Berliner Schulleiter genervt: Viele Familien wollen früher in den Urlaub

Wie ernst nehmen wir die Schulpflicht? Diese Frage treibt viele Schulleiter derzeit um. Am Mittwoch ist letzter Schultag, dann beginnen die Sommerferien. Doch auch in Berlin nehmen etliche Eltern ihre Kinder schon ein, zwei oder noch mehr Tage früher aus der Schule, um zum Beispiel noch einen günstigeren Flug zu erwischen.

In Bayern kontrollierte zuletzt sogar die Bundespolizei vor Ferienbeginn auf Flughäfen Familien mit Kindern, die so aussahen, als wäre sie im schulpflichtigen Alter. Die Bundespolizisten traf tatsächlich mehr als zehn Kinder an, die eigentlich noch in der Schule hätten sein müssen. Eltern wurden deshalb Bußgelder auferlegt, denn die eigenmächtige Ausweitung der Ferienzeit wird als Ordnungswidrigkeit gewertet.

Direktorin lehnt Anträge ab

Auch in Berlin wollen viele Eltern mit ihren Kindern früher in die Ferien aufbrechen. Denn mit Ferienbeginn explodieren Flug- und Unterkunftspreise. Doch Kontrollen in Schönefeld oder Tegel soll es nicht geben, hieß es aus mehreren Schulämtern. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) werde dazu auch keine Anweisungen geben, sagt ihre Sprecherin Beate Stoffers. Dabei verstoßen Eltern mittlerweile recht mutwillig ein paar Tage vor den Ferien gegen die Schulpflicht.

Viele melden ihre Kinder einfach krank. Das ist recht unverfroren, doch können Klassenlehrer in solchen Fällen kaum etwas machen. Eigentlich müssen Eltern in solchen Fällen einen Antrag auf vorzeitige Beurlaubung stellen, so ist es vorgeschrieben.

Schulpflicht gilt trotz günstiger Flugpreise

Mit solchen Anträgen hat Cynthia Segner, Leiterin des Gymnasiums Tiergarten, jährlich zu tun. „Ich habe gerade erst zwei Anträge auf Beurlaubung abgelehnt“, sagt sie. „Die Eltern hatten die Flüge schon lange gebucht.“ Ein Antrag sei sogar damit begründet worden, dass die Flüge ab dem 5. Juli um gut 500 Euro teurer würden. Cynthia Segner ist leicht ungehalten. „Das hat schon etwas mit einem Verfall der guten Sitten zu tun, wenn die Leute einfach davon ausgehen, damit durchzukommen.“ Sie könne das nicht erlauben, schließlich gelte die Schulpflicht.

„Da muss es schon um akute Notfälle gehen, um Todesfälle in der Familie etwa.“ Auffällig sei zudem auch der Anstieg von Gefälligkeitsattesten, Ärzte würden Kinder oft allzu schnell krank schreiben. Zudem wird Berlin internationaler, auch das macht sich bemerkbar. „Viele, die ihre familiären Wurzeln im Ausland haben, wollen gleich sieben Wochen verreisen“, sagt Cynthia Segner. Ein anderer Schulleiter berichtet hinter vorgehaltener Hand, dass in einer Familie stets kurz vor den Sommerferien ein naher Verwandter sterbe.

Ordnungsgelder von bis zu 2500 Euro

Die gültige Rechtslage legt die „Ausführungsvorschrift Schulpflicht“ fest. Demnach ist eine Beurlaubung ausdrücklich untersagt, wenn es darum geht, früher in den Urlaub zu fahren oder später als bei Ferienende wiederzukehren. Ein Ordnungsgeld von bis zu 2500 Euro könnte fällig werden. „Einzelfälle werde auf Anfrage geprüft und durch die eigenverantwortlichen Schulen entschieden“, sagt Sprecherin Beate Stoffers. Auch andere Faktoren könnten mitentscheidend sein: Die Menge der bereits angehäuften Fehlzeiten etwa oder auch der individuelle Lernstand des Kindes. Oder die Dauer der beantragten Beurlaubung.

Auch Sylke Roschke, Leiterin des Kreuzberger Hermann-Hesse-Gymnasiums, hatte zum Ende des Schuljahres wieder mehr als zehn Anträge auf vorzeitige Ferien auf dem Tisch. Sie entscheidet nach Einzelfall, prinzipiell gilt auch für sie die Schulpflicht. An dem Gymnasien ist es oft so, dass die Eltern keinen oder nicht genug Urlaub während der Schulferien erhalten haben – und deshalb mehr Zeit mit ihren Kindern vor oder nach den eigentlichen Ferien verbringen wollen.

Nydahl-Grundschule schreibt Rundschreiben

Ein paar Hundert Meter weiter hat Claudia Deutscher, Leiterin der Kreuzberger Nydahl-Grundschule, die Eltern in Rundschreiben bereits vor Wochen darüber informiert, dass im Prinzip keine vorzeitigen Beurlaubungen möglich sind. Das habe Wirkung gezeigt, berichtet sie. Mittlerweile gebe es weniger Anträge.

Sorge bereitet ihr vielmehr, das nicht alle ihrer türkisch- und arabischstämmigen Schüler rechtzeitig aus dem Sommerferien wiederkehren könnten. Denn am zweiten Tag nach Sommerferienende findet das Opferfest statt, das höchste islamische Fest. „Womöglich werden einige die Ferien verlängern“, sagt sie.

Die familienfeindliche Reiseindustrie

Pragmatischer sieht das Günter Marzineck, der scheidende Leiter der Grundschule am Teutoburger Platz in Prenzlauer Berg. Die Familien von einigen Schülern stammten aus Australien, USA, Kanada oder Thailand. Wenn dort Familienfeste in Übersee geplant sind, habe er keine Probleme, die Schüler für ein, zwei Tage zu beurlauben.

Und was sagt der oberste Berliner Elternvertreter? Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses, hält das bestehende Regelwerk insgesamt für sinnvoll. „Der eigentliche Skandal liegt darin, dass die Reiseindustrie die Kosten derart steigen lässt, sobald Ferien sind.“

Unklar ist, ob die Fehlzeiten sich kurz vor den Ferien überhaupt noch auf dem Zeugnis widerspiegeln. Am Gymnasium Tiergarten werden die Fehlzeiten noch bis zum letzten Schultag handschriftlich eingetragen. Anderswo geschieht das oft nicht – oder sie finden sich auf dem nächsten Zeugnis wieder.