Rentner-Paar auf Mallorca mit 1240 Euro netto: „In Deutschland hätten wir nicht überlebt“

Die Berliner Andreas und Monika F. sind vor zehn Jahren ausgewandert, weil die Rente nicht reichte. Die Berliner und die Inflation – unsere Serie.

Roshanak Amini für Berliner Zeitung

Andreas und Monika F. sitzen auf einer Bank in der Bucht von El Toro in Santa Ponsa. Sie schauen zu, wie die Sonne sinkt, halten Händchen. Mehrmals in der Woche sind sie hier, immer abends, fast immer auf derselben Bank. Vor zehn Jahren ist das Paar nach Mallorca ausgewandert. Von der Krise infolge der Inflation in Deutschland spüren die ehemaligen Berliner nur wenig. Ihre schmale Rente reicht immer noch aus, um auf der Insel gut leben zu können.

„Wenn ich beobachte, was gerade in Deutschland geschieht, bin ich froh, dass wir damals die Entscheidung getroffen haben auszuwandern“, sagt Andreas F.*, 75 Jahre alt. Er und seine 72-jährige Ehefrau haben bis 2012 in Reinickendorf gelebt und waren jahrelang in der Gastronomie selbstständig. Zuletzt haben sie die Sportlerklause eines Berliner Vereins geführt.

Bevor sie sich gemeinsam selbstständig machten, hatte Monika F. als Arzthelferin gearbeitet und Andreas F. bei einem Sicherheitsdienst. Der Traum vom Auswandern war schon länger in ihren Köpfen. Das Paar reiste mehr als 20 Jahre lang immer an denselben Ort auf Mallorca. Dort leben die beiden heute.

Nicht nur das beständige Wetter hat die Berliner Rentner damals zu diesem Schritt bewogen. Es waren vor allem die geringeren Lebenshaltungskosten „Außerdem haben wir uns in der Großstadt nicht mehr wohlgefühlt, weil uns die Natur gefehlt hat. Wir hatten keinen Park in der Nähe und haben auch lange gebraucht, um ans Wasser zu kommen“, sagt Andreas F. Er und seine Frau sind damals mit nur fünf Umzugskartons, vollgepackt mit persönlichen Gegenständen, auf die Urlauberinsel gezogen; sie haben ihr komplettes Mobiliar in Berlin zurückgelassen.

Die Dreizimmerwohnung, fünf Minuten vom Meer entfernt, kostet 430 Euro

Viel für ihre Altersvorsorge konnten sie nicht ansparen. „Unser Berufsleben war immer wieder von Höhen und Tiefen begleitet. Und wir mussten als Selbstständige auch Insolvenzen überstehen, wenn ein Geschäft plötzlich nicht mehr lief. Das war sehr schmerzhaft“, sagt Andreas F. Gemeinsam haben sie jetzt 1240 Euro netto im Monat zur Verfügung. In Deutschland hätten sie mit dieser eher kleinen Summe jetzt ein gravierendes Problem, glaubt Andreas F. „Dort hätten wir nicht überleben können.“

Für ihre mallorquinische Dreizimmerwohnung, 60 Quadratmeter groß und nur fünf Minuten zu Fuß vom Meer entfernt, zahlen sie 430 Euro, zuzüglich 90 Euro Strom und 23 Euro Gas zum Kochen. In den Wintermonaten kommen noch einmal 22 Euro Heizkosten obendrauf. 50 Euro geben die F.s pro Monat für Festnetz und zwei Handys aus, 20 Euro für Versicherungen. Krankenversichert sind sie in Deutschland, dafür zahlen sie jeweils 66 Euro sowie 22 Euro für die Pflegeversicherung.

Nicht zu vergessen: die Kosten für Medikamente, das sind rund 20 Euro im Monat. Monika F. hat gerade eine Bypass-Operation in der Heimat überstanden und benötigt einen bestimmten Blutverdünner aus Deutschland, für den sie zuzahlen muss. „Von den restlichen 185 Euro, die uns noch bleiben, versuchen wir, Rücklagen für Energiekosten-Nachzahlungen zu bilden. Aber großartig sparen können wir nicht “, sagt Monika F. Gerade erst mussten sie 250 Euro für drei Brillen aufbringen.

Für Lebensmittel geben die F.s rund 400 Euro jeden Monat aus. Die kaufen sie überwiegend bei deutschen Discountern, die es auf Mallorca an fast jeder Straßenecke gibt. Und mittwochs fahren sie immer nach Andratx zum Markt und besorgen dort frisches Obst und Gemüse. Das sei dort relativ preiswert und qualitativ hochwertiger als im Supermarkt, findet Monika F.

Nur eines vermissen sie hier auf der Insel, sagt Andreas F.: sauer eingelegte Bratheringe in Dosen. Die isst er so gern, mit selbst gemachten Bratkartoffeln als Beilage. Deshalb lassen sie sich die Büchsen von Freunden in Deutschland zuschicken.

Ihre Lebensmittel kaufen sie bei deutschen Discountern

Für Freizeitaktivitäten geben die Auswanderer wenig aus. „Da wir nicht mehr so gut zu Fuß sind, fahren wir viel mit dem Fahrrad über die Insel und genießen die schöne Landschaft. Dafür braucht man nicht viel Geld“, erklärt Andreas F.

Hin und wieder gönnen sie sich mal etwas, zum Beispiel einen Besuch in ihrem deutschen Stammrestaurant auf der Insel. Und: Andreas F. hat ein Laster, für das er alle acht Wochen 15 Euro ausgibt, was er „ein wenig bereut“. Er hat vor kurzem wieder angefangen zu rauchen, diesmal ist er auf E-Zigaretten umgestiegen.

Für Kleidung geben die F.s gibt kaum Geld aus. „In unserem Alter brauchen wir ja nicht mehr so viel und müssen nicht mehr mit der Mode gehen wie jüngere Menschen“, sagt Monika F. und lacht. 

Andreas und Monika F. sind froh, ihr altes Leben hinter sich gelassen zu haben. Sie haben auf der Insel kaum Kontakt zu anderen Deutschen. „Wir sind bewusst nicht in irgendwelchen Auswandererforen vernetzt, weil wir uns nicht separieren wollen“, so Monika F. Sie haben in der Nachbarschaft inzwischen mallorquinische Freunde gefunden und können sich auf Spanisch mit ihnen unterhalten. Wenn ihnen mal ein Wort nicht rechtzeitig einfällt, hilft ihnen der Google-Übersetzer auf dem Smartphone weiter. 

Zurück nach Deutschland zu gehen, das können sich die F.s nicht mehr vorstellen. Obwohl die Tochter und der Enkelsohn in Berlin leben und die ihnen „sehr fehlen“. Immerhin, die Verwandtschaft kommt häufiger zu Besuch. 

Andreas F. beobachtet die politische Entwicklung in Deutschland kritisch. Er könne so viele Entscheidungen nicht nachvollziehen, sagt er. Zum Beispiel, dass die Bundesregierung in diesen Zeiten auf die Idee gekommen sei, mit einem 9-Euro-Ticket noch mehr Schulden zu verursachen. Am Ende müsse der Steuerzahler dafür geradestehen.

Er frage sich, sagt er, wie die Geringverdiener und Menschen mit schmalen Renten künftig überleben wollten. Für viele seien Preissteigerungen im Lebensmittel- und Energiebereich schon jetzt nicht mehr zu stemmen. „Die rutschen doch in die Altersarmut. Ich finde das ganz schön tragisch“, sagt Andreas F.

Zum Glück blieben sie auf Mallorca noch weitgehend davon verschont. „Ein Liter Speiseöl kostet bei Aldi auf Mallorca derzeit 2,99 Euro. In Deutschland sind es bis zu zwei Euro mehr. Auch ein Zwei-Kilo-Huhn bekommt man in Deutschland nicht für fünf Euro“, sagt Andreas F. Von Freunden und der Familie aus Berlin wisse er, dass sie große Angst vor dem Winter hätten, weil die Rente nicht ausreicht, um davon die hohen Gas-und Strompreise künftig abfedern zu können.

Andreas F. stört das „Gejammer der Deutschen“

Andreas F. fürchtet, dass es in Zukunft zu sozialen Unruhen in Deutschland kommen könnte. „Ich lese viele deutsche Tageszeitungen online und Beiträge in sozialen Netzwerken und bekomme in den Kommentaren mit, dass der Sozialneid immer größer geworden ist. Das bedrückt mich.“

Er ärgere sich auch über das „Gejammer der Deutschen“. Besonders das derjenigen, denen es gar nicht so schlecht geht und die von der Krise am wenigsten betroffen sind. Sie riefen ständig nach dem Staat und forderten Unterstützung ein. „Mich irritiert dieses Verhalten. Uns hat während unserer Selbstständigkeit auch niemand geholfen. Und wir haben uns immer tapfer allein durchgeschlagen“, sagt Andreas F. 

Schon während der Pandemie habe er bemerkt, dass die Deutschen ganz anders mit den Einschränkungen umgegangen seien als die Spanier. „Die Spanier waren viel entspannter und haben sich viel leichter damit arrangiert. Viele Menschen aus meiner alten Heimat habe ich dagegen ständig nörgeln hören“, berichtet er. Dabei seien die Maßnahmen in Spanien viel härter als in Deutschland gewesen, sie hätten wochenlang ihre Wohnungen nur zum Einkaufen und für Arztbesuche verlassen können. 

Uns hat während unserer Selbstständigkeit auch niemand geholfen. Und wir haben uns immer tapfer allein durchgeschlagen

Andreas F.

„Wichtig ist es, dass man die Richtung ändert, wenn man mit seinem Leben unzufrieden ist. Und niemand anders dafür verantwortlich macht“, sagt Andreas F. „Es steht ja jedem zu, so ein entspanntes Leben zu führen wie wir. Und wir leben hier auf der Insel äußerst bescheiden und brauchen gar nicht viel.“ Er holt die Käsewürfel aus seinem Rucksack und eine Flasche Rotwein mit zwei Gläsern dazu. Er gießt sich ein Glas voll, seine bekommt Ehefrau nur ein halb volles. Sie muss nach ihrer Bypass-Operation vorsichtig mit Alkohol sein und darf nur wenig trinken. 

Die Berliner Auswanderer haben auch Schicksalsschläge hinter sich. Nicht immer ist der Alltag auf Mallorca wie Urlaub. „Wir haben hier schon schlechte Zeiten erlebt und wissen, dass das Leben nicht unendlich ist. Deshalb versuchen wir jeden Tag so gut wie möglich zu genießen“, sagt Monika F und nippt an ihrem Wein. Kurz nach ihrem Bypass-Eingriff waren die Blutwerte schlecht, ihr Arzt hatte den Verdacht, dass sie an Krebs erkrankt sein könnte. Zum Glück bewahrheite sich der nicht. Für das Paar waren es mehrere Wochen des Bangens. Bis heute hat kein Mediziner erklären können, warum die Blutwerte damals so schlecht waren. 

Auch Andreas F. ging es kurz vor Beginn der Pandemie schlecht. Er litt unter Atemnot und Schwindel. „Ich hatte große Angst zu ersticken“, erinnert er sich. Ehefrau Monika musste einen Rettungswagen rufen, er wurde ins nächstgelegene Krankenhaus eingeliefert. Eine unentdeckte Lungenentzündung hatte eine Sepsis ausgelöst. Die Ärzte konnten ihn retten.

Andreas F. musste zwei Wochen in der Klinik bleiben. Anders als in Deutschland musste Monika ihren Ehemann mitpflegen. „In Spanien kann man mit im Krankenzimmer des Angehörigen übernachten und wird auch mit Essen versorgt“, erklärt sie. Sie half ihm beim Duschen und Waschen und stand ihm emotional in der schweren Zeit zur Seite. Monika F. findet dieses System würdevoller als in Deutschland. Sie sagt: „Auf diese Weise konnte ich ganz nah bei Andreas sein, als es ihm nicht gut ging. Und das Pflegepersonal wurde gleichzeitig entlastet.“

Andreas F. packt die halb volle Weinflasche und die Gläser zurück in den Rucksack. Langsam fahren sie auf ihren Fahrrädern zurück zu ihrem Apartment. Es ist kurz vor Mitternacht und immer noch 30 Grad heiß. Momentan schlafen die F.s lieber mittags zwei Stunden, bleiben abends lange auf, um die lauen Sommernächte zu genießen.

Auf ihrer Terrasse mit Meerblick stehen ein selbst gebackener Apfelkuchen und ein schöner Strauß. Ein Dankeschön von den Nachbarn für das Blumengießen in der Ferienzeit. „Wir haben es hier sehr gut und sind dankbar dafür, so ein sorgenloses Leben führen zu können“, sagt Monika F. 

* Namen geändert