Berlin - Wettbewerb belebt das Geschäft. Preise sinken, die Qualität steigt - soweit die Theorie. Doch bei der größten Ausschreibung in der Geschichte der Berliner S-Bahn könnte diese Erwartung nun unter die Räder kommen. Denn beim Fahrzeughersteller Alstom denkt man darüber nach, sich aus dem Vergabeverfahren zurückzuziehen. Die Konsequenz wäre, dass nur ein einziger chancenreicher Bewerber übrig bliebe - was den Preis für die Länder Berlin und Brandenburg nach oben treiben könnte. In dem Konsortium haben sich Siemens und Stadler mit der S-Bahn Berlin GmbH zusammengeschlossen – dem Tochterunternehmen der bundeseigenen Deutschen Bahn (DB), das sich nach dem Willen von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) eigentlich der Konkurrenz stellen soll. 

„Von einem echten Wettbewerb kann keine Rede sein – mit allen negativen Folgen“, sagte ein Beobachter. „Wenn nun Alstom als Bieter aussteigen sollte, wäre das nicht nur ein schwerer Rückschlag. Vielmehr würde sich dadurch auch die Verhandlungsposition des Senats gegenüber dem bisherigen Betreiber verschlechtern“, so der CDU-Verkehrspolitiker Oliver Friederici. „Die Fortsetzung der bisherigen Monopolstellung wäre das Gegenteil dessen, was Berlin für den S-Bahn-Betrieb erreichen will.“

Über das Thema hatte am Montag der Tagesspiegel berichtet. Es geht um eine Ausschreibung der Superlative. Gesucht werden Unternehmen, die S-Bahn-Züge für Berlin und Brandenburg bauen und betreiben. Für die Nord-Süd- und Ost-West-Strecken, rund zwei Drittel des Netzes, werden mindestens 1308 und bis zu 2160 Wagen benötigt. Es geht um elf S-Bahn-Linien, unter anderem die S1, S2, S3, S5 und S7. Die neuen Fahrzeuge, deren Lieferung zwischen 2027 und 2034 ansteht, sollen in das Eigentum des Landes Berlin übergehen.

Vorteile für Siemens und Stadler

Ein S-Bahn-Chaos wie 2009 soll sich nicht wiederholen – das ist den Planern wichtig. Damals mussten Hunderte Wagen auf das Abstellgleis gefahren und ganze Strecken wegen Fahrzeugmangels eingestellt werden. Im Zeichen des geplanten Börsengangs hatte der DB-Konzern der S-Bahn einen harten Rationalisierungskurs verordnet. Folge war, dass die Probleme mit den Rädern, die es bei einem Großteil der Flotte gab, umso stärker zum Ausdruck kommen konnten. Kritik gab es auch an dem Vergabeverfahren für die S-Bahn-Linien auf dem Ring, das 2014 endete. Dort lautete die Vorgabe, dass der Sieger die benötigten 390 Wagen selbst finanzieren und bauen lassen muss – was sich als Hürde auswirkte. Außerdem wurde bemängelt, dass die Ausschreibungsbedingungen kompliziert sind. So sprang ein Bewerber nach dem anderen ab, bis am Ende nur noch die S-Bahn Berlin GmbH im Rennen war. Für jeden gefahrenen Kilometer berechnet das DB-Tochterunternehmen den Ländern dem Vernehmen nach mehr als 15,60 Euro. 

Für das nun laufende Verfahren zogen die Planer beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg und ihre Berater den Schluss, dass neben dem bisherigen S-Bahn-Monopolisten DB auch andere Interessenten eine reelle Chance bekommen müssen. So wurde der Milliardenauftrag in vier Lose unterteilt, um die Schwelle für potenzielle Bewerber zu senken. Unternehmen dürfen nur für die Lieferung der übernächsten S-Bahn-Generation oder für deren Betrieb ein Angebot abgeben – oder für beides. Sie können sich nur für ein Teilnetz entscheiden – oder für beide.

Auf dem Papier sieht es also so aus, als ob sich die DB ernsthaft der Konkurrenz stellen muss. Tatsächlich haben Zugbetreiber wie die Länderbahn oder MTR aus Hongkong Teilnahmeanträge eingereicht. Dem Vernehmen nach hat auch Abellio Interesse bekundet. Es wurde aber festgelegt, dass Gesamtangebote für alle vier Teillose einen Vorteil gegenüber Einzelangeboten bekommen. Intern wird das damit erklärt, dass zwar Einzelpreise genannt werden müssen, doch ein Gesamtangebot günstiger sein dürfe als die Summe der Einzelangebote. 

Für Einsteiger ist ein Gesamtangebot mit enormen Risiken verbunden, weshalb kleinere Firmen keine realistischen Chancen haben. Nur sehr große Bieter, die sich zutrauen, zwei Drittel des S-Bahn-Betriebs zu übernehmen und die dazu gehörigen Fahrzeuge bereitzustellen, haben reelle Aussichten darauf, den Milliardenauftrag zu erhalten. Die Zahl der Großen ist jedoch gering, und so gaben nur zwei Konsortien Interesse am Gesamtauftrag zu Protokoll: zum einen S-Bahn Berlin GmbH/ Siemens/ Stadler, zum anderen der Zusammenschluss des französischen Bahnherstellers Alstom, der das auch in der Region tätige Unternehmen Bombardier gekauft hat, mit Transdev. Der Zugbetreiber wird von dem früheren S-Bahn-Chef Tobias Heinemann geleitet.

Der Druck, dass das DB-Unternehmen S-Bahn Berlin GmbH im Geschäft bleibt, ist groß. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG, die SPD und die Linke machen Front gegen die befürchtete Zerschlagung des Betriebs. Wenn Konkurrenz zum Zuge käme, hätte dies negative Folgen für die Beschäftigten und die Fahrgäste, sagen sie - obwohl Netz, Fahrbetrieb und Bahnhöfe heute schon organisatorisch getrennt sind. Die Bahnhersteller wiederum können mit ihrem Engagement in Berlin punkten. Siemens will in Siemensstadt rund 600 Millionen Euro in einen Campus zum Wohnen und Arbeiten investieren. Stadler baut den Fertigungsstandort in Pankow weiter aus.

Siemens und Stadler gehen mit einem weiteren Vorteil ins Rennen. Denn der Lenkungskreis für das Vergabeverfahren hat entschieden, dass nun doch darauf verzichtet wird, die Fahrspannung auf 1500 Volt zu erhöhen. Die S-Bahn soll weiterhin mit 750 Volt betrieben werden. Zwar geht man bei DB Energie davon aus, dass eine Spannungserhöhung sinnvoll wäre - auch um die Streckenkapazität erhöhen zu können. Doch offenbar auch aus Rücksicht auf die S-Bahn-Bewerbung wollte das Unternehmen keinen Zeitplan präsentieren. So hält man nun lediglich die Möglichkeit offen, später eventuell eine nachträgliche Umrüstung der neuen Züge zu verlangen. Damit können sich Siemens und Stadler mit einer Weiterentwicklung ihrer S-Bahn-Baureihe 483/484 bewerben, die sie bereits für die Ringlinien bauen. Dagegen müsste Alstom in jedem Fall viel Geld investieren, um ein völlig neues S-Bahn-Fahrzeug zu entwerfen.

Noch hat das Unternehmen, das sich nicht äußerte, über das Vorgehen nicht entschieden. Erst einmal soll es Gespräche geben, war zu erfahren. Doch es sei gut möglich, dass Alstom den siebenstelligen Betrag für die Bewerbung spart – und auf die Abgabe eines Angebots verzichtet. Bis August ist noch Zeit zu überlegen.