Berliner Restaurants und Hotels: 10.000 Mitarbeiter weniger als vor der Pandemie

Gewerkschaft stellt Umfrage zum Fachkräftemangel vor. Und dringt auf Verbesserungen: „In anderen Bereichen kann man durch harte Arbeit dasselbe verdienen.“

Hotel de Rome Berlin
Hotel de Rome BerlinHotel de Rome Berlin

Mit Familie oder Freunden einen Tisch im Lieblingsrestaurant reservieren? Das könnte bald zum Problem werden. Schlendert man durch die Stadt, vorbei an Restaurants und Gaststätten, sieht man häufig Schilder mit der Aufschrift „Mitarbeiter gesucht“ an der Ladentür. Das Gastgewerbe zählt zu den Branchen, die besonders hart von Krisenzeiten betroffen sind. Das bedingt sich nicht zuletzt durch die vergangenen zwei Pandemiejahre mit Lockdowns und Kurzarbeit. Die Folge waren erhebliche Verluste von Fachkräften: Mitarbeiter wechselten in andere Branchen, die weniger stark von der Krise betroffen waren oder schlichtweg bessere Löhne und Arbeitsbedingungen bieten.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) führte im Zeitraum zwischen Mai und August eine Online-Umfrage durch, bei der rund 4000 Mitarbeiter aus Gastronomie, Hotellerie und Catering über die Situation in der Branche befragt wurden.

Jeder dritte Mitarbeiter sieht keine Zukunft im Gastgewerbe

Das Gastgewerbe zählte im Vorkrisenjahr 2019 zu den umsatzstärksten Wirtschaftsbranchen in Deutschland. Durch die Pandemie brach das Geschäft ein. Doch die Probleme, die jetzt deutlich sichtbar werden, waren zum Teil schon vor der Krise angelegt, das wurde bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse deutlich. Die Mitarbeiter empfinden vor allem den Zeitdruck sowie kurzfristige Änderungen der Arbeitszeiten als belastend. Und den Personalmangel, der die anderen Probleme verschärft. Das gelte sowohl für kleine familiengeführte Betriebe als auch für bekannte Luxus-Hotelketten.

Besonders alarmierend ist, dass knapp ein Drittel der Befragten sich nicht vorstellen kann, noch lange in dem Gewerbe zu arbeiten, obwohl ein Großteil schon zehn Jahre oder länger dabei ist. „Eigentlich ist das so ein schöner Job. Ein Job, der Spaß macht, in dem man jeden Tag etwas anderes erlebt. Leider wird das kaputt gemacht“, sagte Guido Zeitler, Vorsitzender der Gewerkschaft NGG.

Der Hauptgrund für die sich offenbar verschärfende Unzufriedenheit der Mitarbeiter sei die niedrige Entlohnung ihrer Arbeit. Das durchschnittliche bundesweite Bruttoentgelt für Fachkräfte nach der Ausbildung liegt bei 2338,38 Euro im Monat. Für einen Vollzeitjob. Zeitler betont, dass der aufgestockte Mindestlohn die Abwärtsspirale der Branche nicht durchbrechen werde: „In anderen Bereichen kann man durch weniger harte Arbeit dasselbe verdienen.“ Zahlreiche Hotelfachkräfte oder Kellner seien während der Krise in andere Branchen abgewandert: Rund 300.000 Fachkräfte wechselten ihr Berufsfeld.

Um dem entgegenzuwirken, bedarf es einer fairen Entlohnung – der Umfrage zufolge leiden die Mitarbeiter aber auch unter mangelnder Wertschätzung, unter psychischen Belastungen durch den Job und familienfeindlichen Arbeitszeiten.

Berlin: Zahlreiche Mitarbeiter gingen zu Verkehrsbetrieben

Berlin zieht als Metropole wieder fast so viele Touristen an wie vor der Pandemie. Allein im August übernachteten 2.804.597 Gäste in der Stadt – und die bringen Geld mit. Betriebe, die mehr Geld zu Verfügung haben, können bessere Arbeitsbedingungen bieten. „Berlin ist diesbezüglich in einer privilegierten Lage, die Stadt ist aber dennoch nicht von der Krise ausgenommen“, erklärt Sebastian Riesner, Geschäftsführer der  Gewerkschaft NGG für die Region Berlin-Brandenburg.

Auch hier seien deutliche Probleme zu erkennen: erheblicher Fachkräftemangel, eingeschränkte Öffnungszeiten, reduzierte Speisekarten und nur zur Hälfte belegte Hotels. In Brandenburg, abseits von touristischen Zentren wie Potsdam, sei die Lage dramatischer.

Besonders der Fachkräftemangel sei aber auch in Berlin deutlich zu spüren. Waren 2019 noch 79.836 Menschen in Berlin im Gastgewerbe beschäftigt, waren es 2021 nur noch 69.403 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Zahlreiche Mitarbeiter seien in den letzten zwei Jahren vor allem zu Verkehrsbetrieben wie der BVG abgewandert.

Ein weiteres Problem der Berliner Gastronomen sei, dass nur rund zehn Prozent der Betriebe tarifvertraglich gebunden sind. Hier müssen vor allem Arbeitgeber auf ihre Mitarbeiter zugehen, denn mit ihnen stehe und falle die Zukunft der Branche, betont Zeitler. „Arbeitgeber in Berlin haben den Ernst der Lage teilweise schon erkannt und kommen ihren Mitarbeitern entgegen. Das heißt noch lange nicht, dass nichts mehr geändert werden muss“, so Sebastian Riesner.

Gerade in Hinblick auf den bevorstehenden Krisenwinter sollten Betriebe die erhöhten Preise nicht nur nutzen, um die eigenen Verluste auszugleichen – sondern auch, um ihren Mitarbeitern etwas zurückzugeben.