Es war der 15. Lehrerwarnstreik-Tag seit Dezember vergangenen Jahres: Wieder legten am Montag zahlreiche angestellte Lehrer ihre Arbeit nieder und bestreikten ihre Schulen. „Gleicher Lohn für verbeamtete und angestellte Lehrer“, stand auf Plakaten. Die Gewerkschaft verteilte aufgeblasene Luftballons. An der zentralen Kundgebung auf dem Gendarmenmarkt in Mitte nahmen nach übereinstimmenden Angaben von Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und Polizei etwa 2158 Menschen teil. Auffallend war, dass neben zahlreichen Pädagogen auch Schüler, zum Beispiel von der Willy-Brandt-Sekundarschule in Wedding, mitmachten.

Doreen Siebernik, eine von drei GEW-Vorsitzenden, forderte einen ordentlichen Tarifvertrag für die angestellten Berliner Lehrer und eine Angleichung der Nettogehälter an die der verbeamteten Kollegen. Nach Berechnungen der GEW verdient ein angestellter Lehrer derzeit im Laufe seines Berufslebens gut zwei Jahresnettogehälter weniger als ein verbeamteter Kollege.

Die Bildungsverwaltung meldete nach einer internen Abfrage an den Schulen 2158 streikende Lehrer, das sind gut 22 Prozent der 9000 angestellten Lehrer in Berlin. Diese Zahl wurde bisher nur bei den Warnstreiks im Februar deutlich übertroffen, als auch die Erzieher und Sozialpädagogen mitstreikten. Von Streikmüdigkeit kann man also nicht sprechen.

Streikmüdigkeit unter den Lehrern zu erreichen, scheint hingegen das heimliche Ziel des Senats zu sein. Die Landesregierung hält sich trotz einer anderslautenden Entscheidung des Berliner Arbeitsgerichts schlicht für nicht zuständig. Für Tarifverhandlungen sei vielmehr die Tarifgemeinschaft deutscher Länder der richtige Ansprechpartner, sagt Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos). GEW-Vorsitzende Sigrid Baumgardt verglich Nußbaum, Bildungssenatorin Sandra Scheeres und den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (beide SPD) auf der Kundgebung mit den drei Affen, die nichts sehen, sagen und hören wollten. Unklar ist andererseits auch, wie die Berliner GEW überhaupt eine bundeseinheitliche Lösung ausgestalten würde. Denn angestellte Lehrer in Sachsen verdienen deutlich weniger als in Berlin. Bei einer bundesweiten Tariflösung werde sich Berlin am Ende schlechter stellen als heute, vermutet ein Pädagoge, der in der Junglehrer-Initiative „Bildet Berlin!“ engagiert ist. „Das geht nur mit Öffnungsklauseln“, sagt auch GEW-Chefin Baumgardt.

Viele Neueinstellungen

Auf die besondere Situation von Pädagogen mit ausländischem Studienabschluss hatte am Montagmorgen gegen 7.40 Uhr bereits der Australier Tom Hyland aufmerksam gemacht. Er ist Lehrer an der bilingualen Nelson-Mandela-Schule in Wilmersdorf. Gemeinsam mit Kollegen und Schülern hatte er Tische und Stühle auf die Straße vor der Schule gestellt. „Her mit dem Tarifvertrag – Aussitzen sinnlos. Wir haben einen langen Atem“, stand dazu auf Plakaten. Dann erklärte er den Schülern per Megafon, was der Streik soll. Es gehe um ein ungerechtes Gehaltssystem, um mehr Gesundheitsschutz und darum, dass Lehrer mit ausländischem Studienabschluss noch deutlich weniger verdienen als angestellte Lehrer mit deutschem Staatsexamen. Letztere bekämen ja immerhin eine Zulage gezahlt.

Ende Oktober wollen Tarifkommission und GEW-Landesvorstand darüber entscheiden, ob es in diesem Jahr noch weitere Warnstreiks geben wird. Eine Lehrerin eines Oberstufenzentrum rief auf der zentralen Kundgebung aus, dass Berlin allein im nächsten Jahr mehr als 2 000 neue Pädagogen einstellen wolle, Brandenburg weitere 100 Lehrer. „Lehrer sind derzeit Mangelware. Das wird die Politik auch noch merken“, fügte sie an.