Berliner Rapper Sillas Kampf gegen Drogen: „Speed, Ecstasy. Und gekifft, seit ich 13 bin.“

Wiederbelebt. Es ist kein Zufall, dass der Berliner Rapper Silla eines seiner Alben so genannt hat. „4,9 Promille“, sagt er. „Ich bin dem Tod von der Schippe gesprungen.“ Fast zehn Jahre ist dieser Alkoholexzess her. Es ist nichts, auf das der Musiker, der mit bürgerlichem Namen Matthias Schulze heißt, stolz wäre. Im Gegenteil. Zum ersten Mal will Silla am Donnerstag in Berlin mit Ärzten und Suchtberatern auf einem Podium sitzen. Thema: Partydrogen in Berlin.

Silla möchte dann nicht mit erhobenem Zeigefinder rüberkommen. Er will seine Suchtgeschichte erzählen. „Niemand wird deshalb mit Partydrogen aufhören“, sagt er. Aber er setzt auf etwas, das er „Erinnerungsspur“ nennt. „Irgendwann verdichtet sich was, wenn man sein Limit nicht kennt“, sagt er. Und dann komme vielleicht die Erinnerung an ihn, den Rapper, der die Verherrlichung von Drogen in der HipHop-Szene uncool findet.

Einer von Sillas Gesprächspartnern auf dem Podium wird Darius Chahmoradi Tabatabai sein. Er ist Chefarzt der Hartmut-Spittler-Fachklinik am Berliner Auguste-Viktoria-Klinikum, das zum kommunalen Klinikkonzern Vivantes gehört. Der unscheinbare 60er-Jahre-Bau liegt am Rand des großen Geländes, es ist eine Entwöhnungsklinik. Tabatabai hört hier jeden Tag Suchtbiographien.

Mischkonsum bereitet Sorgen

Er kennt die Berliner Szene von einer ganz anderen Seite. „Alkohol ist die Partydroge Nummer 1“, sagt er. Dann kämen Cannabis, Amphetamine, Ecstasy, Kokain, Ketamin, LSD und GBL oder Liquid Ecstasy. „Heroin und Crystal sind eher selten“, ergänzt er. „Aber Crystal spielt in kleinen Teilen der schwulen Partyszene eine Rolle.“ Das weiß er aus der Zusammenarbeit mit der Berliner Schwulenberatung.

Tabatabai hat das Partyvolk aus seiner Perspektive über viele Jahre kennengelernt. „Die Hemmschwelle bei illegalen Drogen ist gesunken. Es gibt weniger Ängste“, berichtet er. Typisch sei der Wunsch, gezielt an einem Wochenende viel zu erleben. „Durchtanzen“, sagt er. „Wer müde wird, nimmt synthetische Aufputschpillen. Wer damit dann zu wach ist, raucht Joints.“ Dazu komme oft Alkohol, auch harte Sachen. 

Es ist dieser Mischkonsum, der Tabatabai bei einem kleinen Teil der Partyszene Sorgen macht, die beim Älterwerden nicht wieder damit aufhört. Die Wechselwirkung der Drogen und ihr Suchtpotenzial, das sei nicht für jeden kontrollierbar, sagt er. Vor allem nicht auf Dauer.

„Ich bin süchtig. Im Februar war ich wieder in der Entgiftung.“

Matthias Schulze hat so eine Drogengeschichte. „Zwischen 18 und 23 hab ich fast alles genommen“, sagt er. „Speed, Ecstasy. Und gekifft, seit ich 13 bin.“ Seine härteste Droge aber blieb der Alkohol. Mehrere Flaschen Schnaps waren es manchmal am Abend. Die Wiedebelebung nach der schwersten Alkoholvergiftung 2009 brachte ihn zum Umdenken – er ging auf Entzug.

Heute ist Silla 34. Statt den coolen Rapper zu mimen, sagt er: „Ich bin süchtig. Im Februar war ich wieder in der Entgiftung.“ Es war, so nennt er es, Überheblichkeit, die ihn abstürzen ließ. Ein halbes Jahr clean, da wird doch nichts passieren bei ein paar Bier. Die jüngsten Alkoholeskapaden hätten ihn seine Ehe gekostet, sagt Silla leise. Und Freundschaften.

Ausdruck anderer seelischer Probleme

In seiner Klinik führt Darius Chahmoradi Tabatabai eine Statistik. Etwa 60 Prozent der Menschen, die von den Drogen wegwollen, könnten am Ende doch nicht auf sie verzichten, sagt er. „Der Kontrollverlust ist eine Frage der Zeit.“ In Deutschland seien nur rund 16 Prozent der 1,8 Millionen Menschen mit Alkoholabhängigkeit in Behandlung – und zwei Drittel davon erst nach 12 Jahren Leidenszeit.

Mit Blick auf die Sucht nach illegalen Drogen seien in Deutschland rund 400.000 Menschen erfasst, die Dunkelziffer ist offen. „Drogenabhängigkeit ist meist Ausdruck einer anderen seelischen Problematik wie Ängsten und Depressionen“, sagt Tabatabai.

Was dagegen hilft, ist für ihn die positive Zuwendung anderer Menschen und eine Kombination von verständnisvoller und konsequenter Ansprache. „Solche Menschen sind nicht immer verfügbar. Aber der Stoff, der ist immer da. Das ist der Teufelskreis.“

Und was können Eltern machen, wenn der Nachwuchs zugedröhnt von der Party nach Hause kommt? „Nicht dämonisieren, nicht bagatellisieren“, rät der Arzt, „Konsum gehört zum Erwachsenwerden für viele Menschen dazu. Aber Erklärungen über den richtigen Umgang damit kann man nicht Apps überlassen.“

Drogen würden ihn stark machen

Matthias Schulze beschreibt, wie er in den Strudel hineingeraten ist. Er sei ein schüchterener Junge gewesen, Pickel, ein bisschen dick. Mit 13 sei er gemobbt worden. Aber mit sechs Bier auf, da fühlte er sich stark. Da traute er sich, auch mal mit Mädchen rumzuknutschen. „Das hat sich eingeschliffen“, sagt er heute. „In unbehaglichen Situationen hab ich zum Stoff gegriffen. Zum Abdämpfen, zum Wegdrücken.“ Er sei zum Sturztrinker geworden, oft heimlich. „Ich bin der Typ einsamer Wolf.“

Heute wirkt Silla hellwach. Er ist durchtrainiert, Bodybuilding. „Sport ist meine Ersatzdroge“, sagt er. Exzessiv. Auch um 5 Uhr früh. Und er macht eine Verhaltenstherapie. „Ich will mir meine Sucht erklären können“, sagt er. „Es ist eine Krankheit – aber anders als andere Krankheiten habe ich es in der Hand.“
Seine Erfahrungen spielten weiterhin in seiner Musik eine Rolle, ergänzt Silla. Nicht aufgedrückt, nicht als fetter Anti-Drogen-Song, eher als Spiegel seiner Gefühlslage.

Es sei nicht einfach, in seinem Business, wo bei Auftritten die Flaschen kreisen. „HipHop verherrlicht ja dieses Bild: Du lebst nur einmal“, sagt Silla. Und dann er als Spaßbremse? Das Echo sei zweigeteilt, antwortet Matthias Schulze. Er bekomme „Alki-Witze“ gemailt. Er bekomme aber auch jeden Tag Mails von anderen Süchtigen, die sein Engagement gut fänden. 

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Rapper, Suchtberater und Ärzte bei Podiumsdiskussion

Wie gefährlich sind Partydrogen in Berlin, gehören sie zum Großstadtalltag oder haben sie Suchtpotenzial? Bei einer Podiumsdiskussion an diesem Donnerstag im Rathaus Schöneberg wollen nicht nur Suchtberater und Ärzte darüber reden, teilte der kommunale Berliner Klinikkonzern Vivantes als Veranstalter mit. Auch der Berliner Rapper Silla, mit bürgerlichem Namen Matthias Schulze, will dann seine Geschichte erzählen. Der 34-Jährige ist süchtig nach Alkohol. 2009 wurde er nach einer schweren Alkoholvergiftung wiederbelebt. Er ging auf Entzug, kämpft aber immer wieder gegen Rückfälle.

Wann: Donnerstag, 28. Juni, 13.30 Uhr bis 16 Uhr

Wo: Louise-Schröder-Saal, Rathaus Schöneberg, John-F.-Kennedy-Platz, 10825 Berlin (dpa)