Bahnhof Gesundbrunnen, am Sonntag, 17.35 Uhr: Wegen eines Notarzteinsatzes kann die S-Bahn nicht abfahren. Ein nachfolgender Zug muss warten, einige Fahrgäste werden ungeduldig. Sie betätigen die Notentriegelung, steigen aus und laufen über die Gleise. Die S-Bahn stellt den Strom ab, ein Hubschrauber der Bundespolizei steigt auf, sucht die Strecke ab. Doch die Leute sind weg.

S-Bahnhof Adlershof, am Montagmorgen, kurz vor 8 Uhr: Ein defektes Signal vor der Station schaltet nicht auf Grün, die S-Bahn nach Königs Wusterhausen steht. Nach einigen Minuten reicht es einigen Fahrgästen. Sie öffnen eine Tür, klettern aus dem Zug und laufen zum Bahnhof. Der Fahrer lässt die Stromschiene abschalten, damit die Fahrgäste nicht in Lebensgefahr geraten.

Unter dem Stichwort „Personen in den Gleisen“ wird die Bundespolizei alarmiert. Doch als sie sich nach Adlershof auf den Weg macht, sind diese längst verschwunden. Gleichwohl wird auf der Strecke und dem Ring noch stundenlang automatisch durchgesagt und angezeigt: „Wegen eines Polizeieinsatzes ist der Zugverkehr zurzeit unregelmäßig. Wir bitten um Ihr Verständnis.“ Beide Male hatten die Fahrgäste Glück. An den 750-Volt-Stromschienen neben den Gleisen hätten sie einen tödlichen Schlag erleiden können. Die zwei jüngsten Vorfälle zeigen einen Trend, den die Manager im öffentlichen Nahverkehr mit Sorge betrachten.

Sittenverfall beklagt

„Wir haben ein zunehmendes Problem mit der Disziplinlosigkeit von Fahrgästen“, sagt ein S-Bahn-Sprecher am Montag. „Immer öfter gibt es Fälle, in denen Menschen eigenmächtig die Züge verlassen und die Gleise betreten.“ Und das, obwohl die Lokführer darüber informiert hätten, dass sich die Weiterfahrt einige Minuten verzögere.

Ein S-Bahner, der seit vielen Jahren Züge fährt, bestätigt: „Das sind keine Einzelfälle mehr, das ist zum Volkssport geworden. Doch die Leute wissen gar nicht, welches Risiko sie eingehen, nicht nur wegen der Stromschienen.“ Auf dem Nachbargleis könne jederzeit ein S-Bahn-Zug auftauchen, was dann ebenfalls Lebensgefahr bedeute. Abgesehen davon verhielten sich die Aussteiger unfair gegenüber den anderen Fahrgästen. Meist müsse der Streckenabschnitt in beide Richtungen für den gesamten Verkehr gesperrt werden, was sich weiträumig auswirke und den eng verästelten S-Bahnbetrieb großflächig störe wie am Sonntagabend und am Montagmorgen.

Mit Kopfschütteln registrieren S-Bahner zudem jeden Tag, wie sich Fahrgäste noch in Türen zwängen, obwohl das Abfahrtsignal aufleuchtet. So wurde ein 26-Jähriger im August am Ostkreuz zehn Meter über den Bahnsteig geschleift, als sich die Türen schlossen und der Zug anfuhr. Einen ähnlichen Unfall gab es kurz darauf in Gesundbrunnen, wo sich ein 25-Jähriger mit dem Fuß in der Tür einklemmte. Auch er wurde über den Bahnsteig gezogen. „Immer wieder setzen Menschen für ein paar Minuten Zeitgewinn ihre Gesundheit aufs Spiel, statt den nächsten Zug zu nehmen“, sagt der S-Bahn-Sprecher. Auf diese Weise gingen täglich Zugtüren kaputt – aber auch, weil Fahrgäste, denen der Zug vor der Nase weg fährt, wütend gegen Türen treten.

Mehr Angriffe auf das Personal

Bei der BVG ist es nicht anders. „Man lässt nicht aussteigen und zwängt sich noch ’rein, wenn die Türen eigentlich zu sind“, sagt Sprecher Klaus Wazlak. „Dann müssen alle Türen noch einmal geöffnet werden, was zu Verzögerungen führt. Dieses Verhalten ist ein Spiegel des Lebens und zeugt von schlechter Kinderstube.“

Die zunehmende Disziplinlosigkeit bei der S-Bahn schlägt sich auch in Zahlen nieder: Nach Angaben von Meik Gauer, Sprecher der Bundespolizei, wurden in den ersten drei Quartalen dieses Jahres bereits 203 Körperverletzungen gegen Kontrolleure, Zugpersonal und andere Bahnmitarbeiter registriert. Im Vergleichszeitraum 2012 waren es lediglich 194.