen Schuljahr 2018/19 bei 33,8 Prozent, während er an Schulen in freier Trägerschaft bei nur 9,7 Prozent liegt.

Der Anteil der Schüler, deren Eltern auf Sozialtransfers angewiesen sind, ist an Privatschulen mehr als dreimal so gering wie an staatlichen Schulen. Das geht aus einer Antwort der Bildungsverwaltung auf eine Anfrage des Neuköllner SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck hervor. Der hatte auch nach schulscharfen Daten gefragt. Diese erhielt Langenbrinck aber nur als vertrauliche Verschlusssache. Für den öffentlichen Gebrauch wurden die Daten jeder einzelnen Schule anonymisiert übermittelt.

Die Bildungsverwaltung möchte die Namen der Schulen nicht nennen, warnt vor einem Negativ-Ranking. In der Liste taucht  zum  Beispiel eine Schule in Mitte auf, an der alle Kinder lernmittelbefreit sind. Man wolle diese Kinder nicht stigmatisieren.

Ermäßigungen sind oft nicht ersichtlich

Was die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft angeht, sind die Unterschiede recht groß. Beispiel Charlottenburg-Wilmersdorf: Fünf von 21 Privatschulen haben keinerlei arme, also lernmittelbefreite Kinder in ihren Reihen. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich um Privatschulen handelt, die ein hohes Schulgeld verlangen. Den höchsten Anteil im Bezirk hat eine Schule mit 71 Prozent, der zweithöchste Wert liegt bei 28 Prozent.

„Alle Schulen müssen allen Schülern offen stehen“, forderte Langenbrinck mit Blick auf die Zahlen. „Dafür schaffen wir verbindliche Regeln, die dafür sorgen, dass arme Kinder nicht direkt oder indirekt ausgeschlossen werden.“ Oft würden die Schulen mögliche Ermäßigungen des Schulgeldes nicht klar darstellen.

Privatschulen müssen für alle offen sein

Tatsächlich wird gerade eine neues Finanzierungsmodell für Privatschulen verhandelt. Langenbrinck und seine SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus machen sich dafür stark, dass freie Schulen weniger Zuschüsse bekommen, wenn sie kaum lernmittelbefreite Schüler aufgenommen haben. Denn laut Grundgesetz müssen Privatschulen allen Schülern offen stehen.

In Bezirk Marzahn-Hellersdorf haben sogar sieben von 21 Privatschulen gar keine lernmittelbefreiten Schüler. Konfessionelle oder auch reformpädagogische Privatschulen haben meist deutlich mehr Kinder aus ärmeren Familien, die Evangelische Schulstiftung verzichtet im Falle von bedürftigen Familien sogar ganz auf das Schulgeld. Besonders krass ist die Lage an privaten Berufsschulen. An 47 von insgesamt 69 dieser Privatschulen ist kein einziger Schüler lernmittelbefreit.