Berliner Schloss: „Ich sehe nur erhebliche Nachteile“

Der Münchner Architekt Stephan Braunfels hat eine neue Debatte um den Bau des Berliner Schlosses (Humboldt-Forum) ausgelöst. Braunfels schlägt vor, auf den Bau des modernen Ostflügels an der Spree zu verzichten. So soll sich das Schloss mit dem Schlüterhof Richtung Osten öffnen. Das Schloss wird nach einem Entwurf von Franco Stella gebaut. Der italienische Architekt hatte sich 2008 im Wettbewerb für den Wiederaufbau des Schlosses gegen 84 Konkurrenten durchgesetzt. Braunfels war in diesem Wettbewerb frühzeitig ausgeschieden. Im Interview sagt Stella, was er von Braunfels’ Idee hält.

Herr Stella, was sagen Sie zu der neuen Debatte über das Schloss?

Ich denke, dass es eine abwegige Debatte ist.

Der Architekt Stephan Braunfels schlägt vor, auf den Bau des Ostflügels, der von Ihnen als Belvedere bezeichnet wird, komplett zu verzichten. Was halten Sie von der Idee?

An der Ostseite des Schlüterhofes, hinter den früheren Bauten des Schlosses, stand auch Schlüters Haupthofflügel, genau an der Stelle und in der Form, wie sie nun in meinem Entwurf hinter dem Neubau Belvedere vorgesehen ist. Bei dem Vorschlag von Braunfels geht es nicht nur um den Verzicht auf meinen Neubau, sondern auch um die Umstellung und Umformung des barocken Schlüterbaus: Seine neue umgestellte und umgeformte Fassade würde vor dem ehemaligen Quergebäude im Innenhof entstehen, das dann seinerseits auch umgeplant und umgebaut werden müsste. Ein Wiederaufbau der Schlüterhof-Fassaden an einem beliebigen Ort ist aber meiner Meinung nach keine Rekonstruktion, sondern etwas wie ein postmodernistisches Pastiche (eine beliebige Imitation, die Red.), das den zivilgesellschaftlichen und kulturellen Prinzipien einer echten Rekonstruktion widerspricht, wie im Übrigen auch den Beschlüssen des Bundestages.

Was würde es bedeuten, wenn Sie auf den Bau der Ost-Fassade verzichten? Welche Auswirkungen hätte das auf Zeit- und Kostenpläne?

Ich sehe nur Nachteile, sogar erhebliche Nachteile, und zwar mehrere gleichzeitig: Es gäbe viel weniger notwendige Flächen – etwa 10 000 Quadratmeter weniger durch den Wegfall des Ostflügels und zirka 3 000 Quadratmeter weniger durch den Wegfall von Zwischengeschossen im Quergebäude. Hinzu kommen Mehrkosten und Zeitverzögerungen für Umplanung und Umbau sowie eine Unterbrechung des Rundganges in den Museumsräumen durch Sackgassen. Und das Ganze im Namen einer Fassade zur Spree, die eine Rekonstruktion einer Schlüter’schen Fassade nur simuliert.

Viele Berliner unterstützen aber den Vorschlag von Stephan Braunfels.

Ich glaube, dass sich die Kritik oft viel lauter als der Konsens in den Medien äußert und dass die Ergebnisse einer Umfrage stark von den Fragen bestimmt werden. In diesem Fall, denke ich, wurden viele Nachteile als Vorteile aufgefasst oder missverstanden.

An der Ost-Fassade, die Sie auch als Loggienfassade bezeichnen, wird vor allem kritisiert, dass sie so abweisend und monoton wirkt. Was halten Sie den Kritikern entgegen?

Im aktuellen Planungsstand wird die östliche Loggienfassade mit dem wiederaufgebauten Rondellturm an der südlichen Ecke und einem mittigen Portikus versehen, der das Humboldt-Forum auch an dieser Stadtseite eindeutig ankündigt. Ich denke, dass diese Figur der Loggienfassade eine zeitlos moderne Figur ist, die wir häufig bei öffentlichen Gebäuden und Baudenkmälern finden – ganz besonders auch bei dem früheren Galeriebau von Nehring, der ausgerechnet hier stand. Die Ausweitung und Tiefe der Öffnungen – die so groß wie die der Schlossportale sind –, sprechen für den prominenten öffentlichen Charakter des Gebäudes. Die Fassade kann keineswegs mit derjenigen eines Wohnungs- oder Bürobaus verwechselt werden.

Können Sie es verstehen, dass sich Braunfels jetzt mit seinem Vorschlag zu Wort meldet?

Das möchte ich nicht persönlich kommentieren.

Die Fragen stellte Ulrich Paul.