Einer der spektakulärsten Morde der vergangenen Jahre in Berlin erfährt eine weitere Stufe der Aufklärung: Bekanntlich tötete im September vergangenen Jahres, zwei Tage vor der Abgeordnetenhauswahl, der Piraten-Abgeordnete Gerwald Claus-Brunner seinen Bekannten Jan Mirko L. Anschließend nahm er sich das Leben. Tot aufgefunden wurde Claus-Brunner am 19. September in seiner Wohnung in Steglitz.

Mit dem Fall beschäftigt sich auch Michael Tsokos in seinem Buch „Die Zeichen des Todes – Neue Fälle von Deutschlands bekanntestem Rechtsmediziner“, das jetzt bei Drömer herauskam. Tsokos, der die Leichen des Täters und seines Opfers obduziert hat, schreibt darin, dass Jan Mirko L. qualvoll erstickte.

Zudem waren sein Brustbein und die Rippen gebrochen. „Der 128 Kilogramm schwere und 2,03 Meter große Claus-Brunner hat auf dem Brustkorb seines 59 Kilogramm schweren und 1,74 Meter großen Opfers gekniet, während er ihm den Hals zudrückte“, so Tsokos.

Tsokos ist Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Charité und des Landesinstituts für gerichtliche und soziale Medizin. In seinem Buch beschreibt Berlins oberster Rechtsmediziner die Geschichte eines Cholerikers, der sich in das spätere Opfer verliebt hatte und ihm nachstellte.

Tsokos beleuchtet in seinem Buch Fälle, die Schlagzeilen machten

Er nennt Details, die so noch nicht bekannt waren – über den Mord und den Suizid in den Tagen danach. Für empfindsame Leser ist das schwer erträglich. Detailgenau, wie es nur Rechtsmediziner können, beschreibt er auch die Obduktionen.

In dem Buch konzentriert sich Tsokos auf Fälle, die Schlagzeilen gemacht haben. Es ist nicht das erste Buch, das der 50-Jährige verfasst hat. Aber dieses ist in Teilen schwer zu ertragen. So beschreibt Tsokos minuziös den unfassbar qualvollen Tod des sechsjährigen Volkan, der im Jahr 2000 in Hamburg von zwei Kampfhunden zerfleischt wurde.

Er schildert, wie er als junger Rechtsmediziner die Überreste des Kindes auf dem Seziertisch vor sich hatte. Im Magen eines der erschossenen Hunde fand Tsokos das Gesicht des Kindes, das die Bestie diesem wie eine Latexmaske heruntergerissen hatte. Dieser Fall geht Tsokos noch immer nahe, immer wieder spricht er davon.

Die Geschichte Volkans ist eine Anklage gegen die Untätigkeit der Ämter. Erst nach dem Tod des Kindes wurde das Hundegesetz verschärft. In seinem 345 Seiten dicken Buch setzt Tsokos jeden Fall in einen größeren Zusammenhang. Etwa den eines Brandenburger Zahnarztes, der vorgab, überfallen worden zu sein.

Der Rechtsmediziner kritisiert, dass die Leichenschau meist von Hausärzten vorgenommen wird

Zwei Täter hätten ihm mit einer Gartenschere den linken Zeigefinger abgeschnitten, behauptete er. Unter anderem anhand der Blutspuren wiesen die Forensiker nach, dass der Arzt sich selbst verstümmelt hatte, um die zuvor abgeschlossene Versicherung abzukassieren. Solche Fälle kommen immer wieder vor.

Seit Jahren kritisiert Tsokos auch, dass die ärztliche Leichenschau in Deutschland meistens nur von Hausärzten vorgenommen wird. Viele Tötungsdelikte blieben deshalb unerkannt, sagt er. „Wenn der Arzt, der den Totenschein ausstellt, einen natürlichen Tod bescheinigt, wird der Fall von den Ermittlungsbehörden und damit auch rechtsmedizinisch nicht weiter untersucht.“

Er schildert einen Fall, der sich schon im Jahr 2004 ereignete, als er noch Oberarzt am Rechtsmedizinischen Institut in Hamburg war.

„Dass der Mann, der im Sektionssaal vor mir auf dem blanken Stahl des Sektionstisches liegt, keines natürlichen Todes gestorben sein kann, sehe ich auf den ersten Blick. Um den Hals des Toten verläuft horizontal eine deutlich sichtbare Strangmarke.

Doch genau das hat der Hausarzt bescheinigt, der den Totenschein ausgestellt hat: einen ,natürlichen Tod’.“ Tsokos beschreibt, wie er Halsweichteile freilegt und inspiziert, Zunge, Schlund, Kehlkopf, Speiseröhre entnimmt. Für ihn beweist der Fall einmal mehr, dass bei unklaren Todesfällen nur eine Obduktion sämtliche Zweifel ausräumen könne.

Im Buch wird auch häusliche Gewalt thematisiert

Ähnlich dezidierte Beschreibungen folgen auch zur Obduktion des DDR-Liedermachers Kurt Demmler. Der hatte sich im Februar 2009 in seiner Zelle in der Untersuchungshaftanstalt Moabit mit einem Gürtel am Fenstergitter erhängt. Demmler war sexueller Missbrauch minderjähriger Mädchen vorgeworfen worden.

Die Berichte im Buch sind nicht so sehr wegen der detailgenauen Beschreibung der Leichenuntersuchungen verstörend, sondern weil sie Einblick geben, was sich Menschen antun können. Manch einer stirbt in der Badewanne, weil er betrunken einschläft. Allerdings lässt sich kaum irgendwo ein Tötungsdelikt leichter verdecken als bei einem vermeintlichen Badewannenunfall.

Das versuchte auch ein Mann in Lichtenberg. Er und seine Freundin – beide schwere Alkoholiker – hatten die Nacht durchgezecht und auch den darauffolgenden Sonntag. Am Nachmittag legte sie sich in die Badewanne, am Abend fand der Lebenspartner sie tot im Wasser. So erzählte es der Mann jedenfalls der Polizei.

Autor Tsokos, der dies zum Anlass nimmt, einen ausführlichen Exkurs ins Gebiet der häuslichen Gewalt zu unternehmen, beschreibt, wie er die tote Frau obduziert hat. Und den Weg, wie er zu dem Schluss kam, dass sie in der Badewanne durch eine „Halskompression durch fremde Hand“ starb.

„Ray“ kostete die Steuerzahler mehrere zehntausend Euro

Einer der Schlagzeilenfälle ist auch die Geschichte des Waldjungen „Ray“, der 2011 beim Pförtner des Roten Rathauses auftauchte. Er behauptete, dass er 17 Jahre alt sei, Ray heiße und vergessen habe, woher er komme. Mit seinem Vater habe er jahrelang in der Natur gelebt. Der Vater sei gestorben, er habe ihn in einem Wald begraben, sei dann losgelaufen und schließlich am Roten Rathaus gelandet.

Nach einer Öffentlichkeitsfahndung der Polizei stellte sich neun Monate später heraus, das „Ray“ in Wirklichkeit 20 Jahre alt war, Robin van H. hieß und aus Holland stammte. Das zuständige Jugendamt hätte längst stutzig werden können angesichts der Hinweise auf Unstimmigkeiten, die von den forensischen Gutachtern gekommen waren.

„Ray“ kostete die Steuerzahler mehrere zehntausend Euro, nicht mitgerechnet die Kosten für die Gutachten. Das Amtsgericht stellte das Verfahren wegen Leistungsbetrugs aber ein. „Der ,erzieherische Wert’ dieser Botschaft steht außer Zweifel“, merkt Tsokos sarkastisch an. Die Geschichte von „Ray“ ist im Vergleich zu den anderen Kapiteln allerdings noch die am wenigsten schockierende.