Berlin - Am Anfang war der Rasenmäher. Ein paar gartenpflegerische Arbeiten später war dann alles bereit. Innerhalb kurzer Zeit entstand am Mittwoch auf einer Brache an der Zinnowitzer Straße in Mitte eine, je nach Definition, Besetzung à la Occupy oder eben doch Kunstaktion. Ohne Anmeldung. Die ersten zur Mittagszeit eintreffenden Polizisten mussten sich zunächst ein Bild von der Lage machen, wie sie sagten.

Diese Lage stellte sich dann so dar: Auf der unbebauten Grünfläche direkt vor den ehemaligen Opernwerkstätten wurden etwa 40 kleine Schlafzelte aufgestellt, Koch-, Spül- und Müllsammelstellen geschaffen, später kamen größere Partyzelte hinzu. Wenn es nach den Bewohnern geht, soll das Camp eine Woche halten. Um das Zeltdorf auch nachts zu schützen, soll ein Wachdienst eingerichtet werden.

Die Bewohner, das sind Studenten der Hochschule für Schauspielkunst (HfS) „Ernst Busch“. Sie wollen mit der Kunstaktion, wie sie es nennen, dagegen protestieren, dass die große Koalition im Abgeordnetenhaus den geplanten zentralen Neubau der Hochschule nun doch nicht finanzieren will. Seit das vorige Woche bekannt wurde, befinde man sich im Streik, sagte ein Sprecher. An keinem der vier Standorte der Hochschule finde derzeit Unterricht statt. Stattdessen wolle man im Zeltdorf das machen, wofür man den zentralen Bau brauche, der in den leerstehenden ehemaligen Opernwerkstätten hinterm Camp entstehen soll: gemeinsam studieren. Bisher gebe es nämlich wenig Austausch zwischen den verstreut liegenden Fachbereichen der Puppenspieler, Schauspieler und Dramaturgen, sagte der Sprecher.

Gemeinsame Erklärung geplant

Wie solch ein Unterricht aussehen kann, zeigte sich am Mittwoch. Unter Anleitung eines Professors für Bewegungslehre (so was gibt’s!) brüllten und stampften rund 50 Studierende, sie reckten Finger und Fäuste in den Frühsommerhimmel.

Die Mischung aus neuseeländischem Rugby-Tanz und japanischem Aikido ließ Passanten jenseits des Zauns erstaunen – und Wolfgang Engler zufrieden gucken. Der Rektor der HfS war nach Mitte gekommen, um das Campus-Camp zu inspizieren. Er unterstütze die Studenten nicht nur, er freue sich über ihr Engagement, sagte Engler am Mittag vor dem Zaun. „Wenn die Studenten nicht deutlich machen würden, wie wichtig ihnen ein Neubau ist, hätten wir mit unseren Forderungen keine Chance“, sagte der renommierte Kultursoziologe. Engler will sich mit eigenen Seminaren auf dem Zelt-Campus am Programm beteiligen, das mindestens bis zum Wochenende auf einer großen Bühne angeboten werden soll.

Zuvor aber will er für den rund 30 Millionen Euro teuren Neubau trommeln, den die SPD nach Jahren der Zusage neuerdings ablehnt und den wohl auch die CDU nicht unterstützen wird. Eine gemeinsame Erklärung der Rektoren und Präsidenten von Berliner Hochschulen und Unis sei in Arbeit, ebenso eine der Leiter der großen Theater. Selbst der Verband der Schauspielschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz habe Solidarität bekundet.

Denjenigen, denen man mit solchen Aktionen imponieren will, wollen die Studenten am Donnerstag auf die Pelle rücken. Für 17 Uhr planen sie eine Demonstration vor der Ernst-Reuter-Oberschule an der Stralsunder Straße. Dort trifft sich der Ortsverband Mitte der SPD.

Eine erste echte Nagelprobe für das Camp der guten Laune dürfte ab Freitag anstehen. Dann sind für die Hauptstadt Gewitter und anschließend ein Temperatursturz auf zwölf Grad vorhergesagt.