Drei Buchstaben genügen, um S-Bahn-Fahrgästen die Laune zu verhageln: SEV – die Abkürzung für Schienenersatzverkehr. SEV heißt: morgens früher aufstehen, um zur Arbeit zu fahren, nach Feierabend länger unterwegs sein, bis man zu Hause angekommen ist. Auch im Nordosten Berlins, auf den Linien S 2 und S 8, stehen S-Bahn-Fahrgästen wieder einmal Bauarbeiten mit Schienenersatzverkehr bevor.

Nachdem sich bei früheren Bau-Etappen viele Fahrgäste beschwert haben, hat die S-Bahn ihr Konzept geändert – in der Hoffnung, dass es im Herbst besser läuft als bislang. Am Mittwoch wurde das neue Konzept getestet – bei einer Probefahrt.

„Wenn das mal kein gutes Omen für unseren SEV ist“, freute sich Björn Vetter von der S-Bahn. Gerade radelte ein Schornsteinfeger an dem weißen Linienbus vorbei, der am Startpunkt in der Berliner Straße unweit vom S-Bahnhof Pankow bereitsteht. Der Bus ist die Vorhut der 50 bis 60 Busse, die vom 30. Oktober bis zum 13. Dezember eingesetzt werden – zwischen Pankow und Birkenwerder sowie zwischen Pankow und Karow. Weil das Karower Kreuz und Brücken neu gebaut werden, wird die S-Bahn unterbrochen.

Expressroute über die Autobahn

9.00 Uhr: Es geht los. Busfahrer Mario Lehmann von Bayern Express (BEX) tritt aufs Gaspedal. Doch bevor er in Fahrt kommen kann, muss er scharfe Kurven bewältigen. „Das ist ein Nadelöhr“, erklärt Vetter, als Lehmann in die Granitz- und dann in die Kissingenstraße abbiegt. „Von dort kommt man besser nach links Richtung Autobahn“, erklärt Vetter.

9.07 Uhr: Der Linienbus ist mittlerweile auf der A 114 unterwegs. Schneller als 60 Kilometer pro Stunde darf Lehmann nicht fahren. Nur Reisebusse, in denen sich die Fahrgäste angurten können, dürfen auf Tempo 100 beschleunigen.

9.15 Uhr: „Wenn wir immer so gut durchkämen, wäre das schön“, sagt Lehmanns Chef, BEX-Geschäftsführer Jörg Schaube. Sogar auf der Pankgrafenstraße in Karow, auf der sich der Verkehr häufig staut, ist der weiße Bus gut vorangekommen. Nun hält er am S-Bahnhof Karow – dort würden die SEV-Fahrgäste in die S-Bahn umsteigen.

„SEV ist immer ungünstig“

„Es hat besser geklappt als ich gedacht habe“, sagt Karl Holst. Der Regionalgruppenleiter des Vereins der Eigenheim- und Grundstücksbesitzer ist einer der vielen Karower, die sich bei früheren Bauarbeiten über trödeligen SEV geärgert haben. Ein Beispiel: Als im vergangenen Herbst zwischen Blankenburg und Bernau wochenlang keine S-Bahnen fahren konnten, wurden die Ersatzbusse immer wieder von Staus und Baustellen ausgebremst. Damals lehnte es die S-Bahn ab, zusätzlich Expressbusse einzusetzen – auch sie kämen nur langsam voran.

Für den Herbst 2017 hat die S-Bahn nun drei Ersatzbuslinien geplant. Eine SEV-Linie wird die S 8 zwischen Pankow und Birkenwerder ersetzen. Zwischen Pankow und Karow sind zwei SEV-Linien vorgesehen. Expressbusse fahren ohne Zwischenhalt. Hinzu kommen Lokalbusse, die allerdings mit rund einer halben Stunde doppelt so viel Zeit benötigen.

Sie halten am S-Bahnhof Pankow-Heinersdorf und zweimal auf der Pasewalker Straße – von dort geht es mit den Buslinien 150 und 154 zum S-Bahnhof Blankenburg. Die Route über Krugstege wurde verworfen – dort behindern Baustellen den Verkehr, hieß es. „SEV ist immer ungünstig“, sagt Vetter. „Wir müssen aus der Herausforderung das Beste machen.“