Herr Körting, auch in Berlin sind religiöse Symbole bei Lehrern und anderen Berufsgruppen verboten. Sie haben dieses Gesetz damals als Innensenator mitverfasst. Muss es jetzt geändert werden, um das Kopftuch zu erlauben?
Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts gilt unmittelbar nur für Nordrhein-Westfalen. Aber alle anderen Bundesländer mit einer vergleichbaren Regelung werden ihre Gesetze nun zu überprüfen haben.

Also auch Berlin.
Das generelle Verbot, wie es im Berliner Gesetz steht, ist nicht mehr erlaubt. Das ist die klare Botschaft aus Karlsruhe. Die ich übrigens begrüße.

Haben Sie Ihre Meinung geändert?
Das Bundesverfassungsgericht hat sich ja auch selbst korrigiert – und sieht die Frage, ob staatliche Neutralität oder Glaubensfreiheit höher steht, heute anders. Wir wollten damals junge Schülerinnen schützen, die zu Hause zum Kopftuchtragen gezwungen werden. Sie sollten sich an der staatlichen Schule frei von religiösem Druck bewegen können – und eben nicht von Lehrerinnen mit Kopftuch beeinflusst werden. Das war ein emanzipatorischer Ansatz. Mir sind daran allerdings im Laufe der Jahre Zweifel gekommen.

Inwiefern?
Ich habe bei meinen Moscheebesuchen mit vielen jungen Frauen diskutiert, die überzeugend erklärt haben, dass sie das Kopftuch nicht tragen, weil sie dazu gezwungen werden. Sondern weil es zu ihrer religiösen Identität gehört. Und sie empfinden es als eine Diskriminierung, wenn sie mit dieser Identität bestimmte Berufe gar nicht mehr ergreifen können. Man muss sehen, dass insbesondere pädagogische Berufe eine der ganz wichtigen Aufstiegschancen für Musliminnen darstellen. Nimmt man ihnen diese Chancen, dann behindert man die Integration.

Manch einer wird dieses Urteil als Beleg einer Islamisierung verstehen. Ist es das?
Nein, es ist ein Zeichen, dass der Islam gleichberechtigt zu Deutschland gehört. Dieser Glaube ist in Deutschland angekommen und darf sich genauso zeigen wie alle anderen Glaubensrichtungen auch. Die Entscheidung ist insofern ein Beitrag zur Willkommenskultur.

Das Urteil sagt, ein Verbot sei nur bei konkreter Gefährdung des Schulfriedens oder der Neutralität möglich. Was heißt das?
Künftig wird man im Einzelfall zu prüfen haben, inwieweit es diese konkrete Gefährdung gibt. Das definiert Karlsruhe aber nicht, sondern überlässt es den Gerichten. Ein Kopftuchverbot ist damit erheblich erschwert. Musliminnen mit Kopftuch können sich als Lehrerinnen jetzt bewerben.

Wird das Kopftuch auch bei Polizistinnen, Richterinnen und Staatsanwältinnen erlaubt sein müssen?
Das ist noch offen nach diesem Urteil. Für diese Berufsgruppen gilt das Neutralitätsgebot allerdings eher stärker als für Lehrer.

Kommt jetzt als Nächstes die Burka-Erlaubnis?
Dafür sehe ich keine Grundlage. Das hat auch der Europäische Gerichtshof so entschieden. Ein Auftritt mit Burka oder mit Gesichtsschleier ist wesentlich massiver als mit Kopftuch.

Das Gespräch führte Jan Thomsen.