Berlin - Immerhin propagiert Abdul Adhim Kamouss nicht den bewaffneten Dschihad. Allerdings vertritt er ein reaktionäres Frauenbild. Am Sonntag war der 37-jährige Imam zu Gast in der Talkshow von Günther Jauch in Berlin. Dort sollte er wohl die Rolle des reaktionären Vorzeige-Salafisten spielen.

Stattdessen redete er die Runde in Grund und Boden – nicht etwa mit Argumenten, sondern mit jenen Plattitüden, die er auch in seinen zahllosen Predigten verwendet. Unbeabsichtigt machte Kamouss damit deutlich, was für ein Weltbild einige der populärsten Prediger dieser Stadt propagieren – und zwar weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Kaum Informationen über die Salafistenszene

Die Predigerszene in den Moscheen ist unübersichtlich, Imame wechseln häufig, es dringt nicht viel nach außen. Der Verfassungsschutz beobachtet nur einige Moscheen, in denen es besonders radikal zugeht. „Wir sind keine Religionspolizei“, sagt Behördensprecherin Isabelle Kalbitzer. „Wir beobachten nur die Gruppen, die extremistische Bestrebungen verfolgen.“ Da habe man Mittel und Wege, an Informationen zu kommen.

Die Sicherheitsbehörden haben es allerdings schwer, Informanten in der Islamistenszene zu gewinnen. Und das Vertrauen in die staatlichen Institutionen scheint unter den Gläubigen dort nur schwach ausgeprägt zu sein. So hat der Berliner Verfassungsschutz unter den Nummern 030/901 29-400/401/402 ein „Allgemeines vertrauliches Telefon“ geschaltet für Hinweise auf radikale Bestrebungen. Gebrauch macht davon kaum jemand. Sinnigerweise hat das Bundesamt für Verfassungsschutz seine vertrauliche Hotline abgeschaltet, just in dem Augenblick, als das Thema „Islamischer Staat“ aktuell wurde.

Abdul Adhim predigt regelmäßig in der Neuköllner Al-Nur-Moschee. Er ist einer von mehreren populären Predigern in der Hauptstadt, die erzkonservative Ansichten vertreten, welche nur schwer mit Demokratie und Menschenrechten vereinbar sind: Dass eine Frau die Bitten ihres Ehemannes, sich zu Bett zu begeben, nicht ausschlagen solle, ansonsten würden die Engel sie auf ewig verfluchen, hatte er 2002 gepredigt. Das wurde ihm bei Jauch vorgehalten. Heute würde er das nicht mehr so sagen, weil er sich weiterentwickelt habe, beteuerte der Imam prompt.

Wörtliche Auslegung der Prophetenschriften

In vielen Videos, die aus jüngerer Zeit stammen, kann man ähnliche Einlassungen von ihm allerdings auch hören: Dass etwa Frauen einen männlichen Vormund bräuchten und ihre Eheschließung ungültig sei, wenn sie sich selber verheirateten. Die Konsequenz seiner Belehrungen ist, dass sich Frauen verschleiern und der Druck auf Mädchen zunimmt. Zu den Weisheiten des Predigers gehört auch, dass ein Mann einen Vollbart tragen müsse wie der Prophet. Rasieren hält er für Sünde.

Abdul Adhim gilt als Salafist, also Anhänger einer besonders radikalen Form des Islam, die sich auf die Lehren der Altvorderen bezieht, die zur Zeit Mohammeds lebten. Sie legen die Worte des Propheten wörtlich aus. Ihre Ideologie bildet die Grundlage für militante Dschihadisten. Allerdings spricht sich Abdul Adhim stets gegen Gewalt aus. In der Jauch-Sendung wedelte er sogar mit einem Schreiben des ehemaligen Innensenators Ehrhart Körting (SPD), der sich 2011 bei ihm bedankte für seinen Einsatz bei der Vorbereitung der „Woche gegen Gewalt“.

Damals wurde Abdul Adhim allerdings auch im Verfassungsschutzbericht erwähnt. Denn der salafistische Prediger hatte an Infoständen in Steglitz und Neukölln Bücher und Broschüren verteilt und vor allem versucht, Nichtmuslime für das salafistische Islamverständnis zu gewinnen. Zur selben Zeit warb er auch gemeinsam mit dem Berliner Rapper Denis Cuspert alias Deso Dogg für Islamseminare in der Al-Nur-Moschee. Denis Cuspert, der mittlerweile vom Bundeskriminalamt weltweit gesucht wird, hat sich der Terrororganisation „Islamischer Staat“ angeschlossen und ist wahrscheinlich an Gräueltaten in Syrien beteiligt.

Schulverwaltung will reagieren

Laut Sicherheitsbehörden leben allein in Berlin rund 550 von bundesweit 6 000 Salafisten. Ihre Zentren sind vor allem die Neuköllner Al-Nur-Moschee und die Moschee „As-Sahaba/Die Gefährten e.V.“ in Wedding. Salafistische Ansichten verbreiten sich immer stärker auch unter Schülern. Diese Tendenzen beobachten Lehrer an Schulen in Neukölln, Kreuzberg oder Wedding schon seit fünf Jahren. Doch erst jetzt scheint die Senatsbildungsverwaltung das Problem zu erkennen. Dort wird nun über eine „Schnittstelle“ zur Innenbehörde und zum Verfassungsschutz nachgedacht, die Informationen zu islamistischen Umtrieben sammeln und Beratung anbieten könnte – etwa wenn ein Schüler plötzlich mit Kopfbedeckung erscheint, sich einen Vollbart wachsen lässt und sich weigert, mit Frauen zu sprechen.

Innensenator Frank Henkel (CDU) hat der Bildungsverwaltung mittlerweile Beratung durch den Verfassungsschutz angeboten. Doch nur wenige Schulleiter und Lehrer machen davon Gebrauch. Am Landesinstitut für Schule und Medien (Lisum) soll es im Oktober eine erste Informationsrunde für Schulleiter und Lehrer geben.

Einen Dialog zwischen Moscheen und Behörden gibt es kaum. Es fehlen Ansprechpartner. Moschee-Vereine sind selten gut organisierte Gebilde. Oft werden sie von ehrenamtlichen Vorständen geleitet und beschäftigen einen Vorbeter, der nicht einmal religiös ausgebildet sein muss. „Imam ist kein geschützter Begriff“, sagt Thomas Mücke, Geschäftsführer des Vereins „Violence Prevention Network“.

Mücke beschäftigt sich beruflich mit religiös begründetem Extremismus. Zurzeit entwickelt der Verein Programme gegen die Radikalisierung junger Muslime und kümmert sich um Aussteiger. Mücke hält nichts davon, ideologisch gefährdete Jugendliche auszugrenzen. Er glaubt, dass sich Hass, Gewalt und Vorurteile nicht wegsperren lassen. Genauso sieht er es auch in Bezug auf den Umgang mit Imamen wie Kamouss, die eine traditionalistische Weltsicht vertreten. „Man muss sich mit ihnen auseinandersetzen“, sagt Mücke.

Zumal die Moschee-Vereine mit dem Thema völlig überfordert seien. Sie reagierten oft reflexhaft auf schwierige Jugendliche, versuchten, sie rauszuhalten, um nicht in schlechtem Licht dazustehen. Schwierigen Diskussionen über Ursachen und Folgen von Radikalisierung seien die Vereine nicht gewachsen, sie distanzierten sich, woraufhin die Jugendlichen nicht mehr hinkämen und sich woanders Gleichgesinnte suchten. Zum Beispiel in der Al-Nur-Moschee.

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