Berlin - Als vor einigen Monaten ein Passagierflugzeug in Russland abstürzte, war ein Schüler eines Lichtenberger Gymnasiums erbost. Er behauptete im Unterricht, dass die deutschen Medien den Absturz bewusst nicht erwähnen würden, weil sie etwas gegen Russland hätten. Das hatte der russischstämmige Schüler auf russischen Internetseiten gelesen. Sein Lehrer konnte dem Schüler auf seinem Smartphone zeigen, dass die Nachricht am Vortag in der „Tagesschau“ gewesen war. Der Schüler wollte das zunächst nicht glauben. „Die Schüler informieren sich inzwischen hauptsächlich über Facebook und andere soziale Netzwerke, wo sie vornehmlich die Dinge lesen, die sie selbst gelikt haben“, sagt der Lehrer.

Mangelhafte Vorbereitung auf die Mediengesellschaft

Manchmal sind diese Informationen aber einfach falsch. Und das ist ein Problem und zwar für den Schüler, seinen Lehrer und am Ende auch für die Demokratie. Denn „Kinder werden in der Schule nur mangelhaft auf die Mediengesellschaft vorbereitet“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Lutz M. Hagen von der TU Dresden – und sich in der Gesellschaft zurechtzufinden, ist entscheidend für demokratische Teilhabe. Am Donnerstag stellte Hagen in Berlin eine Studie vor, die sich mit diesem Problem befasst.

In Lehrplänen und Schulbüchern komme eine Auseinandersetzung mit Informationsquellen und der Frage, woran man eine verlässliche Nachricht erkennt, nur selten vor. Hagen hält das für gefährlich in Zeiten, in denen die Gesellschaft einer Informationsflut aus sozialen Medien, Fake News und gesteuerten Kampagnen ausgesetzt ist. Medienkompetenz ist ein beliebtes Schlagwort, wenn Politiker darüber sprechen, was Schulen vermitteln sollen. Schüler sollen lernen, mit Medien umzugehen. So steht es bundesweit in Lehrplänen, auch in Berlin und Brandenburg. „Das bezieht sich aber vor allem auf die Technik“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Hagen.

Politik in den sozialen Netzwerken

Schulen erhielten Smartboards und Tablet-Computer, die Schüler lernten aber nicht, Nachrichtenmedien zu verstehen und kritisch zu beurteilen.
Auslöser für das Forschungsprojekt waren wissenschaftliche Erkenntnisse, dass Schüler sich zunehmend ausschließlich in sozialen Netzwerken über Politik informieren, ohne zu unterscheiden, ob die Informationen von einem professionellen Medienhaus, einer PR-Agentur, einem Blog oder Social Bot stammen. Die Kommunikationswissenschaftler haben sich für die Studie mit den Vorgaben Kultusministerkonferenz beschäftigt. Nachrichtenkompetenz kommt dort fast nicht vor.

In den Lehrplänen der Bundesländer setzen dann auch nur 43 Prozent überhaupt auf journalistische Inhalte. Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind groß. Die neuen Bundesländer stehen etwas besser da, vor allem Brandenburg. Die Forscher untersuchten 339 Lehrbücher der Klassenstufe fünf bis zehn aus Berlin, Sachsen und Nordrhein-Westfalen in den Fächern Deutsch, Ethik, Gemeinschaftskunde und Geschichte. Auch hier kommt eine Nachrichtenvermittlung kaum vor.

Lehrer wissen zu wenig

Anschließend beschäftigten sich die Wissenschaftler mit dem Lehramtsstudium und kamen zum selben Ergebnis. Die angehenden Lehrer wissen selber zu wenig. 40 Prozent glauben, dass ein Pressebericht über ein Bundesministerium vor der Veröffentlichung von ihm genehmigt werden muss. Nur ein Drittel der Befragten weiß, dass Journalisten keine Berufslizenz brauchen.

Das Fazit der Forscher: Nachrichtenkompetenz werde in der Schule vernachlässigt. „Es muss mehr vermittelt werden, am besten in einem Fach Medienkunde“, sagt Wissenschaftler Hagen. Soweit wollen die Auftraggeber der Studie nicht gehen. „Ich wäre schon zufrieden, wenn es im Gemeinschaftskundeunterricht stattfinden würde“, sagt Heinrich Meyer, Vorsitzender der Stiftervereinigung der Presse, in der sich Verleger, Journalisten und Wissenschaftler zusammen geschlossen haben.

„Die freiheitlich demokratische Grundordnung ist kein Selbstläufer. Um die demokratische Gesellschaftsordnung aufrechtzuerhalten, braucht man Nachrichtenkompetenz“, sagt Meyer. Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger Dietmar Wolff fordert eine Auseinandersetzung mit der Frage, welche Rolle Medien in der Demokratie spielen.

Technische, soziale und ökonomische Aspekte der Medienbildung

Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) räumt die Defizite ein. „Es ist richtig, dass mehr getan werden muss“, sagte sie am Donnerstag auf Anfrage. Tatsächlich sind die sozialen Netzwerke für einige zumeist ältere Lehrer Neuland. Allerdings seien mittlerweile viele onlineaffine Junglehrer eingestellt worden. In den neuen, ab diesem Schuljahr gültigen Rahmenlehrplänen ist Medienbildung durchgehend und fächerübergreifend vorgeschrieben. „In allen Klassenstufen sollen technische, soziale und ökonomische Aspekte der Medienbildung mit den Inhalten des jeweiligen Faches verbunden werden“, heißt es.

Und die Methodenkompetenz soll so erweitert werden, dass die Schüler selbstständig Informationen aus digitalen Medien beschaffen, aufarbeiten und einordnen können. Demnächst nehmen an Berliner Schulen 20 Lehrer als „Digitalbotschafter“ ihre Arbeit auf. Sie sollen Lehrer und Schüler für die Herausforderungen der digitalen Welt sensibilisieren. Das Fach „Politische Bildung“ soll wieder ein eigenständiges Schulfach werden. Damit die Schüler überhaupt über das nötige Wissen verfügen, die Nachrichten einordnen zu können.