Eines der Phänomene der vielen Berliner Schloss-Debatten ist, dass die eigentlich so vielgestaltige Architekturgeschichte dieses Prachtbaus darin kaum eine Rolle spielt. Durchweg wird sie von den Befürwortern und den Gegnern des Nachbauprojekts reduziert auf die kurze Zeit zwischen etwa 1695 und etwa 1720. In diesen Jahren wurde erst für Kurfürst Friedrich III., der sich 1701 zum König Friedrich I. in Preußen selbst krönte, und dann nach seinem Tod 1712 in den ersten Jahren seines Nachfolgers Friedrich Wilhelm I. jene prachtvolle Barockresidenz errichtet, deren Außenfassaden derzeit nachgebaut werden.

Das preußische Genie

Der grandiose Bildhauer und Architekt Andreas Schlüter sowie dessen Nachfolger Eosander von Göthe und Martin Böhme hatten diese entworfen, als Symbol der neuen Königsmacht. Vor allem Schlüter galt schon Schinkel und dann mit zunehmender Intensität seit dem späten 19. Jahrhundert als preußisches Genie, als Sinnbild bürgerlicher Schöpferkraft an einem angeblich dekadent-absolutistischen Königshof. Diese Idealisierung hatte durchaus nationalistische Untertöne: Die Herkunft Schlüters aus dem Königreich Polen wurde bis in die jüngste Schlüter-Ausstellung im Bode-Museum als Nebensache deklariert, dabei schuf er seine ersten Hauptwerke in Warschau. Und dass Eosander von Göthe nach dem Einsturz des Münzturms 1712 Schlüter beerbte, wurde auch auf dessen „französische“ Höfischkeit zurückgeführt.

„Schlüterhof“, die Fassaden zum Schlossplatz, zur Schlossfreiheit und zum Lustgarten, die Paradesuite am Lustgarten mit dem großen Treppenhaus, dem Schweizersaal, dem Rittersaal, der Roten- und der Schwarzen-Adler-Kammer sowie Gemäldegalerie: Diese Bauteile sind es, die zunehmend als „das“ Berliner Schloss bezeichnet werden. Doch nichts ist falscher. Das Schloss war ein Organismus, gewachsen seit dem Baubeginn der hohenzollerischen Zwingburg 1453.

Nach außen zeigte sich dies bis 1950 an der Spreeseite, die Strenge der spätmittelalterlichen Burg, die Türme der Renaissanceresidenz, die lange Braunschweiger Galerie aus dem Frühbarock sowie, hin zum Dom, der Apothekerflügel mit seinen Renaissancegiebeln. Sie alle signalisierten, dass dieses Schloss ein Bau mit einer halbtausendjährigen Geschichte war.

Aber schon der Bauhistoriker dieser Residenz, Albert Geyer stellte in den 1930er-Jahren fest: „Niemals ist im Schloss zu Berlin so viel gebaut worden wie unter Kaiser Wilhelm II.“ Dieser ließ alle Fassaden instand- und teilweise ersetzen, die barocken Suiten restaurieren, richtete sich eine eigene Wohnung im Neo-Stil der Deutschen Renaissance und des Frühbarock ein, schuf im Zusammenhang mit dem prächtigen Weißen Saal nach Plänen Ernst von Ihnes erstmals nach dem Vorbild des Louvre Napoleon III. und des Buckingham Palace eine wirklich nationale, deutsche , über Preußen ideal hinausreichenden Residenz.

Doch weder vom Spreeflügel noch von den wilhelminischen Um- und Zubauten soll auch nur eine Spur wiederentstehen. Ganz im Gegenteil: Jede Erinnerung an die malerische Spreefront ist durch den brutalen Schematismus des Ostflügelentwurfs von Franco Stella zerstört, und die originalen Kellerräume und Fundamente aus der Zeit Wilhelm II. waren mit die ersten, die für den Bau der U-Bahn und des Humboldtforums geopfert wurden. Bis heute sind sie die Teile des Schlosses, die am schlechtesten erforscht wurden.

Preußen – der Kulturstaat

Einer der Gründe, der gegen einen Nachbau der Spreefassaden und des Apothekerflügels angeführt wurden, war, dass diese zu unsystematisch gewesen seien. In Dresden war man da weniger ängstlich beim Wiederaufbau des Residenzschlosses. Nein, die die Entscheidung, in Berlin nur die barocken Fassaden nachzubauen, ist letztlich auch eine politische Aussage: Sie stehen für die Zeit des prachtliebenden, ziemlich friedlichen Friedrich I. und seiner kultivierten, der Aufklärung nahen Gattin Sophie Charlotte. Ergänzt wird dieses neue Bild der preußischen Geschichte durch den ursprünglich gar nicht vorgesehenen Nachbau der Schlosskuppel, die an den „Romantiker auf dem Thron“ Friedrich Wilhelm IV. erinnert.

Es entsteht das Idealbild eines Staates, der vornehmlich der Kultur, der Wissenschaft und Kunst huldigte. Das passt auch viel besser zur Konzeption des museal, also kulturell dominierten Humboldtforums, das den größten Teil des Neubaus besetzen wird. Die preußische Militärmonarchie und ihre Dynastie aber, die die Reichseinigung 1871 erzwang, die das Reich in die Kolonialpolitik und in den Ersten Weltkrieg führte, die dagegen wird mit dieser Fassadenauswahl regelrecht verschleiert.